Wertschöpfungskette des Wissens

aus HEUREKA 2/05 vom 23.03.2005

Interview: Stefan Löffler

Andreas Knie hat seine als Verkehrsforscher gesammelten Erfahrungen und Kontakte genutzt, um eine Firma zu gründen. Nun leitet er eine Studie, die untersuchen soll, wie Forschungseinrichtungen zu kommerziellen Ablegern kommen. Ein Gespräch übers Ausgründen, über Wissensabflüsse und Zweitverwerter.

heureka: Warum ist es eigentlich so angesagt, dass Mitarbeiter von Forschungseinrichtungen eigene Firmen gründen?

Andreas Knie: In der Öffentlichkeit heißt es, wenn wir Ausgründungen haben, sind wir innovativer. Hochschulen wollen sie als Arbeitsmarktperspektive für ihre Absolventen. Wissenschaftsmanager fordern sie, um Produkte, die innerhalb der öffentlich-rechtlichen Einrichtungen nicht zu verwerten sind, so am Markt zu platzieren, dass es Rückflüsse für die Einrichtungen gibt.

Klingt plausibel.

Gemessen an den USA oder Großbritannien ist das Ausmaß der wissenschaftsbasierten Ausgründungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz bescheiden. Dabei gibt es jede Menge an Förderung, sogar mehr Förderaktivitäten für Ausgründungen als Ausgründungen selber. Man weiß aber noch zu wenig darüber, was da eigentlich passiert und wie man es besser organisieren kann. Wenn ein Wissenschaftler darangeht, sein Wissen zu verwerten, geschieht das, weil er ein gutes Gefühl dabei hat oder einen Mentor, der ein Gründer und erfahrener Unternehmer ist. Für die Muttereinrichtung stellt sich die Frage, ob es gut ist, das zu fördern und sich zu beteiligen. Dabei besteht nämlich die Gefahr, dass die guten Leute mit den innovativen Ideen ausgründen und das Know-how dann weg ist, ohne dass die Einrichtung etwas davon hat.

Haben Sie dafür Belege?

Bei den allseits gelobten außeruniversitären Einrichtungen, die in Deutschland wirtschaftsnahe Forschung betreiben, beobachten wir gerade, dass Wissen durch Ausgründungen in zu großer Geschwindigkeit in die Industrie abfließt. Erst später kommt man drauf, dass die Institute selbst zu wenig Kompetenz aufgebaut haben, um später wieder neue Felder zu erschließen. Man schüttet das Kind also immer schon mit dem Bade aus.

Klingt wie ein Argument gegen Ausgründungen.

Nein, es kann ja Rücktransfers geben, zum Beispiel, dass ausgegründete Unternehmen später Aufträge an die Muttereinrichtung vergeben. Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob es sich eine wissenschaftliche Einrichtung heute noch erlauben kann, nur grundlagen- oder nur anwendungsorientiert zu forschen, statt die gesamte Wertschöpfungskette des Wissens zu beackern.

Wie sieht die Wertschöpfungskette denn aus bei dem auf Sozialwissenschaften spezialisierten Wissenschaftszentrum Berlin (WZB), in dessen Auftrag Sie über Ausgründungen forschen?

Immer öfter greifen Unternehmensberater oder Think-Tanks das in Diskussionspapieren relativ gut sortierte Wissen des WZB auf und machen es quasi als Zweitverwerter zu Geld. Was wir geschrieben haben, bereiten McKinsey oder auch die Brookings Institution kundengerecht auf. Kleiner, feiner, strukturierter - das ist quasi ein Veredlungsprozess.

Ist Ihnen das selbst schon passiert?

Zusammen mit Kollegen habe ich Innovationsprozesse in Unternehmen analysiert und dabei festgestellt, dass man Innovationen nach einer Öffnungsphase ziemlich schnell wieder in eine Schließungsphase bringen muss. Was Erfinder gerne tun, nämlich alle möglichen Optionen offen halten, ist falsch. Man muss sich schnell konzentrieren und optimieren. Genau das hat eine namhafte Unternehmensberatung einer öffentlich-rechtlichen Einrichtung für teures Geld als Strategie verkauft.

Hätten Sie es denn geschafft, diese Einsicht in die Sprache des Auftraggebers zu übersetzen?

Hätten wir, aber der Einwand stimmt: Die Ersterkenntnis ist zu sperrig. Der erste Kunde am WZB ist die Scientific Community.

Moment, wird am WZB tatsächlich von Kunden gesprochen?

Das ist von Abteilung zu Abteilung unterschiedlich. Einige Kollegen orientieren sich allein daran, ob sie mit ihren Erkenntnissen am nächsten Soziologentag reüssieren können. Ich zähle mich zu denen, die sagen: Wir arbeiten an einem gesellschaftlichen Problem und leisten den wissenschaftlichen Part bei seiner Lösung. Wir versuchen die Zweitverwertung dann in der Scientific Community.

Wir haben bisher über außeruniversitäre Forschung gesprochen. Wie stellen sich Hochschulen mit Ausgründungen an?

Sehr unterschiedlich. Die Uni Göttingen stellt Gründern sogar Risikokapital bereit. An mancher anderen deutschen Hochschule passiert praktisch gar nichts.

Aber reicht es denn, Geld bereitzustellen?

Die Hochschulen sollten sich insgesamt als Unternehmen verstehen und auch so arbeiten. In den USA besetzen sie Themen, um einschlägige Forschungsaufträge zu erhalten. In Großbritannien bieten sie erfolgreich Weiterbildungen an. Ein Schuss mehr angelsächsisches Denken würde den Hochschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz sehr gut tun. Eine Universität muss sich am Markt für Lehre, am Markt für Weiterbildung und am Markt für Forschung beweisen.

Sie reden wie ein Soziologe und denken wie ein Unternehmer..

Man ist heute nicht mehr nur eins, man ist immer mehrere. Die Natur- und Ingenieurwissenschaftler haben Forschung, Lehre und Geschäft immer schon unter einen Hut gebracht. Für einen Sozialwissenschaftler ist es ungewöhnlich. Die meisten von uns glauben immer noch, sie können sich den Luxus der Trennung von Erkenntnis und Objekt leisten.

Kann sich die Sozialwissenschaft überhaupt so vermarkten wie die Technikwissenschaft?

Natürlich. Der Soziologe muss in die Praxis gehen können, umgekehrt müssen Leute aus der Industrie oder öffentlichen Einrichtungen auch einmal in eine Universität reinkommen. In Deutschland gibt es aber keinen Lehrstuhlinhaber in Soziologie, der je etwas mit Praxis zu tun gehabt hat. Wer als Soziologe eine gute Diplomarbeit oder einen guten Artikel geschrieben hat, wird nie von einem Professor hören: Tolle Idee, versuch doch, dich damit am Markt zu etablieren!

Soziologieprofessoren haben eben nicht das Netzwerk wie Ingenieur- oder Wirtschaftswissenschaftler, um ihre Studenten oder Assistenten zu vermitteln.

Der Gegenstand der Soziologie ist aber die Gesellschaft. Und man könnte erwarten, dass das Fach eng mit der Gesellschaft vernetzt ist.

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