Betonvolkskühlschrank

aus HEUREKA 1/05 vom 26.01.2005

Es war ein tragischer Unglücksfall: Im Winter 1925/26 starb eine Berliner Familie an einer Vergiftung. Aus dem Kältemittelkreislauf ihres Kühlschrankes war vermutlich Schwefeldioxid ausgeströmt. Als Albert Einstein aus der Zeitung davon erfuhr, machte er sich mit seinem ungarischen Freund und Kollegen Leo Szilard an die Konstruktion eines sicheren Kühlgerätes. Der große Theoretiker war auch ein praktisch begabter Tüftler, hielt über zwei Dutzend Patente - und verstand sich als Menschenfreund.

Beim Einstein-Szilard-Modell ersetzten leichtflüchtige Kohlenwasserstoffe das Schwefeldioxid. Mithilfe einer Wasserstrahlpumpe - eine flächendeckende Stromversorgung gab es in den Zwanzigerjahren noch nicht - wurde Methanol oder Brennspiritus aus dem Behälter unter dem Schrank in den Verdampfer geleitet. Im Unterdruck verdunstete der Alkohol und erzeugte einen Temperaturabfall, der Wasser zu Eis gefrieren ließ. Die Dämpfe wurden mit dem Abwasser abgeleitet, um eine Gefährdung der Bewohner zu vermeiden.

1928 war der heute nicht mehr erhaltene Prototyp, gebaut von der Hamburger Firma Citogel, auf der Leipziger Messe zu sehen, ging aber nie in Serie. Einstein selbst hat versucht, seine Beteiligung zu verheimlichen. Er wollte vermeiden, dass mit seinem Namen Werbung gemacht wird. Das ging auch jahrzehntelang gut. Dann aber sind ihm findige Wissenschaftshistoriker wie Gene Dannen und Wolfgang Graff auf die Schliche gekommen.

Das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin lässt nun gar prüfen, ob man den Kühlschrank nachbauen kann. Dieser Auftrag hat Wolfgang Engels, Mitglied der Arbeitsgruppe "Didaktik und Geschichte der Physik" an der Universität Oldenburg, die sich auf die Replikation historischer Instrumente spezialisiert hat, ganz schön ins Schwitzen gebracht. Denn als alter Patentfuchs wusste Einstein, wie man eine technische Zeichnung - etwa mit falschen Proportionen - so verschlüsselt, dass plagiierende Konkurrenten in die Irre geführt werden.

Nach einigem Tüfteln über die Funktionsweise der Pumpe hat Engels nun schon zweistellige Minusgrade erzielt, und ein Nachbau scheint in den Bereich des Möglichen gerückt. Leicht wird die Sache freilich nicht: Wie die Rekonstruktion der Oldenburger Wissenschaftshistoriker ergab, muss der Kühlschrank aufgrund seiner Betonummantelung 400 bis 500 Kilogramm gewogen haben. Die Museen sind jedenfalls schon hellhörig geworden: Im Einsteinjahr statt mit Flachware, also Briefen und Büchern, mit dem "automatischen Betonvolkskühlschrank" (so sollte er wirklich heißen) aufzuwarten - ein heißer Ausstellungsmachertraum. O. H.

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