Innovatives Österreich?

Klaus Taschwer und Stefan Löffler | aus HEUREKA 2/05 vom 23.03.2005

Wie steht es im Land der Hämmer um die anwendungsnahe Forschung und Entwicklung? Wie forschungsintensiv waren und sind die Unternehmen der Alpenrepublik? Und wie gut klappt die Forschungsförderung? "heureka" hat bei Experten nachgefragt und sich ein Bild gemacht.

Ein Land holt auf. Man erinnert sich: Lange Jahre haben die Fürsprecher des Fortschritts an den vergleichsweise geringen Anstrengungen für die Wissenschaft herumgenörgelt, die niedrige Forschungsquote von 1,5 Prozent beklagt und technologische Rückständigkeit kritisiert. Und das Jammern scheint tatsächlich geholfen zu haben. Stolz verkündet die Regierung, dass im zurückliegenden Jahr 2,27 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für F & E aufgewendet wurden und dass das Land in den letzten Jahren nicht nur bei den Forschungsausgaben überdurchschnittlich hohe Steigerungsraten verzeichnete.

Doch nicht nur die Regierung, sondern auch unabhängige Experten wie Fritz Ohler von der international tätigen Beratungsagentur Technopolis sind über die Veränderungen in der Alpenrepublik nachgerade verblüfft: "Nimmt man Österreichs Forschung und Forschungspolitik 1998 her und vergleicht sie mit der von 2005, glaubt man, es mit zwei verschiedenen Ländern zu tun zu haben, nicht mit einem Land, das sich entwickelt hat." Österreich sei in sehr kurzer Zeit sehr viel moderner geworden, so der Technologieexperte.

Was also ist los mit der Alpenrepublik? Müssen sich die notorischen Österreichkritiker Sorgen machen? Oder ist doch nicht alles innovatives Gold, was da auf den ersten Blick glänzt? Beginnen wir mit den harten Zahlen, konkret: den F-&-E-Ausgaben, die als wichtigster Anhaltspunkt für den Modernitäts- und Innovationsgrad einer Volkswirtschaft gelten. Statistik Austria hat für 2004 bereits erwähnte 2,27 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ermittelt. Hannes Leo vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) weist darauf hin, dass diese Zahl auch Fördergelder berücksichtigt, die im vorigen Budgetjahr zwar veranschlagt, aber gar nicht abgerufen worden sind.

Der Kampf um die Quote. Auch wenn die Kritik berechtigt ist und die realisierten Forschungsaufwendungen einen Zehntelprozentpunkt niedriger lagen, ist es der höchste hierzulande je erreichte Anteil. Und unbestreitbar ist der Zuwachs an Forschungsmitteln in den letzten Jahren. Aufgrund dieses Aufholprozesses liegt Österreich nicht mehr wie noch in den Neunzigerjahren im unteren Mittelfeld der EU, sondern mittlerweile über dem Durchschnitt der 25 Mitgliedsländer, der zurzeit knapp unter zwei Prozent F-&-E-Quote liegt.

Es hätte forschungspolitisch aber auch um einiges schneller gehen können, wie das Beispiel Finnland beweist. Die Skandinavier hatten noch Ende der Achtzigerjahre praktisch die gleichen Indikatoren wie Österreich, liegen heute aber - nicht zuletzt, aber auch nicht nur dank Nokia - bei über 3,5 Prozent und damit EU-weit auf Platz zwei hinter Schweden.

Viel Staat, wenig privat. Ein genauerer Blick auf die Zusammensetzung der in Österreich aufgewendeten Forschungsmittel fördert einige Besonderheiten zutage, die Rückschlüsse auf die Technologie- und Industriestruktur des Landes zulassen. Während nämlich in den beiden genannten skandinavischen Ländern die Privatwirtschaft rund siebzig Prozent der F-&-E-Gelder aufbringt, sind es in Österreich zurzeit gerade einmal knapp über 41 Prozent. Mit anderen Worten: Der Staat (mit rund 37 Prozent) und auch das Ausland, sowohl Unternehmen als auch die EU (mit über 20 Prozent), tragen hierzulande vergleichsweise viel zur Forschungsfinanzierung bei.

Das entspricht auch der Wirtschaftsstruktur des Landes. Es gibt nur wenig Großunternehmen, die sich echte Forschungsabteilungen leisten können, aber viele Klein- und Mittelbetriebe, deren Tüftler oft nebenbei auch Vertriebsaufgaben übernehmen müssen. "Österreichs Stärke liegt nicht bei der Hochtechnologie", erläutert Gunther Tichy, Leiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung der Akademie der Wissenschaften. Sie liege vielmehr bei der mittleren Technologie, die dafür höchste Qualität liefere: also bei Motoren, Getrieben, Spezialmaschinen, Autoteilen, Spezialchips oder Spezialstahl.

Forschen und forschen lassen. Ein erklecklicher Anteil jener Firmen, die in Österreich besonders intensiv forschen und entwickeln (lassen), sind Multis aus dem Ausland wie Boehringer-Ingelheim (mit dem international renommierten Institut für Molekulare Pathologie), Pfizer und vor allem Siemens. Die österreichische Tochter des deutschen Technologiekonzerns hat im Jahr 2004 laut Jahresbericht 609 Millionen Euro und damit rund zwölf Prozent der gesamten österreichischen F-&-E-Ausgaben in Österreich bestritten. Siemens ist zugleich der größte privatwirtschaftliche Arbeitgeber für Wissenschaftler mit 5329 Mitarbeitern in Forschung und Entwicklung.

Diese Zahl wird nach der geplanten Übernahme der VA Tech noch steigen. Unter dem Strich aber dürften durch den Aufkauf österreichische Forscherarbeitsplätze wegfallen, so Gunther Tichy, teils weil VATech-Abteilungen zu Siemens Deutschland wechseln, teils weil sie aus kartellrechtlichen Gründen verkauft werden müssen.

Ausländische Konzerne interessieren sich aber nicht erst seit gestern für den Forschungsstandort Österreich. Bereits im 19. Jahrhundert ließen sich zahlreiche damalige Multis in Österreich nieder: Siemens 1848 das erste Mal und noch vorübergehend, im zweiten Anlauf 1879 dann erfolgreich. Bald folgten so klingende Namen wie AEG, Felten & Guilleaume, ITT - Western Electric, Krupp oder Nestlé. So entstanden bald vielfältige Kontakte zwischen den Firmen und den Natur- und Ingenieurwissenschaftlern an den heimischen Hochschulen.

Auf die Birne kam es an. Das erste multinationale Hightechunternehmen aus Österreich war die Firma des österreichischen Chemikers Carl Auer von Welsbach, der zur besseren Nutzung seiner zahlreichen Innovationen Tochterunternehmen im Ausland gründete. Auer von Welsbach war ein wissenschaftlicher Gründer, wie er im Buche steht: Er entdeckte nicht nur vier neue chemische Elemente, sondern revolutionierte mit einigen seiner Erfindungen auch das Beleuchtungswesen seiner Zeit: 1885 entwickelte er das Gasglühlicht, 1898 die Osmiumlampe, die erste wirklich brauchbare Glühlampe mit Metallfaden. 1903 schließlich erfand er das Funken sprühende Cer-Eisen, das bis heute in Feuerzeugen Verwendung findet.

Auer von Welsbach ist aber auch ein Beispiel dafür, dass Ausgründungen aus der Universität und unternehmerische Forscher nicht erst eine Erfindung des späten 20. Jahrhunderts sind. Und: dass die Universitäten selbst damit schon vor mehr als hundert Jahren Werbung in eigener Sache machten. In einer Denkschrift der Philosophischen Fakultät der Universität Wien aus dem Jahr 1902 hieß es: "Die bekannte Erfindung Auers, aus dem chemischen Universitätslaboratorium des Prof. Lieben hervorgegangen, ist die Frucht einer rein wissenschaftlichen Untersuchung über die chemische Natur der sogenannten chemischen Erden. Was hat diese Entdeckung allein dem Fiskus eingetragen! Abgesehen von allem, was drum und dran hängt, zahlt allein die Wiener Gasglühlichtfabrik in einem Jahre mehr an Steuern, als die Dotation aller chemischen und physikalischen Institute sämtlicher österreichischer Universitäten seit ihrem Bestande zusammengenommen betragen!"

Alles auf Schiene? Wie sieht es mehr als hundert Jahre nach diesem Plädoyer für mehr Grundlagenforschung in Österreich forschungspolitisch aus? Ist mit dem Aufholprozess bei den Ausgaben auch in Sachen Technologiepolitik alles auf Schiene? Wie gut klappt der Transfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft heute? Die Aussagen der Technologieexperten zu diesen Fragen fallen differenziert aus.

Als positiv für das Innovationssystem Österreich sehen die Fachleute das neue Universitätsgesetz, das den Hochschulen Autonomie gebracht hat und damit auch die Möglichkeit, die eigenen Forschungen durch Patentanmeldungen selbst wieder zu Geld zu machen (siehe Kasten S. 8). Noch wichtiger sei, dass die Universitäten fortan selbst strategisch handeln und Forschungsschwerpunkte setzen könnten. Wie Fritz Ohler von Technopolis meint, werden aber wohl noch einige Jahre vergehen, bis diese neuen Möglichkeiten genutzt werden.

Defizite reklamiert Hannes Leo, Technologiepolitikexperte des österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo) und dessen neuer stellvertretender Leiter, bei der grundsätzlichen Ausrichtung der österreichischen Technologiepolitik: In Österreich fehlt eine gemeinsame Strategie, auch weil eine Institution, die Konsens darüber herstellen könnte, fehle. Daher begrüßt er die Einrichtung des Rats für Forschung und Technologieentwicklung vor knapp fünf Jahren: Wenigstens habe der Forschungsrat eine Strategie, meint Leo, "aber er verfügt nur über zehn Prozent der Mittel".

Einheit statt Vielfalt. Einigkeit herrscht bei den Experten darüber, dass die unübersichtliche Förderlandschaft in Österreich gerade im Bereich der anwendungsnahen Forschung vereinfacht werden müsste. "Seit zehn Jahren sage ich das Gleiche: Es braucht Konsistenz, Transparenz und ein Ende der Überlappungen bei den Förderungsprogrammen", klagt Hannes Leo. Er hat in einer 2002 erstellten Studie mehr als hundert Förderungsprogramme gefunden. Dabei gebe es eigentlich nur eine Hand voll Förderungsthemen. Immerhin: Mit der Zusammenlegung verschiedener Förderungsbereiche unter das Dach der neuen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) sei auch hier ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung erfolgt.

Auch für Fritz Ohler wäre die nächste Entwicklungsetappe eine Überwindung der unübersichtlichen Vielfalt im österreichischen Förderungsdschungel und eine Abkehr von allzu kurzfristigen Programmen. Aber auch wenn es immer noch technologiepolitische Entscheidungen gebe, die ihn die Hände über den Kopf zusammenschlagen lassen, ist er doch zuversichtlich: "Grosso modo und historisch betrachtet war Österreichs Entwicklung der letzten Jahre enorm."

Johannes Jetschgo et al. (Hg.): Österreichische Industriegeschichte, Band 2. 1848 bis 1955: Die verpasste Chance. Wien 2004 (Ueberreuter). 344 S., e 49,30

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