Der Konfliktforscher

Stefan Löffler | aus HEUREKA 2/05 vom 23.03.2005

Die Universitäten müssen frei sein von kommerziellen Interessen, fordert Sheldon Krimsky. Der US-Biotechnologieexperte belässt es aber nicht bei Mahnungen, sondern kämpft als Aufdecker von Interessenkonflikten für mehr Transparenz.

Was darf man von Professoren erwarten, die ihr Gehalt als Vortragende und Gutachter im Auftrag von Unternehmen aufbessern? Was ist von Universitäten zu halten, an denen über Produkte geforscht wird, von deren Herstellern sie Aktien besitzen? Dürfen Wissenschaftler ihren Auftraggebern erlauben, Forschungsergebnisse zu unterdrücken oder umzudeuten? Solche Fragen stellt Sheldon Krimsky seit 25 Jahren. Bis heute ist er nicht müde geworden, in Artikeln und Büchern, Vorträgen und Interviews auf die Schattenseiten der Kommerzialisierung der Wissenschaft hinzuweisen.

Die wenigsten Forscher, die Geld von Unternehmen erhalten, manipulieren deshalb ihre Daten, so Krimsky. Aber Vergleichsstudien haben gezeigt, dass von der Industrie finanzierte Forschungen die Wirksamkeit und Sicherheit neuer Produkte signifikant freundlicher darstellen als unabhängige Arbeiten. Er ist überzeugt, dass von der Industrie gekaufte Experten wesentlich beteiligt waren an der Zulassung von Medikamenten, die wegen Todesfällen von Patienten in die Schlagzeilen gerieten oder sogar vom Markt genommen wurden.

Der an der Tufts University in der Nähe von Boston lehrende Biotechnologieexperte ist es längst gewohnt, in die linke Ecke gestellt zu werden. Als Krimsky auf einer von der Lebensmittelindustrie großzügig gesponserten Konferenz die Sprache auf mögliche Interessenkonflikte brachte, stand der Leiter seines Fachbereichs auf und fuhr ihm über den Mund: Interessen habe jeder. Ihm sei ein Rätsel, wie das die Forschung beeinträchtige.

Falls die Erinnerung an solche Episoden immer noch Zorn in ihm auslösen, weiß Krimsky ihn gut zu verstecken. Selbst harsche Kritik an den Zuständen formuliert er, ohne die Stimme zu heben. Mit der Rolle eines Moralpredigers hat er sich indes nie zufrieden gegeben. Schon in den Achtzigerjahren machte er sich daran, in Form von Karten und Netzwerken sichtbar zu machen, wie der Wissenschaftsbetrieb von Wirtschaftsinteressen durchdrungen ist. Die Zeitschrift "Science" hat dafür den Begriff "Krimsky Index" geprägt. Angeführt wird dieser Index von M.I.T, Stanford und Harvard. Es sind gerade die renommiertesten Akademikerschmieden, an denen Wissenschaftler die engsten Beziehungen zur Industrie pflegen.

In den USA blüht aber nicht nur der Wissenschaftskommerz, sondern auch der Kampf um Transparenz. Große Stücke hält Krimsky auf das Center for Science in the Public Interest. Die in Washington ansässige Watchdog-Organisation hat kürzlich aufgedeckt, welche Mediziner, die über die Zulassung von Pfizer-Präparaten entscheiden, auf welche Weise mit dem Pharmariesen verbandelt sind, oder welche der in der US-Umweltbehörde maßgeblichen Wissenschaftler vom Chemiekonzern Dupont bezahlt werden.

Seit einigen Jahren fordern Fachzeitschriften vor allem im Bereich der Biomedizin von ihren Autoren die Offenlegung möglicher Interessenkonflikte. Seitdem ist zwar einiges, aber längst nicht alles transparent geworden. Aufklärungsarbeit tut immer noch Not. Die unmittelbaren Financiers von Studien seien leicht herauszufinden, erzählt Krimsky.

Schon erheblich schwieriger sei die Frage zu beantworten, ob Wissenschaftler Honorare erhalten oder Firmenaktien besitzen. Regelrecht in Detektivarbeit arte es aus, wenn die Annahme von Geschenken aufgedeckt werden soll oder Ghostwriting, ein in der Pharmabranche sehr beliebtes Verfahren, bei dem renommierte Wissenschaftler ihren guten Namen für Artikel hergeben, die in Wahrheit von den Unternehmen verfasst worden sind.

Und wie finanzieren sich Forschungen über Interessenkonflikte, die er und seine Studenten anstellen? In aller Regel durch gespendete Arbeitszeit. Das ist so selbstverständlich für Krimsky, dass er bei dieser Antwort nicht einmal ironisch lächelt. Langsam erkennen die Universitäten, was sie an Wadenbeißern wie ihm haben. Als an der Tufts University größere Kooperationen mit der Industrie zur Verhandlung standen, bat der Präsident Krimsky um seine Meinung. Erst zweimal, aber immerhin.

Sheldon Krimsky: Science in the Private Interest. Has the Lure of Profits Corrupted Biomedical Research? Lanham 2003 (Rowman & Littlefield). 264 S., e 23,50

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