Wissen als Ware

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 2/05 vom 23.03.2005

In den letzten 25 Jahren haben sich die Naturwissenschaften von Grund auf verändert. Die Schlagworte geistiges Eigentum, Patente, Contract Research Organisation und Material Transfer Agreement stehen für eine zunehmende Ökonomisierung und Verrechtlichung der Forschung. Die Folgen sind noch kaum abzusehen.

Von der Wahrheit zur Ware. Der Wissenschaftler als Unternehmer, das klingt annehmbar, fast trendy. Der Biologe als wilder Kapitalist - eine Formulierung von Bruno Latour - hört sich schon dramatischer und nicht gerade sympathisch an. Der französische Wissenschaftssoziologe beschreibt damit den Prototyp eines von Karrierekalkül und Kapitalmaximierung getriebenen Forschers, bei dem symbolisches Kapital - also Wissen - und Geld einen einzigen Kreislauf bilden, also ständig ineinander überführt werden können.

Dem steht das immer noch gern gehegte Bild des Wissenschaftlers gegenüber, der nur dem Streben nach Erkenntnis verpflichtet ist. Und natürlich dem Wohl seiner Mitmenschen, wie Pharmafirmen gerne mit Imagekampagnen herausstreichen, indem sie einzelne Forscher als Kämpfer gegen Krebs oder Aids stilisieren.

Die Motive von Wissenschaftlern lassen sich weder auf das eine noch das andere reduzieren. Sie sind auch nur Menschen. Als solche sind sie auch Produkte der Strukturen, in denen sie arbeiten. Und diese haben sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten dramatisch verändert.

Der Wissenschaftsforscher Steve Fuller von der englischen Warwick University setzt den Umbruch für 1990 an. Während und nach dem Zweiten Weltkrieg habe die öffentlich finanzierte Physik unter der Käseglocke des Kalten Krieges die Rolle einer "Leitwissenschaft" gespielt. In dieser Funktion wurde diese staatliche Großforschung mittlerweile von den Life-Sciences abgelöst, die jedoch ganz anders strukturiert sind: kleinteilig, privatwirtschaftlich, marktorientiert. Diese arbeiten nicht mehr dem Militär, sondern der Medizin, insbesondere der Pharmaindustrie zu. Man sollte sich jedenfalls davor hüten, die Vergangenheit zu einer goldenen Ära unbehinderter Grundlagenforschung zu romantisieren. Je nach Epoche waren anstelle der heutigen wirtschaftlichen eben politische oder ideologische Zwänge stärker.

Globalisierte Forschung. Philip Mirowski datiert den ökonomischen Umbruch der Wissenschaften ein Jahrzehnt früher als Fuller. Dem an der University of Notre Dame im US-Staat Indiana lehrenden Wirtschaftshistoriker zufolge kamen um 1980 mehrere Faktoren zusammen: Große Unternehmen begannen, ihre Forschungsabteilungen auszulagern. Universitäten wurden durch neue gesetzliche Bestimmungen über geistige Eigentumsrechte ermutigt, verwertbares Wissen zu produzieren und zu verkaufen. Später trieben internationale Handelsabkommen wie die Gatt-Verträge die Globalisierung auch in der Wissenschaft stark voran. Unter dem Strich heißt das: Wissen ist in viel höherem Maß als zuvor zu einem Handelsgut geworden, das sich weltweit produzieren und vertreiben lässt.

Schnell entstand ein großer Markt für Forschungsaufträge. 1990 wurde bereits etwa ein Viertel aller klinischen Versuche von sogenannten Contract Research Organisations (CROs), außeruniversitären Vertragsforschungsfirmen, durchgeführt. Den großen Rest übernahmen damals noch Universitäten und die angeschlossenen Spitäler. Dieses Verhältnis hat sich mittlerweile umgedreht - aus nahe liegenden Gründen: CROs arbeiten schneller und billiger als die Unis, so der Wissenschaftsforscher Sergio Sismondo von der kanadischen Queen's University.

Philip Mirowski moniert, dass in den CROs kaum wissenschaftliche Kontinuität möglich sei, weil die angestellten Forscher häufig wechselten. Aufgrund der klaren Vorgaben der Auftraggeber werde kaum nach alternativen Lösungen oder Problemen, sprich: Nebeneffekten gesucht. Selbst der Patient wird inzwischen outgesourct. Viele CROs führen klinische Versuche in Drittweltländern durch. Gleichzeitig steigt der Druck auf die universitäre Forschung, sich den Auftragsforschern anzugleichen.

Neue Zwänge. Welchen Einfluss hat diese Ökonomisierung auf die Forscher selbst? "Sie werden diszipliniert, nur noch in zeitlich und finanziell machbaren Dimensionen zu denken und zu arbeiten", sagt die Wiener Wissenschaftsforscherin Ulrike Felt. "Diese Disziplinierungen werden nach einer gewissen Zeit nicht mehr als etwas wahrgenommen, das von außen aufgezwungen wird. Die Wissenschaftler haben sie verinnerlicht."

Diese Verschiebung hat nun auch einen quasi offiziellen Sanctus bekommen. Felt verweist auf die aktuelle Empfehlung der EU-Kommission vom 11. März 2005. In der "Europäischen Charta für Forscher" wird zwar noch in salbungsvollen Worten der "Dienst an der Menschheit" und das "Recht auf freie Meinungsäußerung" beschworen. Aber schon im nächsten Satz tragen die Verfasser der Charta den harten Realitäten Rechnung: "Forscher sollten allerdings die Einschränkungen dieser Freiheit anerkennen, die sich aus besonderen Umständen der Forschung (...) oder operationellen Sachzwängen ergeben könnten, etwa aus haushaltstechnischen oder infrastrukturbedingten oder besonders im industriellen Sektor, - aus Gründen des Schutzes von geistigem Eigentum." Aus dieser Formulierung wird deutlich, dass die Ökonomisierung und die Verrechtlichung der Wissenschaft Hand in Hand gehen.

Intellectual Property. Fragen des geistigen Eigentums sind vor allem in den USA zu einem boomenden Betätigungsfeld für Anwälte geworden. Immer mehr Technologiefirmen konkurrieren nicht am Markt, sondern vor Gericht (s. dazu den folgenden Artikel S. 22-23).

Neben Patenten werden dabei die sogenannten Material Transfer Agreements (MTA) wichtiger. Bei diesen besonders in den Life-Sciences bzw. in der Pharmabranche verbreiteten Verträgen werden Nutzungsrechte für ein bestimmtes Forschungsobjekt - sei es ein Plasmid, eine Zellkultur oder eine genetisch veränderte Maus - abgetreten. Während zwischen Universitäten meist nichts in Rechnung gestellt wird, kommen MTAs, sobald Unternehmen involviert sind, meist nur gegen Geld zustande. Der Unterschied zum Patent besteht darin, dass die ökonomischen Verwertungsrechte an den mithilfe der Materialien erzielten Ergebnissen beim Bereitsteller bleiben, wobei die Einzelheiten vertraglich festgelegt werden und somit auch Verhandlungssache sind.

Philip Mirowski sieht in den MTAs denn auch ein Machtinstrument, mittels dessen Wissenschaftler andere Forschergruppen behindern oder eben auch fördern können. Die MTAs sind für ihn selbst zum spannenden, aber auch heiklen Forschungsobjekt geworden. Denn auch die genauen Formulierungen der Vereinbarungen fallen unter die Bestimmungen des geistigen Eigentums. Um sich dagegen zu schützen, wegen der Publikation bestimmter Informationen in seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen verklagt zu werden, hat sich Mirowski vorsorglich mit einer Million Dollar versichert.

Amerikanisierung? Während an einer typischen Universität in den USA laut Mirowski zwischen 600 und tausend MTAs pro Jahr abgeschlossen werden, werden die entsprechenden Zahlen in Österreich bislang kaum erfasst. Falls doch, bewegen sie sich, wie etwa an der Medizinischen Universität Innsbruck, im niedrigen zweistelligen Bereich. "MTAs spielen bei uns eine untergeordnete Rolle - noch", sagt Kurt Habitzel vom projekt.service.büro der Universität Innsbruck.

Das Wiener Institut für molekulare Pathologie war 2004 immerhin bereits an 48 MTAs beteiligt. Und alle gingen über den Schreibtisch von Harald Isemann. Der kaufmännische Geschäftsführer des privatwirtschaftlich finanzierten Instituts berichtet, dass sich manche Verhandlungen bis zu sechs Monate hinzögen. Vor allem mit Institutionen in den USA gebe es sehr mühsame Wortklaubereien und ein beständiges Feilen an den Formulierungen. Als Machtinstrumente sieht Isemann die MTAs allerdings nicht. Stehe man in scharfer Konkurrenz zu einem anderen Institut, denke man erst gar nicht daran, ein MTA auszuhandeln.

Auch Walter Günzburg (s. auch Porträt S. 4) sieht in der derzeitigen Handhabung keine Probleme. Aber der Wiener Virologe und Unternehmer schiebt ein einschränkendes "noch" hinterher, sollte sich Europa den USA angleichen, wo MTAs bereits sehr viel rigider gehandhabt werden. "Manche Bereitsteller wollen die Papers, in denen das Material gebraucht wurde, vor der Veröffentlichung sehen!" In den MTAs verpflichtet man sich zudem, jegliche kommerzielle Nutzung des Materials zu unterlassen. Was aber, wenn der Forscher zum Unternehmer wird? Was bedeutet dies für all jene Plasmide und Zellkulturen, die er im Laufe von Jahrzehnten erhalten hat, wenn er nun an Produkten feilt?

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