Mythen über Quoten

Robert Triendl, Oliver Hochadel und Stefan Löffler | aus HEUREKA 2/05 vom 23.03.2005

Forschungspolitiker lesen wahrscheinlich wieder nur das Fettgedruckte. Wer wirklich interessiert ist, ob Universitäten mit Patenten zu Geld kommen können oder ob die Forschung in den USA nach der Pfeife der Wirtschaft tanzt, sollte weiterlesen. Sieben gängige Vorurteile, und wie es sich wirklich verhält.

Bis 2010 können die Forschungsausgaben EU-weit drei Prozent des Sozialprodukts erreichen. Falsch. Die Erhöhung der Investitionen in Forschung und Entwicklung wurde zwar mit Pauken und Trompeten beim EU-Gipfel im März 2000 in Lissabon beschlossen und zum Mantra zahlreicher nationaler Forschungspolitiker erhoben. Durch die enttäuschenden Zuwachsraten bzw. die Stagnation der letzten Jahre ist das meistzitierte der Lissabonziele - welche die Konkurrenzfähigkeit der EU erhöhen sollen - in die Ferne gerückt, wie ein im November 2004 unter Leitung von Wim Kok vorgelegter Zwischenbericht an die EU-Kommission deutlich macht. EU-weit lag die Forschungsquote zuletzt bei 1,9 Prozent. Außer denen, die ohnehin schon mehr als drei Prozent ihres Sozialprodukts investieren, wie Schweden und Finnland, wird wohl kein Land die Zielgröße erreichen.

High level group chaired by Wim Kok: Facing the Challenge. November 2004

Mit Patenten können Universitäten viel Geld verdienen. Falsch. Universitäten können froh sein, wenn die Lizenzeinnahmen die Kosten der Anmeldung und Pflege der Patente decken. Doch seit die Stanford University mit dem Cohen-&-Boyer-Patent zur Aufsplittung von Gensequenzen Millionen gescheffelt hat, ist der Mythos nicht aus der Welt zu kriegen. Von gut vierzig Millionen Dollar, die Stanford 2003 aus der Patentverwertung eingenommen hat, gingen 8,1 Millionen an die Erfinder, 5,2 Millionen an Patentanwälte, 5,9 Millionen in die Erhaltung gerade nicht lizenzierter Patente sowie drei Millionen in den Unterhalt des universitären Office of Technology Licencing. Blieben also 18 Millionen Dollar, was nicht einmal ein Prozent des 2,3-Milliarden-Etats der kalifornischen Eliteschmiede deckte. Dabei ist Stanford möglicherweise die Universität, die weltweit am meisten aus Patenten erwirtschaftet. Die University of Michigan, deren jährliche Forschungsausgaben mit etwa 700 Millionen Dollar immerhin vor Stanford, Columbia oder Harvard liegen, nimmt im Jahr zwischen zehn und zwölf Millionen Dollar aus Lizenzen ein, was nicht einmal die Kosten deckt. Es lohnt sich allenfalls auf Umwegen: Die Patente sollen zeigen, dass innovativ und anwendungsnah geforscht wird, und nicht zuletzt, auf welchen Gebieten die Universität stark ist.

http://otl.stanford.edu www.techtransfer.umich.edu

Ohne öffentliche Förderung forschen Unternehmen zu wenig oder gar nicht. Falsch. In Ländern mit einem hohem Forschungsaufkommen in der Industrie - wie etwa in den USA oder in Japan - wird nur ein geringer Teil der Industrieforschung durch die öffentliche Hand finanziert. In den meisten Industrieländern ist der Anteil der Industrie am gesamten Forschungsaufkommen in den letzten Jahren deutlich gestiegen, während der relative Anteil der öffentlichen Förderungen von Forschung in Unternehmen gesunken ist. So spricht vieles dafür, dass Unternehmen Forschungs- und Entwicklungsvorhaben, die sie für aussichtsreich halten, ohnehin finanzieren würden - und etwaige Fördergelder mitnehmen. Durch öffentliche Förderungen lassen sie sich eher zu Projekten motivieren, die strategisch nicht so hoch eingestuft werden.

www.cordis.lu/indicators/third_report.htm

Noch vor einer Generation war die Wissenschaft praktisch frei von Kommerz. Falsch. Die Verschränkung von Forschung und Industrie gab es bereits im späten 19. Jahrhundert. Was heute die Life-Sciences oder die Nanotechnologie sind, waren damals die Chemie und die Elektrotechnik. Während die Firmenlabors der deutschen BASF die Speerspitze der chemischen Forschung bildeten, war Thomas Alva Edisons Erfinderzentrum Menlo Park quasi das Silicon Valley seiner Zeit. Bei Schlüsselfiguren wie William Thomson, dem späteren Lord Kelvin, hat die traditionelle Wissenschaftsgeschichte streng zwischen dem Wissenschaftler und dem Unternehmer unterschieden. Aus heutiger Sicht ist gerade interessant, dass man in Personalunion die Wärmelehre revolutionieren und als Manager von Telegrafennetzwerken reüssieren konnte.

Simon Schaffer: Illuminations, in: Prospect, Dezember 2004, S. 34-39.

In den USA tanzt die universitäre Forschung nach der Pfeife der Industrie. Falsch. Auch US-Universitäten finanzieren ihre Vorhaben ganz überwiegend aus der staatlichen Forschungsförderung und nur zu einem kleinen Teil aus der Wirtschaft. Wenn sie aber kooperieren, dann auf Augenhöhe. Die US-Universitäten haben längst gelernt, unternehmerisch zu denken, und ihre Führungsstrukturen entsprechend angepasst. Manager und Patentanwälte bringen ihre Erfahrung ein, damit die Universitäten und ihre Mitarbeiter von den Kooperationspartnern nicht über den Tisch gezogen werden. So haben sich in Jahrzehnten Best Practices herausgebildet, die von Technologietransferstellen in Europa zunehmend übernommen und angepasst werden.

www.astp.net

Die USA bieten optimale Bedingungen zur Erforschung neuer Medikamente. Falsch. Gerade den eigentlich innovativen Teil, nämlich die Identifizierung und Optimierung neuer Wirkstoffe, lässt die Pharmaindustrie sehr wohl in Europa durchführen. Nicht nur weil es dumm wäre, auf Ideen und Wissen der europäischen Forscher zu verzichten, sondern auch, weil diese billiger sind als ihre US-Kollegen. Der Grund, dass immer mehr klinische Forschung jenseits des Atlantiks stattfindet, ist ein taktischer: Anders als in Europa sind die Medikamentenpreise in den USA kaum reguliert und dort im letzten Jahrzehnt um jährlich mehr als zehn Prozent in die Höhe getrieben worden. Daher lassen die Pharmakonzerne ihre neuen Produkte am liebsten auf dem Markt testen, wo sie den größten Teil ihrer Gewinne einfahren. Denn klinische Forschung dient nicht zuletzt dazu, den Ärzten die neuen Präparate vorzustellen und sie gleichzeitig - dank der für die Studien gezahlten Honorare - zu motivieren, diese später auch zu verschreiben. Dass die Forschungskosten der Pharmaindustrie in die Höhe gehen, hat auch damit zu tun, dass es sich dabei zunehmend um versteckte Marketingausgaben handelt.

Sascha Karberg: Pharmas Jungbrunnen, in: brand eins, 10/2004, S. 37-43.

Die innovativsten Firmen geben ihren Forschern die größten Freiheiten. Falsch. Der Kanadier Robert Cooper hat die Innovationsprozesse erfolgreicher und weniger erfolgreicher Unternehmen verglichen. Während Erstere Produktideen sammeln und an allen gleichzeitig arbeiten nach dem Motto: Lässt du mir mein Projekt, lass ich dir deins, listen erfolgreiche Firmen zehn bis zwanzig Optionen auf, die dann immer weiter konkretisiert und reduziert werden auf etwa zwei Produkte, die wirklich am Markt bestehen können. Aufgrund ihres disziplinierten Vorgehens halten achtzig Prozent der erfolgreichen Firmen bei der Produktentwicklung die Zeitpläne ein, aber nur 35 Prozent der weniger erfolgreichen.

Idee + Disziplin + Planung, Interview mit Robert Cooper, in: brand eins, 10/2003, S. 166-170.

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