"Mein weiland Vaterland Österreich"

W.L. Reiter | aus HEUREKA 1/05 vom 26.01.2005

1911 wurde er für einige Monate österreichischer Staatsbürger, um Professor in Prag zu werden. 1921 gerieten seine Wiener Vorträge zum Gesellschaftsspektakel. 1931, bei seinem letzten Besuch in Wien, schlug ihm schon der Antisemitismus entgegen. Über Albert Einstein und Österreich.

Das Wunder von Wien. Der große Saal des Wiener Konzerthauses war bis zum letzten Platz ausverkauft. Kein großes Orchester hatte an diesem Jännerabend des Jahres 1921 die Massen angelockt und auch kein Startenor. Es war Albert Einstein, der auf Einladung der Wiener Urania vor 3000 Menschen über die Relativitätstheorie sprach. Nach dem Vortrag drehte er sich einfach um und verließ den Saal, ohne den Beifall des Publikums abzuwarten.

Der Vortragende selbst hatte bei der ganzen Sache eher gemischte Gefühle: "Das Publikum befand sich noch stärker als in Prag in einem merkwürdigen, erregten Zustand, bei dem es schon gar nicht darauf ankommt, was man versteht, sondern nur darauf, dass man in unmittelbarer Nähe einer Stelle ist, wo Wunder geschehen."

Für seine insgesamt drei Wiener Vorträge im Jänner 1921 (siehe Kasten) kam Einstein aus Prag angereist. Dort war er zehn Jahre zuvor - vom April 1911 bis zum September 1912 - Professor für theoretische Physik gewesen und damit auch ein Untertan Seiner k. k. Majestät Franz Joseph I. Mit anderen Worten: Der Physiker war 18 Monate lang österreichischer Staatsbürger. Doch es waren nicht nur einige Vorträge und die kurzzeitige Professur an der Universitas Carolinae Pragensis, die Einstein mit Österreich verbanden. Auch einige seiner besten Freunde und Kollegen stammten aus Wien.

Probleme bei der Berufung. An der Prager Universität hatte Einstein seine erste akademische Stellung als ordentlicher Professor inne, nachdem er an der Universität Zürich 1909 zum außerordentlichen Professor ernannt worden war. Einstein war kein versponnener Träumer, dem das Geld und die akademische Karriere gleichgültig gewesen wären. Er hatte - zumindest finanziell - für eine Familie zu sorgen, 1910 wurde sein zweiter Sohn Eduard geboren. 8672 Kronen betrug nunmehr sein Jahressalär in Prag, etwas mehr als 9000 Franken zum damals offiziellen Wechselkurs. In Zürich hatte er davor 5500 Franken erhalten.

Bevor es dazu kam, waren allerdings einige Hürden zu überwinden. Der Minister für Kultus und Unterricht, Karl Graf Stürgkh, wollte entgegen dem Vorschlag des Prager Professorenkollegiums, das Einstein an die erste Stelle gereiht hatte, mit dem zweitgereihten Gustav Jaumann aus Brünn Berufungsverhandlungen einleiten. Ob Antisemitismus oder die Ablehnung eines Ausländers zugunsten eines Österreichers für Stürgkh den Ausschlag gab, ist unklar. Eines ist verbürgt: Der als Zweitgereihter in seiner Eitelkeit gekränkte Jaumann zog seine Bewerbung zurück. Der Weg für Einstein nach Prag war frei.

Bevor der alternde Kaiser in Wien die Ernennung des jungen Professors genehmigen konnte, musste der einen Amtseid ablegen. Doch wie konnte ein Konfessionsloser auf Gott, Kaiser und Vaterland schwören? Obwohl Einstein bereits als Gymnasiast aus der jüdischen Religionsgemeinschaft ausgetreten war, erklärte er nun einfach, Jude zu sein. Also wurde vom zuständigen Beamten aktenmäßig "mosaisch" als Religion festgehalten. Den Amtseid leistete Einstein in der teuer erstandenen, doch protokollarisch vorgeschriebenen Beamtenuniform im Frack mit Zweispitz und Degen.

Professor in Prag. Die Zeit in Prag war für ihn ein gemischtes Vergnügen. Auf der einen Seite schätzte er die Schönheit der Stadt und genoss die ungestörte Ruhe. "In den stillen Räumen des Theoretisch-Physikalischen Instituts der Prager Deutschen Universität entdeckte ich 1911, dass das Äquivalenzprinzip eine Ablenkung der Lichtstrahlen an der Sonne von beobachtbarem Betrage verlangt", schrieb Einstein im Vorwort zur tschechischen Ausgabe seines Buchs "Über die spezielle und allgemeine Relativitätstheorie, leicht verständlich". Acht Jahre später sollte er mit dieser Einsicht weltberühmt werden.

Auf der anderen Seite ergab sich keine fruchtbare Diskussion mit seinen Prager Kollegen, und die wenigen Studenten zeigten im Vergleich zu seinen Zürcher Hörern kaum Engagement. Die "Tintenscheisserei" - wie Einstein seine bürokratischen Pflichten als Ordinarius qualifizierte - war ihm zutiefst zuwider. Wenn er selbst den eskalierenden Nationalitätenstreit zwischen Deutschen und Tschechen kaum zur Kenntnis nahm, so litt doch seine Frau Mileva, die Serbin war, unter den antislawischen Ressentiments der Prager Deutschen.

Sporadisch nahm Einstein in Prag an den Zusammenkünften des philosophisch-literarisch engagierten Debattierzirkels im Salon von Bertha Fanta teil. Außerdem mit dabei: der Schriftsteller Max Brod, seltener Franz Kafka, sowie der Philosoph und Zionist Hugo Bergmann - "eine mittelalterlich anmutende Schar weltfremder Menschen", wie Einstein wenig schmeichelhaft meinte. Mitunter spielte Einstein dort Geige, begleitet von Brod am Klavier. In der Darstellung der Figur des Johannes Kepler in Brods Roman "Tycho Brahes Weg zu Gott" erkannten Einsteins Freunde sehr schnell ein Charakterporträt des Prager Professors, der "überhaupt alles außer seiner Wissenschaft in einer gewissen Bewusstlosigkeit tat".

Kontakte nach Kakanien. Insgesamt hielt sich Einstein mit seiner Familie 16 Monate in Prag auf, bevor er das für ihn, aber auch für seine Familie verlockende Angebot einer ordentlichen Professur an der Eidgenössischen Technischen Hochschule annahm und im Juli 1912 Prag in Richtung Zürich verließ. Auch Wien hatte zwischenzeitlich ein gut dotiertes Angebot gestellt, doch Einstein meinte, "es wäre sehr unnobel von mir gewesen, mich auf diese Weise hinterrücks ,zu verkaufen'".

Zu Wien und seinen Freunden aus dieser Stadt bestanden vielfältige Kontakte. Im September 1910 fuhr Einstein aus Zürich kommend zu Berufungsverhandlungen nach Wien und besuchte hier Victor Adler, den hoch geachteten Parteiführer der österreichischen Sozialdemokratie. Einstein nützte diesen Aufenthalt außerdem zu einem Besuch bei Ernst Mach, um mit diesem über die Existenz von Atomen zu diskutieren, die der Mach'schen Auffassung von einer wissenschaftlichen Tatsache widersprachen. Einstein freilich war ein glühender Atomist und folgte hierin Machs Wiener Gegenspieler Ludwig Boltzmann. Mit seinen Arbeiten aus dem Jahr 1905 zur Lichtquantenhypothese und zur Brown'schen Bewegung hatte Einstein wesentliche Belege für die Richtigkeit einer atomistischen Struktur der Materie geliefert.

Den Kontakt zwischen Mach und Einstein hatte Victor Adlers Sohn Friedrich vermittelt, selbst ein treuer Machianer. Der junge Adler hatte zusammen mit Einstein in Zürich Physik studiert und, im selben Haus wie dieser wohnhaft, dort ein bohemienhaftes Leben geführt. Friedrich Adler, vielseitig begabt und zwischen Philosophie, Physik und Politik schwankend, war Assistent an der Universität Zürich und einer von Einsteins Konkurrenten, ehe man sich nach vielem Hin und Her im März 1909 entschloss, das neu errichtete Extraordinariat Einstein zu übertragen. Dies tat ihrer Freundschaft keinen Abbruch, und Einstein wünschte sich, dass Friedrich Adler sein Nachfolger in Zürich werden möge, als er selbst nach Prag ging. Doch Adler hatte sich da bereits für die Politik entschieden.

Mitgefühl für den Mörder. Für den 20. Oktober 1916 hatte Friedrich Adler, seit 1912 wieder in Wien und gegen den Willen seines Vaters politisch aktiv, eine Demonstration organisiert, auf der die Wiedereinsetzung des Parlaments gefordert werden sollte. Denn der ehemalige Unterrichtsminister Stürgkh, 1912 zum Ministerpräsidenten ernannt, regierte seit Beginn des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 das Land mit Notstandsparagraphen und ohne Parlament, das aufgelöst wurde. Stürgkh verhängte umgehend ein Demonstrationsverbot.

Als der Graf, seiner täglichen Gewohnheit folgend, am 21. Oktober im Hotel Meißl & Schadn in Wiens Innenstadt sein Mittagessen einnahm, trat Friedrich Adler an seinen Tisch mit den Worten "Nieder mit dem Absolutismus! Wir wollen Frieden" und tötete Stürgkh durch drei Schüsse in den Kopf. Er ließ sich widerstandslos verhaften. Einstein erfuhr davon am nächsten Tag aus der Zeitung. "Mein Gefühl für ihn ist wieder so lebendig geworden, dass ich unbedingt etwas für ihn tun möchte", schrieb Einstein an einen Freund und bot dem in Untersuchungshaft sitzenden Adler an, als Zeuge bei seinem Prozess auszusagen.

Zu dieser reichlich bizarren Zeugenschaft Einsteins kam es freilich nicht, doch gelang es ihm, unter den Zürcher Kollegen ein Gnadengesuch für Adler zu organisieren. Am 19. Mai 1917 wurde über Friedrich Adler die Todesstrafe verhängt und vom Appellationsgericht in 18 Jahre Festungshaft umgewandelt. In der Haft wandte sich Adler wieder der Physik zu und verfasste eine Schrift zur Widerlegung der Relativitätstheorie, die 1920 auch als Buch veröffentlicht wurde. Adler hatte in seiner Kritik an Einsteins spezieller Relativitätstheorie wieder zu Mach zurückgefunden, mit seinen nörgelnden Spitzfindigkeiten aber nur sterile Physik produziert.

Löbliches Österreich. Noch drei Jahre vor seinem Tod 1955 erinnerte sich Einstein an seinen alten Freund und seine Landsleute: "Dass die Österreicher Friedrich Adler nach dem Stürgkh-Mord nicht umgebracht haben, gereicht ihnen zur unvergänglichen Ehre." Nun, es waren nicht die Österreicher, denen die Ehre gebührte: Victor Adler hatte beim alten Kaiser Gnade für seinen Sohn erbeten, die ihm gewährt wurde; 1918, nach dem Ende der Monarchie, wurde Friedrich Adler sogar amnestiert. An ganz anderer Stelle hieß es bei Einstein: "Härten werden durch eine nie versiegende Schlamperei gemildert, wie in meinem weiland Vaterland Österreich."

Seinen umjubelten Wien-Aufenthalt zu Beginn des Jahres 1921 nützte Einstein auch, um Friedrich Adler, nunmehr Generalsekretär der Sozialistischen Internationale, zu treffen. Wie bei seinen anderen Besuchen in der Stadt wohnte Einstein auch diesmal im Hause eines anderen Freundes: Felix Ehrenhaft, Professor für Experimentalphysik an der Universität Wien, und seine Frau Olga, ebenfalls Physikerin und Gründerin eines Mädchengymnasiums und der Wiener Handelsakademie für Mädchen, waren seine Gastgeber.

Wenig willkommen. Im Oktober 1931 war Einstein ein letztes Mal zu Besuch in Wien, und wieder wohnte er im Hause Ehrenhaft. Doch die Zeiten hatten sich geändert. Die Bürgerblock-Regierung unter Karl Buresch und Johann Schober ignorierte den weltberühmten Gast ebenso wie die akademischen Funktionäre. Ein Bericht der deutschen Botschaft in Wien an das Auswärtige Amt stellte vertraulich fest, dass "die offiziellen österreichischen Stellen Prof. Einstein gegenüber, weil er Jude ist und als politisch links eingestellt gilt" sich in besonderer Zurückhaltung übten.

Zur gleichen Zeit wie Einstein war auch Auguste Piccard in Wien, dieser war allerdings von Bundespräsident Wilhelm Miklas empfangen worden. Der Schweizer Physiker hielt einen viel beachteten Vortrag über seine im Mai 1931 veranstalteten Ballonfahrten, die ihn in die Rekordhöhe von 15.000 Meter aufsteigen ließen.

Piccard, bei dessen Promotionsverfahren 1914 in Zürich Einstein als Co-Referent fungiert hatte, nahm im Hause Ehrenhaft an einem zu seinen Ehren und vor allem Vergnügen veranstalteten Musikabend teil, zu dem auch das Ehepaar Schrödinger und die Psychologin Charlotte Bühler geladen waren. Einstein spielte die Geige und bedankte sich im Gästebuch des Hauses auf seine typische Weise, mit einem - bislang unveröffentlichten - Gedicht über seinen Vortrag und Piccards Bericht:

"Denkt auch manchmal an den Alten

Der einst Predigt hier gehalten

Drauf Frau Hofrat unerschüttert

Hat die Bonzenschar gefüttert.

(...)

Hörten Piccard auch berichten

Seine grusligen Geschichten.

Schönes hab' ich viel erfahren

Wird's im Sinne stets bewahren."

Vertriebene Freunde. Zwei Jahre später verließ Albert Einstein mit seiner Familie, seiner Sekretärin Helen Dukas und seinem Wiener Assistenten Walther Mayer Europa - und betrat es nie wieder. Von Princeton aus pflegte Einstein noch briefliche Kontakte zu österreichischen Forschern: zu Hans Thirring und Erwin Schrödinger. Mit Thirring verband ihn der Kampf um den Weltfrieden, jener letzte Akt in Einsteins Leben, der zur Gründung der Pugwash-Bewegung zusammen mit Bertrand Russell führte; mit Schrödinger teilte er die Ablehnung der Quantenmechanik, jener Theorie des atomaren Geschehens, die er 1905 mitbegründet hatte und deren Konsequenzen er nie akzeptieren konnte.

Alle anderen Österreicher, die mit ihm bekannt gewesen waren - die Physikerinnen Lise Meitner und Marietta Blau, der Schriftsteller und Regisseur Berthold Viertel und seine Frau Salka, der Filmemacher G.W. Pabst, die Schauspielerin Elisabeth Bergner -, wurden, so wie er selbst, nach 1933 oder 1938 von den Nazis vertrieben.

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