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aus HEUREKA 2/05 vom 23.03.2005

"Im Erkennen und Durchsetzen neuer Möglichkeiten liegt das Wesen der Unternehmerfunktion", sagte Joseph Schumpeter in den Dreißigerjahren. "Veränderungen beruhen vor allem auf dem Auftreten dynamischer Unternehmer, die Innovationen durchsetzen." Der österreichische Nationalökonom, Finanzminister und spätere Harvard-Professor hat auch den Begriff des "Entrepreneurs" geprägt. Siebzig Jahre später denkt man dabei an so bullige Typen wie den Celera-Gründer Craig Venter, der einen Wettlauf mit dem staatlich geförderten Human Genome Project vom Zaun brach. Große Teile des Genoms hat Venter dank neuer Methoden zur DNA-Identifikation zwar zuerst entschlüsselt. Von seinen Investoren wurde er jedoch geschasst, weil Celera nicht genügend Geld einspielte. Wissenschaft muss sich heutzutage eben rechnen.

Die zunehmende Marktorientierung der Forschung ist ein zweischneidiges Schwert. In vielen Bereichen der Naturwissenschaften, insbesondere der Biotechnologie, ist ohne private Investoren an Forschung nicht mehr zu denken. Walter Günzburg, Virologe an der Veterinärmedizinischen Universität Wien, finanziert mit den akquirierten Mitteln nicht nur angewandte, sondern auch Grundlagenforschung. Manchem Universitätskollegen täte es gut, so Günzburg, einmal zielstrebig und produktorientiert forschen zu müssen. Genau hier haken Kritiker ein, die eine Verengung des wissenschaftlichen Blickfeldes monieren: Was heißt zielstrebig und produktorientiert forschen? Etwa nur mehr auf schnell, billig und maximal verwertbare Ergebnisse zu setzen?

Analoge Spannungen ergeben sich auch in der privatwirtschaftlichen Sozialwissenschaft. Hier stehen die Forscher zwischen den mehr oder weniger unverblümt formulierten Erwartungen der Auftraggeber hinsichtlich der "erhofften" Ergebnisse und den eigenen Ansprüchen an saubere Forschung. Dass diese "verwertbar" ist, sehen die selbstständigen Sozialwissenschaftler aber eher als Auszeichnung. Nicht für die Schublade oder einen kleinen Kollegenkreis zu produzieren, sondern gesellschaftlich relevante Probleme anzugehen, gehört zu ihrem Selbstverständnis.

Auf ungewöhnliche Weise wollen französische Wissenschaftler ins Geschäft kommen. In einer ebay nachempfundenen Website unter dem Titel Ebrain bieten sie ihre Dienste zur Versteigerung an. Tatsächlich handelt es sich um eine bittere Parodie auf ihre angespannte Arbeitssituation in den Zeiten der Globalisierung. Bei Siemens, dem größten privaten Arbeitgeber für Wissenschaftler in Österreich, ist die Ära der Gemütlichkeit vorbei. Ein VA-Tech-Manager lobt, dass viele heimische Ingenieure mittlerweile bereit seien, sechzig Stunden in der Woche zu arbeiten. Unter Verweis auf die Konkurrenz wird in den Forschungsabteilungen der Industrie aber nicht nur mehr Einsatz gefordert, sondern auch zunehmend Arbeit an Auftragsforscher oder Universitäten outgesourct.

Das hat auch die "heureka"-Redaktion bei dieser Ausgabe so gehalten: Wir präsentieren Ihnen auf unserer Website einen am Lehrstuhl für Entrepreneurship der Wirtschaftsuniversität entwickelten Test, in dem Sie Ihre Eignung zum Entrepreneur ermitteln können. Herzlichen Dank für die unentgeltliche Mitarbeit an Nikolaus Franke und Reinhard Prügl - und Ihnen viel Spaß beim Ausfüllen!

Oliver Hochadel, Klaus Taschwer und Stefan Löffler

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