Antirelativitätstheoretische GmbH

O. Hochadel | aus HEUREKA 1/05 vom 26.01.2005

Mit dem Ruhm stellten sich auch die Gegner ein. In den frühen Zwanzigerjahren machte in Deutschland eine bunte Schar von mehr oder weniger honorigen Physikern, Antisemiten und Scharlatanen gegen Albert Einstein und die Relativitätstheorie mobil. Ihre Angriffe reichten von Manifesten bis hin zu Morddrohungen.

Der Einstein-Töter. Paul Weyland ist nur aus einem einzigen Grunde nicht im Orkus der Geschichte verschwunden. Der 24. August 1920 sichert ihm einen bescheidenen Platz in jeder Einsteinbiografie. Jener Samstagabend im großen Saal der Berliner Philharmonie sollte der Auftakt zu einer groß angelegten Anti-Einstein-Kampagne werden. Weyland versuchte die Relativitätstheorie als "wissenschaftlichen Dadaismus" zu diskreditieren und bezichtigte Einstein des Plagiats. "Zur Sache, zur Sache", mahnte das ungeduldige Publikum, darunter auch Einstein selbst, da Weyland außer Beleidigungen nichts zu bieten hatte.

Die Presse nannte ihn daraufhin den "Berliner Einstein-Töter", von den zwanzig angekündigten Vorträgen fand aber nur ein weiterer statt. Selbst unter Einsteins Widersachern hatte Weyland durch seine großspurigen Ankündigungen und seine allzu groben Ausfälle jeglichen Kredit verspielt. Seine "Arbeitsgemeinschaft deutscher Naturforscher zur Erhaltung reiner Wissenschaft e. V.", von Einstein als "antirelativitätstheoretische GmbH" verspottet, blieb ein Einmannverein.

Weyland, angeblich Chemiker und mit selbst verliehenem Doktortitel, versuchte sich in der Folge als "politischer Schriftsteller". Mit seinen beständigen Betrügereien verscherzte es sich der SA-Sturmführer aber trotz seiner völkisch-antisemitischen Einstellung sogar mit den Nazis. Die Kriegsjahre verbrachte Weyland in den Konzentrationslagern Dachau und Sachsenhausen.

Nach Kriegsende arbeitete der Kommunistenhasser angeblich für den amerikanischen Geheimdienst, 1948 wanderte er in die USA aus. Im September 1953 brachte sich Weyland nochmals in unrühmliche Erinnerung, als er mit vermeintlichen Belegen aus den frühen Zwanzigerjahren Einstein beim FBI als Kommunisten denunzierte, wohl um sein eigenes Einbürgerungsverfahren zu beschleunigen. Ganz im Geiste McCarthys ordnete Edgar Hoover, der damalige Leiter des FBI, persönlich an, erneut Nachforschungen über Einstein anzustellen. So schwoll Einsteins FBI-Akte auf insgesamt 1500 Seiten an - eine kommunistische Vergangenheit konnte man ihm dennoch nicht anhängen.

Cut and paste. Ein Einsteingegner ganz anderen Kalibers war Ernst Gehrcke, der zweite Redner an jenem 24. August 1920. Der renommierte Experimentalphysiker wetterte bereits seit 1911 gegen die Relativitätstheorie, weil es an experimentellen Belegen mangele. Paradoxerweise genau zu dem Zeitpunkt, als diese vorlagen, also 1919, nahm Gehrcke Schere und Klebstoff in die Hand. Es galt, Einstein als reines Medienphänomen zu entlarven.

Der obsessive Sammler Gehrcke beauftragte Zeitungsausschnittbüros damit, nach den Schlüsselbegriffen "Einstein" und "Relativitätstheorie" zu suchen - und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch in England, Frankreich und Italien, also jenen Ländern, die Einstein in diesen Jahren bereiste und wo er mediale Wirbelstürme auslöste. Gehrcke ordnete die Schnipsel thematisch, klebte sie in Kladden ein und fügte Unterstreichungen und Kommentare hinzu. Seine Zeitungsausschnittsammlung - etwa 3000 der ursprünglich etwa 5000 Artikel haben sich erhalten - sind eine wissenschaftshistorische Fundgrube. Daraus wird etwa ersichtlich, dass sich die Einsteinmanie auch in kleineren Regionalzeitungen abspielte und dass sich die Presse keineswegs geschlossen hinter Einstein und seine Relativitätstheorie stellte, wie die rechten Verschwörungstheoretiker behaupteten.

Freilich, für Gehrcke "war die Zeitung ein populäres Sensations- und Tendenzmedium, dessen negative und suggestive Einflussnahme auf die öffentliche Meinung evident war", wie Anke te Heesen vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin schreibt. Wobei Gehrcke durch die Aneinanderreihung ähnlicher Artikel sich selbst des "suggestiven rhetorischen Mittels der Wiederholung" bediente.

Diese Massierung von Belegstücken brachte es für ihn an den Tag: "Die Massensuggestion der Relativitätstheorie" lautete der Titel einer kritisch kommentierten Zitatencollage, die Gehrcke 1924 in Buchform veröffentlichte. Aus den flüchtigen Zeitungsmeldungen sollte ein handfester Beweis werden, um Einsteins Reisen, seine Vorträge und Popularisierungsbemühungen als unlautere Reklame zu entlarven.

Die Berichterstattung war in der Tat häufig sensationalistisch und reißerisch. Auch fiel es Gehrcke nicht schwer, inhaltliche Verdrehungen und Fehler in den Artikeln nachzuweisen. Die Öffentlichkeit verstand eben nichts von Physik. Dass nun gleichsam die Massen darüber befinden, was in der Wissenschaft zu gelten habe, war für die konservativen und antidemokratischen Strömungen der Weimarer Republik ein gern bemühtes Horrorszenario.

Gleichwohl war Gehrcke der Erste, der Einstein als Medienphänomen und internationalen Popstar analysierte. Sehr hellsichtig sprach er gar von der "Marke Einstein" und zeigte etwa, dass die Medien sich häufig auf Äußerlichkeiten konzentrierten - für Gehrcke eine Verfallserscheinung. "Seine Diagnose war an sich nicht falsch", sagt Anke te Heesen, "aber eben durch Ressentiments verzerrt." Und seine Artikelsammlung sagte letztlich mehr über ihn und sein antimodernistisches Weltbild aus als über Einstein und die Relativitätstheorie.

Physik und Politik. Dass sich der Zeitungskritiker Gehrcke an die breite Öffentlichkeit wandte, scheint paradox. Aber es gab keine andere Möglichkeit. Experimentalphysiker wie er fühlten sich marginalisiert: durch die Medien, aber auch, weil sie den theoretischen Physikern nicht mehr folgen konnten, so Milena Wazeck vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Planck und Einstein waren für die Experimentalphysiker "bloß" Mathematiker, die Relativitätstheorie für Gehrcke ein "mathematisches Märchen", Weyland sprach gar von der "Vergewaltigung der Physik durch mathematische Dogmen".

Dieser Fundamentalkonflikt in der Physik politisierte sich. Die liberalen und linken Blätter waren - zumindest in der Tendenz - für die Relativitätstheorie, die konservativen dagegen. Dass an jenem Augustabend vor der Philharmonie antisemitische Hetzschriften verkauft wurden, alarmierte Einstein. Zumindest einige seiner Fachkollegen machten mit den Rechten gemeinsame Sache, darunter gar zwei Physiknobelpreisträger: Philipp Lenard und Johannes Stark, den Begründern der "arischen Physik", galt die Relativitätstheorie als "Judenbetrug".

Die ersten Jahre der Weimarer Republik waren eine Zeit heftigster ideologischer Auseinandersetzungen, der politisch motivierte Mord stand auf der Tagesordnung. Nachdem im Juni 1922 der deutsche Außenminister Walther Rathenau erschossen worden war, sagte Einstein seinen Plenarvortrag bei der bevorstehenden Jahresversammlung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte in Leipzig ab. Er stehe "mit an erster Stelle auf einer schwarzen Liste", schrieb er an Planck. Es war nicht die erste Morddrohung gegen ihn. In Leipzig ließ Lenard seine Studenten Flugblätter verteilen, wonach es "mit dem Ernst und der Würde deutscher Wissenschaft" unvereinbar sei, eine "unhaltbare Fiktion" wie die Relativitätstheorie zu diskutieren.

"Arisierte" Akademie. Die Preußische Akademie der Wissenschaften hat sich angesichts der zahlreichen Angriffe auf ihr Mitglied Albert Einstein nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Trotz individueller Parteinahmen für Einstein hat sich die Akademie als Institution nie hinter ihn gestellt. Prominente Naturwissenschaftler wie Max Planck glaubten nach wie vor, sich aus der Politik heraushalten zu müssen.

Gegen Ende der Weimarer Republik wurde Einstein aufgrund seiner beißenden Kritik zu einer der meistgehassten Personen der kommenden Machthaber. Im Dezember 1932 verließ er Deutschland für immer, dem Hinauswurf aus der Akademie kam er durch den Austritt am 28. März 1933 zuvor. Angesichts des vermasselten Propagandacoups soll die Wut im Preußischen Kultusministerium unbeschreiblich gewesen sein.

Quellen:

Anke te Heesen: Faktenmontagen, in: Beihefte zur Zeitschrift für Deutsche Philologie 12 (2004), S. 66-88.

Andreas Kleinert: Paul Weyland, der Berliner Einstein-Töter, in: Helmuth Albrecht (Hg.): Naturwissenschaft und Technik in der Geschichte. Stuttgart 1993, S. 198-232.

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