The Great Relative

aus HEUREKA 1/05 vom 26.01.2005

Albert E. war nicht nur einer der größten Wissenschaftler aller Zeiten und ihr erster Popstar. Er war ein Mann vieler Eigenschaften und hatte zahlreiche Interessen jenseits der Physik. Eine kleine Zusammenfassung seiner wichtigsten Begabungen, Bekenntnisse, Berufungen und Bezeichnungen von A bis Z.

Antimilitarist E. bezeichnete den erzwungenen Militär- und Kriegsdienst als eine verwerfliche Gewalttat. Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 sah der "militante Pazifist" (A. E.) allerdings unter bestimmten Umständen eine Notwendigkeit für militärische Aktionen gegeben.

Berater der US Navy für hochexplosive Sprengstoffe wurde E. im Jahr 1943 und blieb es bis 1946. Er erhielt dafür 25 Dollar pro Tag und arbeitete unter anderem an der Verbesserung von Torpedos.

Chefingenieur des Universums. Anrede auf einem Brief, der an A. E. adressiert war.

Deutschlandgegner Nach der Shoah zeigte sich E. den Deutschen gegenüber unversöhnlich und wollte "mit ihnen nichts mehr zu tun haben". Sie seien "als ganzes Volk für diese Massenmorde verantwortlich und müssen als Volk dafür bestraft werden".

Einspänner E. hat zeit seines Lebens "ein Bedürfnis nach Einsamkeit" (A. E.) empfunden und bezeichnete sich selbst wiederholt als "richtigen Einspänner".

Freudianer war E. nicht wirklich, dazu stand er dem Begründer der Psychoanalyse zu ambivalent gegenüber. Er weigerte sich 1928, Freud für den Nobelpreis für Medizin vorzuschlagen und zog es persönlich vor, "im Dunkel des Nicht-Analysiertseins zu verbleiben". Andererseits wandte er sich 1932 an Freud, um mit ihm über die Frage "Warum Krieg?" zu korrespondieren.

Gatte war E. ein ziemlich schlechter. Der zwei Mal Verheiratete (ab 1903 mit Mileva, ab 1919 mit seiner Cousine Elsa) hielt die Ehe unter anderem für "eine Sklaverei in einem kulturellen Gewand" und den "erfolglosen Versuch, einen Zufall zu etwas Dauerhaftem zu machen".

Hundebesitzer E. hatte unter anderem einen Hund namens Chico, den er für intelligent hielt: "Er hat Mitgefühl, weil ich immer so viel Post bekomme, deswegen versucht er, den Postboten zu beißen."

Indianerhäuptling Bei einem Besuch bei den Hopi-Indianern 1931 wurde E. die Häuptlingswürde verliehen. Er bekam den Namen "The Great Relative" - in Anspielung auf E.s "Doppelfunktion" als großer Verwandter ("relative") und Begründer der Relativitätstheorie.

Jude Einstein war jüdischer Abstammung, trat in der Mittelschule aus der jüdischen Religionsgemeinschaft aus, blieb aber zeit seines Lebens dem Judentum eng verbunden: "Seh' ich meine Juden an / hab' nicht immer Freude dran / fallen mir die Andern ein: / Bin ich froh, ein Jud' zu sein."

Kryptokommunist "Ich war nie ein Kommunist", schrieb er 1950. "Aber wenn ich es wäre, würde ich mich nicht dafür schämen." Für Lenin bekundete er durchaus Respekt, an der Produktivität der Planwirtschaft hingegen erhebliche Zweifel. Ein Linker war er aber allemal.

Liebhaber E. hatte etliche Affären und liebte die Frauen - "je gewöhnlicher und verschwitzter sie waren, umso besser gefielen sie ihm", meinte sein Arzt János Plesch.

Musiker Nach der Arbeit erholte sich E. beim Spiel auf seiner Geige, die er "Lina" nannte und leidlich gut beherrschte. Ein Berliner Musikkritiker, der nicht wusste, dass E. für seine physikalischen und nicht für seine musikalischen Leistungen berühmt war, meinte angeblich: "E.s Geigenspiel ist ausgezeichnet, aber Weltruhm verdient er nicht; es gibt viele andere, die genauso gut spielen."

Nobelpreisträger wurde E. erst 1922 - und zwar nicht wegen seiner Relativitätstheorien, sondern für sein Gesetz des fotoelektrischen Effekts, also seinen Beitrag zur Quantenphysik. Er war gerade in Japan und nahm den Preis nicht persönlich entgegen.

Olympionike war E. nur insofern, als er mit zwei Freunden die Akademie Olympia gründete, einen Diskussionszirkel, der für seine wissenschaftliche Entwicklung wichtig war und dem er ein Leben lang treu blieb.

Philosoph "Das Interesse an Philosophie war bei mir immer da", schrieb E., der bereits mit 13 Kants "Kritik der reinen Vernunft" las, nur um später an dessen Verständnis von Raum und Zeit als fix gegebene Formen der Anschauung zu rütteln. "E. war Physiker und nicht Philosoph", meinte C.F. von Weizsäcker. "Aber die naive Direktheit seiner Fragen war philosophisch."

Quantentheoretiker war er nicht wirklich. E. hat die Quantentheorie 1905 zwar ein entscheidendes Stück weitergebracht, dennoch weigerte er sich zeitlebens, ihre radikalen Konsequenzen zu akzeptieren - obwohl er über sie "hundertmal so viel nachgedacht" habe wie über die allgemeine Relativitätstheorie.

Raucher E. rauchte leidenschaftlich und war der Überzeugung, dass Pfeiferauchen "zu einem einigermaßen objektiven und gelassenen Urteil über menschliche Angelegenheiten" beitrage. Er hat seine Pfeife angeblich auch dann nicht aus der Hand gelassen, als er einmal mit seinem Boot umkippte und sich im Segel verfing.

Segler "Der Sport, der die geringste Energie beansprucht" (A. E.) war eine seiner Lieblingsbeschäftigungen. Seine Stieftochter Margot E. meinte: "Er segelte wie Odysseus."

Schüler E. war - entgegen einem anders lautenden Gerücht - kein schlechter Schüler. Die Legende entstand dadurch, dass einer seiner Biografen das "verkehrte" Schweizer Notensystem (Einser in Österreich entsprechen Sechser in der Schweiz) missinterpretierte.

Techniker "Ich sollte ursprünglich auch T. werden", schrieb E. 1919. Tatsächlich wurde er im Berner Patentamt zum Technischen Experten II. Klasse befördert und meldete selbst zahlreiche Patente an, unter anderem für einen Elektrometer und einen Kühlschrank.

US-Bürger 1940, also fast acht Jahre nach seiner Emigration in die USA, wurde Einstein die US-Staatsbürgerschaft verliehen, mit dem American Way of Life konnte er sich nie wirklich anfreunden.

Vegetarier E. meinte, "die Tierleichen immer mit etwas schlechtem Gewissen gegessen" zu haben. Also lebte er "fettlos, fleischlos, fischlos dahin, fühle mich aber ganz wohl dabei".

Weltbürger E. hatte die deutsche, die Schweizer, kurz die österreichische und die US-Staatsbürgerschaft, "nach Instinkt und Neigung" sah er sich als Europäer, doch im Grunde war er ein Weltbürger.

Zionist Einen jüdischen Staat in Palästina lehnte E. lange ab, weil dessen Gründung einen Dauerkonflikt mit den ansässigen Arabern nach ziehen würde. Infolge der Shoah begrüßte er aber doch die Ausrufung Israels. K. T.

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