Einstein ohne Sockel

aus HEUREKA 1/05 vom 26.01.2005

Peter Galison findet Genieverehrung steril und altmodisch. Viel spannender ist für den renommierten Wissenschaftshistoriker von der Harvard University die Frage, aufgrund welcher konkreten Umstände Einstein vor hundert Jahren der Durchbruch zur speziellen Relativitätstheorie gelang.

heureka: Albert Einstein gilt als das Paradebeispiel des einsamen Genies. Sie stellen dieses Bild infrage.

Peter Galison: Ich will zeigen, dass Einstein sich in jungen Jahren sehr viel mit Philosophie, Patenten und materiellen Objekten beschäftigt hat und seine Erkenntnisse in einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort eingebettet waren. Das ging in den Idealisierungen der späteren Jahre verloren. Wenn ich die Kontextabhängigkeit betone, dann meine ich damit nicht, dass Einstein blöd war oder dass jeder dasselbe hätte tun können. Ganz im Gegenteil. Mich stören aber die Darstellungen, die damit beginnen und damit aufhören, Einstein sei ein Genie gewesen. Das ist, wie wenn man ein wundervolles Gemälde betrachtet und sagt: Was für eine schöne Pinselführung, welch meisterhafter Einsatz der Farbe! Das ist Wertschätzung in einem schwachen und altmodischen Sinne. Wenn ich mir ein Da-Vinci-Gemälde anschaue, dann will ich wissen: Für welche Probleme interessiert sich der Künstler? Auf was bezieht sich das Gemälde? Ich will verstehen lernen, was ich eigentlich sehe.

Und was wäre dies im Fall der speziellen Relativitätstheorie?

In der Zeit um 1900 kamen Philosophie, Physik und Technologie zusammen. Man stelle sich vor: ingenieurwissenschaftliches Denken in der Philosophie! Einstein und Henri Poincaré, der der Relativitätstheorie sehr nahe kam, befanden sich beide an dieser Schnittstelle, auch wenn sie sehr verschiedene Ansätze hatten und das, was sie taten, sehr unterschiedlich verstanden. Beide stellten erkenntnistheoretische Fragen: Was verstehen wir unter Zeit? Was unter Raum? Und beide zweifelten an dieser Idee des Absoluten. Beide interessierten sich für die Idee relativer Bewegung, insbesondere von elektrischen und magnetischen Feldern.

Waren es nun eher Ideen oder doch technische Fragestellungen, die die wissenschaftliche Revolution von 1905 auslösten?

Das ist eine falsche Formulierung des Problems. Ich versuche nicht, eine Art des Idealismus durch eine Art des Materialismus zu ersetzen. Keiner dieser Ansätze kann erklären, was passierte. Die Lösungen zur Synchronisierung der Uhren, die Einstein und Poincaré in unterschiedlicher Weise vorschlugen, waren gleichzeitig Lösungen im abstraktesten Bereich der Physik, aber auch in Philosophie und Technologie. Weder ist die Relativitätstheorie eine reine Abstraktionsleistung noch ausschließlich aus technologischen Problemen erwachsen.

Die Mär vom einsamen Genie zu widerlegen: das klingt nach viel Arbeit.

(Lacht) Ich könnte jeden Tag über Einstein vortragen, so viele Einladungen erhalte ich. Das geht einfach nicht, wenn ich meiner Arbeit nachgehen und mein Leben leben will.

Nimmt Ihr Publikum dieses neue Einsteinbild an?

Wenn ich zu Physikern spreche, fragen sie mich, was heute der Koordinierung der Uhren von damals entspricht. Also: Wo kommen unsere theoretischen Annahmen in direkten Kontakt mit Technologie? Ich diskutiere dann mit ihnen Bereiche wie Kybernetik, Computertheorie und Nanotechnologie.

Wenn ich mich an ein breites Publikum wende, will ich ein besseres Verständnis der Relativitätstheorie vermitteln, indem ich die Fragen stelle, auf die die Relativitätstheorie seinerzeit die Antworten geliefert hat. Wenn wir Naturwissenschaft von ihrem Entstehungskontext loslösen, ist sie manchmal schwieriger zu verstehen.

Aber blenden die Feierlichkeiten des Einsteinjahres nicht gerade den Entstehungskontext seiner Leistungen aus?

Die Gefahr besteht. Aber man kann das auch positiv sehen. Wir leben nun einmal in einem Zeitalter der Prominenz. So gesehen ist es mir allemal lieber, wenn mit Einstein ein Kriegsgegner und Befürworter einer rational organisierten Gesellschaft gefeiert wird. Interview: O. H.

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