"Nichts Besseres eingefallen"

aus HEUREKA 3/05 vom 29.06.2005

Wie beginnen wissenschaftliche Karrieren? Fünf Forscher erzählen, wie sie den Einstieg in die Wissenschaft fanden, welche peinlichen Anfängerfehler ihnen unterliefen und wie sie der Angst vor dem leeren Blatt begegnen.

Aufgezeichnet von Nikola Langreiter

Eine deplatzierte Einstiegsfrage

"Ich habe gewusst, dass ich Historiker werden muss. Manche Dinge weiß man einfach. In einem meiner ersten Semester bin ich in die Sprechstunde von Ferdo Hauptmann gegangen, damals Professor für Südosteuropäische Geschichte an der Uni Graz. Ich habe ihn gefragt, wie ich Assistent werden kann. Er hat natürlich furchtbar gelacht. Mir ist erst später klar geworden, wie deplatziert diese Frage war. Trotzdem hat er mich ermuntert und mir gesagt, welche Bücher ich lesen sollte, um einmal ein guter Historiker zu werden.

Ich habe dann praktisch jedes seiner Seminare besucht. Nebenbei lernte ich Serbokroatisch und beschäftigte mich mit der Literatur und Kultur der südslawischen Gebiete. Allmählich sind erste kleinere Reisen auf den Balkan dazugekommen. Nach einem halben Jahr in Sarajevo kam ich nach Graz zurück und promovierte. Mein Doktorvater hat mich gefragt: Wollen Sie nicht bei uns bleiben? Ich habe keinen Job für Sie - aber wir werden schon schauen.' Natürlich wollte ich wissenschaftlich weiterarbeiten. Meine ursprüngliche Idee, Lehrer zu werden, gab ich auf.

Es folgten in finanzieller Hinsicht schwierige Jahre. Ich bekam zwar von meinen Eltern ein bisschen Geld, und wenn es wirklich schlecht gegangen ist, halfen sie großzügig aus. Professor Hauptmann half mir, in den Lehrbetrieb einzusteigen. Ihm ging es gesundheitlich dann nicht so gut - also musste ich zusehen, dass ich mich habilitierte. Im Nachhinein betrachtet war das natürlich recht günstig: Ich war mit 31 Jahren habilitiert."

Karl Kaser (*1954) ist Professor für Südosteuropäische Geschichte an der Universität Graz und Obmann der Grünen Akademie.

Ein kultureller Neuanfang

"Ich hatte in Japan einen Professor, der sehr gute Vorlesungen hielt und mich in die Wissenschaft hineingezogen hat. Seine Arbeit war faszinierend: Er hat Bodenbeobachtungen des Polarlichts gemacht und uns wunderschöne Bilder davon gezeigt. Mehrere Male war er auf Expedition in der Antarktis.

Im Gegensatz zu meinen männlichen Studienkollegen bekam ich nach meinem Abschluss keine Angebote, in die Wirtschaft zu gehen. Deshalb habe ich beschlossen weiterzustudieren. Mit meiner Doktorarbeit habe ich dann den Einstieg geschafft. Ich bekam in Japan eine Postdoc-Stelle und sagte mir: Ich mache das, so lange es geht.' Es ging immer weiter, deshalb bin ich immer noch in der Wissenschaft.

Ich bin dann von Japan in die USA, von dort wieder nach Japan und schließlich nach Deutschland und Österreich gekommen. Hier zu arbeiten, bedeutete natürlich einen Neuanfang, auch wenn in Deutschland die Sprache nur wenig anders ist und die Kultur ähnlich. Trotzdem ist alles neu und ein bisschen aufregend.

Anfänge bei Forschungsprojekten sind schon etwas Besonderes. Die meisten Projekte, an denen ich mitarbeite, sind sehr groß, einige begannen bereits vor zwanzig Jahren. Ich erlebe jetzt zum ersten Mal eine Planung mit - bei einem Satellitenprojekt. Von Anfang an dabei zu sein, ist aufregender. Man versucht zu planen, was in zehn, 15 Jahren passieren soll, und weiß nicht, wie es sein wird."

Rumi Nakamura (*1961) ist Geophysikerin am Institut für Weltraumforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Graz und beschäftigt sich mit Magnetosphärenphysik.

Am Beginn war Neugier

"In Österreich fragen sich viele: Wieso gibt es hier überhaupt eine Meeresforschung, wo wir doch überhaupt kein Meer haben?' Meine Motivation am Beginn war einfach Neugier. Neugier, irgendwas zu untersuchen, zu erforschen, was noch niemand gemacht hat. Und bei meiner Arbeit komme ich ständig in Bereiche, von denen ich noch nichts weiß, und gehe an Grenzen.

Zu Beginn waren Seichtwasserbereiche in den Tropen mein Hauptgebiet. Ich war sehr viel in der Karibik und am Roten Meer, also in Gebieten, die man eher nicht so kennen lernt - außer mit viel Geld und viel Urlaub. In den letzten Jahren habe ich Expeditionen mit den ozeanografischen Schiffen gemacht. Solche Reisen sind sonst eher nicht möglich.

Ich dachte anfangs, wenn ich was Besseres fände, würde ich das machen. Mir ist nichts Besseres eingefallen. Viele meiner Generation sind genauso gut, genauso fleißig und intelligent, sie haben es genauso ernsthaft probiert, hatten aber weniger Glück. Das braucht man aber, neben einer gewissen Ausdauer.

Meine erste wissenschaftliche Arbeit war eigentlich falsch. Ich hab sie auf einer Konferenz präsentiert. Ein anderer Wissenschaftler hat vermutet, dass meine Darstellung nicht ganz richtig ist, und hat mich noch während der Konferenz darauf angesprochen, vor 300 Leuten! Zum Glück war meine Reaktion gar nicht so schlecht. Ich habe gesagt, er soll kommen, und wir schauen uns das an. Später dann hat sich herausgestellt, dass er Recht hatte. Im Nachhinein war das natürlich schon peinlich."

Monika Bright (*1962) ist a.o. Professorin und arbeitet als Meeresbiologin am Institut für Ökologie und Naturschutz der Universität Wien

Ein schlechter Starter

"Ich habe immer totale Angst vor dem ersten Buchstaben. Ich fing ja noch mit der Schreibmaschine an, und ich wusste, wenn ich jetzt auf eine Taste drücke, das steht dann da, für die Ewigkeit. Die ersten Schreibmaschinen mit Display waren für mich eine große Befreiung.

Es geht mir heute noch so: Neu anzufangen, das ist immer eine Überwindung. Diese Angst vorm Scheitern - oder eher davor, dass man nicht weiß, ob der Text je fertig wird. Diese Unsicherheit packt mich nach wie vor. Zwar sagt ein Teil von mir: Die meisten Artikel hast du irgendwie fertig bekommen.' Ein anderer Teil von mir aber fragt sich noch immer: Wer weiß, ob das gutgeht.'

Über die technische Entwicklung bin ich wirklich froh, das beruhigt mich. Trotzdem ist es immer noch schwierig, wenn ich vor dem leeren Bildschirm sitze. Rituale und Strategien, mich zum Anfangen zu bringen, sind für mich sehr wichtig. Zuerst schreibe ich zum Beispiel den Titel des geplanten Texts hin, die voraussichtlichen Überschriften. Und ich kopiere aus irgendwelchen alten Artikeln, wo ich mir denke, das könnte ich vielleicht brauchen, Absätze oder Satzfetzen hinein. Dann starrt mich nicht der leere Bildschirm an, und der Anfang ist geschafft. Ich war immer ein schlechter Starter: Wenn irgendetwas losgegangen ist, war ich immer irre nervös. Das gilt in allen Bereichen, nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch beim Sport. Ich habe jahrzehntelang rennmäßig gesegelt und war unter anderem Olympiazweiter im Finn-Dingi bei den Olympischen Spielen 1980. Die Starts habe ich meistens verhaut, nach dem Startschuss war ich immer sehr ruhig und zuversichtlich."

Wolfgang Mayrhofer (*1958) ist Ordinarius an der Interdisziplinären Abteilung für Verhaltenswissenschaftlich Orientiertes Management an der WU Wien; er forscht unter anderem über Karriereverläufe von WU-Absolventen.

Rosen als Belohnung

"Die Idee, mich wissenschaftlich mit dem Nichtstun zu beschäftigen, kam kurz nach der Dissertation auf. Ich wollte lustvolle Forschung. Ich habe mir immer den Luxus gegönnt, Themen zu wählen, die mich persönlich interessieren. Trotzdem ist der Beginn des konkreten Schreibens immer schwierig. Ich habe für mich inzwischen Modelle des Warming-ups entwickelt. Ich lese Texte von Autoren, die ich analytisch und stilistisch sehr gut finde. Das hilft mir dann, in den eigenen Text einzusteigen. Aber es ist immer ein prekärer Moment. Ich bin eine leidenschaftliche Leserin und mache natürlich genau das, wovon ich den Studenten immer abrate: zu viel sammeln und viel zu spät mit dem Ordnen und Schreiben beginnen. Das Anfangen, wirklich die ersten Sätze zu formulieren, das fällt mir immer schwer - egal, ob es Aufsätze sind oder Gutachten. Das ist immer wieder ein ziemlicher Kraftakt.

Natürlich wird der Beginn belohnt. Da gibt es alle möglichen Konsumstrategien. Im Moment geht das in Richtung Einkauf für den Garten. Mittlerweile haben wir 62 Rosenstöcke! Eine weitere Möglichkeit ist, dass ich etwas lesen darf, was ich mir schon lange vorgenommen habe. Also, diese Belohnungsstrategien greifen früh, was wahrscheinlich unklug ist. Ich sollte die Belohnung erst folgen lassen, wenn der Text fertig ist."

Klara Löffler (*1958) ist a.o. Professorin am Institut für Europäische Ethnologie in Wien. Sie ist ausgebildete Tischlerin und pendelt zwischen Wien und ihrem Rosengarten in Bayern.

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