Unternehmen Geisteswissenschaft

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 2/05 vom 23.03.2005

Lässt sich mit den "weichen" Wissenschaften abseits der Universität hartes Geld verdienen? In den Sozialwissenschaften vielleicht. Aber können die Geisteswissenschaften je marktfähig werden? Eine Umfrage unter Fachvertretern, die es versucht haben.

Armenhaus Universität. Das Institut für Archäologie an der Universität Wien hat einen schönen Gerätepark. Doch um eines der weltweit genauesten Magnetometersysteme auch bei Grabungen einzusetzen, fehlt seitens der Alma Mater das Geld. "Wir könnten uns nicht einmal einen Lastwagen für den Transport mieten", sagt Wolfgang Neubauer, der seit 1994 eine halbe Stelle am Institut hat. Neubauer hat aus der Not eine Tugend gemacht und eine Kooperation mit der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik aufgebaut.

Das Team "Archeo Prospections" hat sich auf archäologisch-geophysikalische Prospektion, also den Röntgenblick unter die Erde spezialisiert. 1998 wurde so das Forum Carnuntum entdeckt, nach dem man ein Jahrhundert lang vergeblich gesucht hatte. Das Bundesdenkmalamt gehört zu ihren Kunden, im Rahmen von Baumaßnahmen aber auch Gemeinden und Privatleute. So sind seit zehn Jahren zehn Mitarbeiter, die Hälfte davon Wissenschaftler, die anderen Hilfskräfte, in Arbeit und Brot.

Wer forschen will, muss also Gelder aufstellen, immer mehr auch abseits der Wissenschaftsfonds und anderer Fördereinrichtungen. Dies gilt nicht nur für die privatwirtschaftliche, sondern zunehmend auch für die universitäre Forschung. Das mag in der Molekularbiologie und der Medizin funktionieren, punktuell auch in einer technologisch ausgerichteten Archäologie, aber in Germanistik und Philosophie? Wer soll das bezahlen? Und vor allem für welches Produkt oder für welche Dienstleistung?

Arbeit im Archiv. Zeitgeschichte vielleicht? Da gab es doch diese Historikerkommission, die manchen Geschichtsabsolventen einige Jahre ernährte. Doch diese ist Geschichte. Und wie steht es mit der Unternehmensgeschichte? Dieter Stiefel hat sich damit in Österreich einen gewissen Namen gemacht, aber der ist Professor an der Universität Wien. Immer wieder kann er für einige Jahre Historiker in privatwirtschaftlich finanzierten Projekten zur Firmengeschichte unterbringen. Aber einen nennenswerten Arbeitsmarkt für Historiker sieht Stiefel nicht. Trotz einer großen Anzahl an jungfräulichen Firmenarchiven bestehe zu wenig Interesse der Unternehmen an einer Aufarbeitung der eigenen Geschichte - zumal wenn diese vor 1945 zurückreicht.

Andrea Jungmann ist studierte Kunsthistorikerin und Geschäftsführerin von Sotheby's Österreich. Bei ihr drängeln sich die Fachkollegen darum, unbezahlt ein Praktikum machen zu dürfen - also Recherchen für Auktionskataloge durchzuführen oder bei Restaurierungsarbeiten mitzuhelfen. "Die sind sehr engagiert, wissen aber oft noch nicht einmal, wie man ein Bild angreift", beklagt sie die Praxisferne des kunsthistorischen Studiums.

Auf zu neuen Ufern. Nachdem die Universitäten seit Mitte der Neunzigerjahre kaum mehr neues wissenschaftliches Personal aufnehmen, müssen sich die Absolventen aller Fächer anderswo umsehen. Erst allmählich schlägt sich dies auch in den Studienplänen der Geistes- und Sozialwissenschaften nieder, deren einziger Fluchtpunkt zuvor das Berufsbild des universitären Wissenschaftlers war. Zwar gibt es in den Sozialwissenschaften anders als in den Geisteswissenschaften einen nennenswerten privatwirtschaftlichen Sektor. Aber dieser kann die Masse der Absolventen nicht einmal annähernd aufnehmen. Institute wie FAS oder Sora (siehe unten) erhalten pro Monat (!) fünfzig bis siebzig Blindbewerbungen. Und müssen entsprechend viele Absagen ausschicken.

Für Euphorie gibt es also keinen Grund. Aber ein wenig Optimismus kann vielleicht dennoch nicht schaden. Denn es gibt sie, die Mut machenden Beispiele und die nachahmenswerten Modelle. "heureka" hat zwei Sozial- und zwei Geisteswissenschaftler gefragt, wie man Forschung und Geschäft erfolgreich unter einen Hut bringt.

Harald Katzmair, 35, Soziologe, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter der FAS-Research in Wien:

"Für die Privatwirtschaft zu forschen ist begrenzt attraktiv. Ich habe anfangs Evaluationsstudien gemacht, aber hier hat es in den letzten Jahren einen massiven Verfall der Preise gegeben. Das ist ein ausbeuterisches Geschäft. Wofür früher ein Jahr Zeit war, sind es heute drei Monate. Zudem hat hier ein massiver Konzentrationsprozess stattgefunden, die Auftragskonsortien dominieren.

Das Hauptproblem ist aber die Sterilität der Auftragsforschung. Die Ministerien geben Studien in Auftrag, benutzen sie aber nicht. Das ist innovationsfeindlich. So stellt sich bei den Verfassern der Studien auch kein Selbstwertgefühl, sondern Zynismus ein. Wir müssen fragen: Wo ist Forschung ein Input, sei es für weitere Forschung oder Unternehmen? Wie können Auftraggeber dafür sorgen, dass Forscher und ihre Ergebnisse in die Wertschöpfungskette kommen? Damit ist nicht zwingend ökonomischer Nutzen gemeint, das wäre eine verkürzte Darstellung.

Wir machen soziale Netzwerkanalyse für Wirtschaft und Politik, bieten also die Übersetzung von Forschungsergebnissen für die Praxis wie auch Beratung an. Ich sehe unser Institut mit seinen sieben Mitarbeitern - im uneitlen Sinne - als Vorbote für andere, international orientierte Formen der Wissensproduktion im außeruniversitären Bereich. Wir werden deshalb auch bald eine FAS-Filiale in San Francisco aufmachen. Ich kann nur empfehlen, aus Strukturen auszusteigen, in denen man kein Feedback bekommt und nichts lernen kann. Das mag schwierig klingen, aber es entstehen vermehrt subkulturelle Netzwerke. Der Druck wächst, mehr Leute drängen auf den Arbeitsmarkt und wollen kreativ sein. Das kann schnell kippen."

Renate Jernej, 37, seit neun Monaten selbstständige Archäologin und Historikerin in Klagenfurt:

"Mich hat die Not bewogen, selbstständig zu werden. Ich war vorher in einer GmbH beschäftigt, die vom Geschäftsführer nicht gerade optimal geführt wurde. Histarc ist ein Verein für innovative Kultur- und Denkmalpflege, sprich: Wir sind gemeinnützig. Wir versuchen, unser aller Erbe zu erhalten und zu erforschen. Gewinnabsichten haben ich und meine Partnerin erst einmal keine. Wenn ich davon leben kann, reicht mir das.

Wir hatten den Auftrag, eine Kirchenruine in Friesach zu restaurieren, und sind dabei auf mittelalterliche Grabplatten gestoßen. Dazu wird es eine wissenschaftliche Publikation geben. Wir fahren also zweigleisig, sind Restauratoren und Forscher zugleich. Gegenüber unseren Auftraggebern treten wir als jemand auf, der Lösungen anzubieten hat. Das heißt aber erst einmal Verständnis wecken für archäologische Anliegen. Denn wenn wir die Bagger aufhalten, heißt es: Was wollt ihr eigentlich? Im vorigen Jahr hat unsere Arbeit dafür gesorgt, dass die Bauwirtschaft Folgeaufträge in Höhe von 139.000 Euro bekommt, etwa für die Felssicherung am Petersberg.

Ich sehe mich als Ausnahme. Viele meiner Kollegen sind Ende dreißig, Anfang vierzig, ihre Verträge laufen aus. Und was kommt dann?"

Christoph Hofinger, 38, studierter Germanist, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter von Sora in Wien:

"In Österreich Sozialwissenschaft zu betreiben, muss nicht brotlos sein, aber viel Butter gibt es nicht. Immer mehr Einreicher bemühen sich um immer weniger werdende öffentliche Gelder. Deswegen ist es wichtig, nicht allein auf die klassische Forschungsausschreibung zu setzen, sondern selbst auf die Entscheidungsträger zuzugehen und herauszufinden, welche Fragestellungen sie bewegen.

Gemäß dem alten akademischen Mythos der Spezialisierung ist man dann erfolgreich, wenn man 15 Jahre lang dasselbe macht. In der privatwirtschaftlichen Sozialwissenschaft muss man anpassungsfähig sein und sich auf aktuelle Fragestellungen einlassen. Wir machen am Wahlabend Hochrechnungen für den ORF, aber auch Studien zur Migration.

Atypische Beschäftigungsverhältnisse sind in diesem Markt typisch, sprich: wenig Geld für viel Arbeit. Weil wir von Sora einen Mix an Themen bearbeiten, sind wir ökonomisch stabiler und können 24 Mitarbeitern eine feste Anstellung bieten.

Forschung und Dienstleistung sind oft verwoben. Verwertungszusammenhang ist für uns kein Schimpfwort! Häufig machen wir jedoch einfach Marktforschung. Forschung ist hier kaum möglich, da die Auftraggeber die Kosten möglichst niedrig halten wollen. Wir sind aber auch Berater der Politik und von Entscheidungsträgern, da können wir tiefer einsteigen und bemühen uns, dem Auftraggeber klar zu machen, wozu Forschung gut ist. Wissenschaftliche Publikationen sind für uns wichtig. Die bringen zwar kein Geld, aber Reputation."

Peter Payer, 42, freiberuflicher Historiker und Stadtforscher in Wien:

"Ich löse immer wieder Verwunderung aus. Wie man sich als freiberuflicher Historiker und Stadtforscher nicht nur über Wasser halten, sondern sogar gut verdienen kann, werde ich gefragt. Ich habe mich 1998 selbstständig gemacht und mir ein eigenes Büro angemietet. Am Anfang war das sehr hart, aber die letzten beiden Jahre läuft es so gut, dass ich sogar Aufträge ablehnen muss.

Der Erfolg hängt nicht zuletzt mit der Konjunktur meiner Themen Stadt und Sinne zusammen. Wichtig ist auch ein selbstbewusstes Auftreten gegenüber Auftraggebern. Also nicht froh sein, dass man überhaupt einen Auftrag kriegt. Dazu braucht es Menschen- und Institutionenkenntnis, sprich: was man von wem verlangen kann. Und nicht immer nur an die herkömmlichen Subventionsgeber wie den FWF denken. Es gibt auch Magistratsabteilungen, die eigene Budgets haben.

Vor allem aber muss man in verschiedenen Techniken versiert sein, also auch Texte für Zeitungen schreiben und Ausstellungen machen. Vor allem mit Letzteren lässt sich gut verdienen. Mit diesen Medien kann ich auch ganz andere Publika erreichen, sodass meine Forschungen nicht in der Schublade verschwinden.

Ich habe langfristige Themen, muss aber aus ökonomischen Gründen immer wieder kurzfristig Aufträge mit entsprechender Deadline annehmen. Mein derzeitiges Buchprojekt "Die Stadt und der Lärm" verzögert sich deshalb. Das ist die Schattenseite der Marktorientierung.

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