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Daniel Kehlmann | aus HEUREKA 2/05 vom 23.03.2005

Forscht auch ein Schriftsteller? Aber natürlich, was bleibt ihm anderes übrig. Seine Figuren haben Berufe, Interessen und Umgebungen, die nicht die seinen sind und mit denen er sich, wohl oder übel, vertraut machen muss.

Bei manchen Büchern, und man liest sie nicht ungern, besteht in dieser Recherche auch schon die Hauptarbeit des Autors. Es sind wild entschlossene Thriller, in denen Experten wie Arthur Hailey oder Tom Clancy ihre Papphelden durch bis ins Kleinste recherchierte Flughäfen und Unterseeboote oder wie Umberto Eco durch akkurat nachgebildete mittelalterliche Klöster schicken. In der Tat, Forschung als Geschäft. Und eine Operation Faktensturm, die man mit einer ähnlichen Mischung aus Respekt und Bestürzung sieht wie die Darbietung von Gedächtniskünstlern oder Gewichthebern. In der Literatur nämlich, anders als in der Wissenschaft, kann die Stärke, über genaues Wissen zu verfügen zur Schwäche werden.

Alexander von Humboldt, mit dem ich mich nicht zuletzt eines literarischen Projekts wegen lange Zeit beschäftigt habe, erstickte seine Reisebeschreibungen so wirksam in Daten, Fakten und Messergebnissen, dass ihm selbst sein bester Freund Arago vorwarf, er wisse einfach nicht, wie man ein Buch schreibe. So verlor sich einer der größten Stilisten deutscher Prosa, aufmerksamer als Goethe, klarer als Hölderlin und zuweilen sogar melodischer als Heinrich Heine, an die wissenschaftliche Exaktheit. Hätte er anders entschieden, er wäre keine große Figur in der Geschichte von Kartografie, Geologie und Biologie geworden, dafür aber ein Autor, gelesen, solange die deutsche Sprache lebt.

Literarisches Schreiben, das heißt forschen, es heißt aber auch, das Geforschte vergessen. Heißt, die Leerstellen des Wissens skrupellos mit Erfindung füllen. Vielleicht der wesentlichste Unterschied zwischen Wissenschaft und Literatur: Was in dieser Tugenden sind - Exaktheit, Faktentreue und Akkuratesse -, kann für jene tödlich sein. Und nach genau jener Skrupellosigkeit, welche in der Wissenschaft eine Todsünde wäre, kann die Literatur ausdrücklich verlangen.

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