Die Lehren der Bären

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 1/05 vom 26.01.2005

Einstein-Erinnerungen aus erster Hand: Der renommierte Wiener Physiker Walter Thirring ist einer der wenigen noch lebenden Forscher, die mit Einstein persönlich Kontakt hatten. Über Bären in Bern, politische Plaudereien, höhere physikalische Probleme und musikalische Fähigkeiten.

Bevor Walter Thirring Albert Einstein zum ersten Mal begegnete, war er trotz seiner Jugend schon mit einigen anderen Koryphäen der Physik zusammengetroffen. Mit einer hatte er es von Geburt an zu tun gehabt: Sein Vater Hans war ab 1921 Professor für theoretische Physik, hielt an der Universität Wien die ersten Vorlesungen über Einsteins Relativitätstheorie und sagte 1918 den erst jüngst experimentell bestätigten Lense-Thirring-Effekt voraus.

Walter Thirring wollte eigentlich Musiker werden; sein älterer Bruder hätte eigentlich in die Fußstapfen des Vaters treten sollen. Doch er fiel an der Ostfront, und so lag es an Walter, die wissenschaftliche Tradition der Familie fortzuführen. Das gelang: Nach ausgezeichneter Promotion ging Walter Thirring als erst 22-Jähriger für ein Jahr zu Erwin Schrödinger nach Dublin. Danach arbeitete er bei Werner Heisenberg in Göttingen und bei Wolfgang Pauli in Zürich. Es folgte ein Jahr als Assistent in Bern, ehe Thirring im Studienjahr 1953/54 nach Princeton übersiedelte und dort Albert Einstein kennen lernte. Thirring war 26, 48 Jahre jünger als Einstein.

"Die erste Begegnung war sehr lustig", erinnert sich der heute 77-Jährige. "Nachdem ich die Assistentenstelle in Bern erwähnt hatte, sagte Einstein, dass er in seiner Jugend dort sehr schöne Jahre verlebt und viel über Physik gelernt habe." Das habe ihn selbst sehr verwundert, so Thirring, "denn Einstein hatte als völliger Außenseiter niemanden von seinem Rang in der Nähe gehabt, von dem er etwas hätte lernen können".

Seine Lehrmeister waren auch keine Menschen. "Einstein erzählte mir, dass er in Bern gerne in der Altstadt, zum Bärengraben hinuntergegangen sei und beim Füttern der Bären zugeschaut habe. Dabei habe er beobachtet, dass die meisten Bären die Schnauze auf den Boden gerichtet hielten und nichts Besonderes finden. Nur einige würden sich auf die Hinterbeine stellen, so einen besseren Überblick haben und damit auch die besseren Bissen kriegen. Das habe ihn an die Physiker erinnert, die auch nur, über den Rechenzettel gebeugt, ein im Augenblick vorhandenes Problem sähen. Die wesentlichen Entdeckungen würden aber nur gemacht, wenn man die größeren Zusammenhänge überblicke."

Neben privaten Einladungen zum Tee, bei denen es vor allem um die US-amerikanische Politik ging ("das fiel in die McCarthyzeit. Da engagierte sich Einstein mit gutem Recht, weil das wirklich skandalös war"), erinnert sich Thirring vor allem an zwei wissenschaftliche "Privatissima" mit Einstein. Beim einen Mal unterbreitete ihm Thirring seine neuen Ideen zur Einstein'schen Gravitationstheorie, beim anderen Mal seine Gedanken über ein spezielles Problem der Quantentheorie, bei dem es um das Entstehen von Teilchen gleichsam aus dem Nichts ging. Beide Male war Einstein skeptisch.

Im Falle der Gravitationstheorie war Einstein - kürzest gefasst - dagegen, dass Thirring das Schwerefeld wie ein elektromagnetisches Feld behandelte. Der weitgehend unbekannte Außenseiter veröffentlichte seine Ideen trotzdem und erhielt von keinen Geringeren als Heisenberg, Dirac und Oppenheimer positive Reaktionen. Im anderen Fall verzichtete Thirring auf die Publikation der Ideen: "Einstein hatte sich mit manchen Paradoxa der Quantentheorie abgefunden", so Thirring, "aber das war ihm zu radikal." Der junge Physiker hatte damals in gewisser Weise der heute berühmten Hawking-Strahlung "vorgefühlt", also des Austritts von Teilchen aus Schwarzen Löchern. Warum Einstein die Quantentheorie einfach nicht akzeptieren wollte, hat für Thirring, der 1959 Ordinarius für theoretische Physik in Wien wurde, einen einfachen Grund: "Man sagt immer, die Relativitätstheorie sei so etwas Revolutionäres. In Wahrheit ist es nur die konsequent zu Ende gedachte klassische Physik, an der nicht gerüttelt wird. Und da er damit so erfolgreich war, dachte er, dass das auch so bleiben muss."

Wozu es leider nicht kam, war eine Begegnung der beiden Physiker auf dem Gebiet der Musik, sprich: ein Duo des Geigers Einstein mit dem ausgezeichneten Pianisten, Organisten und Komponisten Thirring, der bis heute sowohl als Wissenschaftler wie auch als Musiker aktiv ist. Weil er den wohl berühmtesten nicht professionellen Geiger nie spielen hörte, will sich Thirring auch kein Urteil über dessen musikalische Fähigkeiten anmaßen. "Mein Kollege Leon van Hove jedoch, der damals in Princeton war, hat Einstein gehört. Und er sagte mir: ,Du bist der bessere Musiker.'"

Walter Thirring: Kosmische Impressionen. Gottes Spuren in den Naturgesetzen. Wien 2004 (Molden). 216 S., e 25,50

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