"Einsteinrummel"

aus HEUREKA 1/05 vom 26.01.2005

Übervolle Vortragssäle, ein Physiker mit Dichterkopf und Ausfälle gegen das "Reklamegeschrei". Einsteins Besuch in Wien im Jänner 1921 füllte täglich mehrere Spalten in den Zeitungen. Eine kleine historische Presseschau.

"Die Vorträge von Professor A. Einstein (...) am Montag den 10. und Dienstag den 11.d., zu denen nur geladene Gäste Zutritt haben, finden (...) im Hörsaal des neuen Chemischen Instituts, 9. Bezirk, Währingerstraße 38, statt."

Neue Freie Presse, 9.1.1921

"Einstein ist ein interessanter Studienkopf. Dunkle Locken fallen von seiner hohen Stirn und umrahmen das an den Schläfen etwas ergraute Haupt des Gelehrten. Sein Antlitz zeigt scharfgeschnittene Züge, und die schwarzen Augen, die das Feuer eines reichen Innenlebens verraten, geben dem Gesichte etwas Lebendiges und Anziehendes. Die Ausdrucksweise Einsteins ist überaus klar und prägnant. Er spricht vollkommen frei, in langen, wohlgefügten Sätzen, ohne jemals während des ganzen fast zweistündigen Vortrages auszugleiten (...)"

Neues Wiener Tagblatt, 11.1.1921

"Sein Dichterkopf, von reichem Haarwuchs umrahmt, ließe eher vermuten, dass sich dieser Denker mit anderen als mathematischen Problemen beschäftigt. (...) Einstein (...) illustrierte seine Darlegungen durchwegs mit Skizzen, die er mit wenigen raschen Strichen auf die schwarze Tafel setzte (...) Die heutigen Ausführungen des Gelehrten (...) wurden mit lebhaftem Beifall aufgenommen."

Neue Freie Presse, 11.1.1921

"Das geladene Publikum (...) waren (...) Vertreter des geistigen Wien und zahlreiche Damen, die das Interesse zum Teil für den Vortrag, zum Teil für den Vortragenden hingeführt hatte. In seinen Ausführungen wandte sich der Gelehrte unter anderm gegen das ,mystische Interesse, das sich der vierdimensionalen Welt zuwende. Diese sei nichts als der formale Ausdruck für das raum-zeitliche Geschehen.'"

Neues Wiener Tagblatt, 12.1.1921

"Wenn man vorurteilsfrei diesen ganzen gegenwärtigen Rummel beobachtet, der sich um die Relativitätstheorie Einsteins dreht, so bangt einen um die Zukunft der Wissenschaft. Dieses aufdringliche Reklamegeschrei (...) dieses Totschweigen aller gegnerischen Meinungen, diese unaufrichtige Auslegung aller für die Theorie scheinbar sprechenden Experimente (...) die Vergötterung Herrn Einsteins in der liberalen Presse von Leuten, denen eingestandener Maßen jegliche Urteilsfähigkeit auf diesem Gebiet vollständig fehlt (...) So fördert man nicht wahre Wissenschaft, so schlägt man sie tot. Das ist das Eindringen des Bolschewismus in die Wissenschaft (...)"

Reichspost, 14.1.1921

"Der Uraniavortrag im Konzerthaussaale. Angehörige aller Schichten der Bevölkerung füllten den großen Saal bis auf das letzte Plätzchen (...) der Schluß des Vortrages für viele Anwesende so plötzlich kam, daß man nicht wußte, ob der Gelehrte nur eine Pause machte oder wirklich schon am Ende angelangt sei. Professor Einstein hatte bereits den Saal verlassen, als sich der Beifall, mit dem man ihm dankte, in voller Stärke erhob. Dem heutigen Vortrage wohnte auch Vizekanzler Breisky bei."

Neue Freie Presse, 14.1.1921

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