Knochenarbeit

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 3/05 vom 29.06.2005

Und wie hat das mit uns angefangen? Antworten darauf verspricht die Paläoanthropologie. Wenn die Fossilienjäger auf die Schädeldecken und Kieferfragmente unserer Vorfahren blicken, können sie die Brille der eigenen Weltanschauung freilich nicht ganz ablegen. Erkundungen in der Welt der Menschwerdungsberichterstatter.

Leichen im Keller. "Den medialen Wirbel habe ich unterschätzt", gesteht Maria Teschler-Nicola, die Leiterin der Abteilung für Anthropologie am Naturhistorischen Museum in Wien. Gemeinsam mit ihren Kollegen war es ihr gelungen, in "Nature" einen Artikel über die ältesten komplett erhaltenen Reste eines Homo sapiens in Europa zu publizieren. Da die führende Wissenschaftszeitschrift jeweils einige Tage vor Erscheinen Journalisten weltweit über die "Topstorys" informiert, konnte sich Teschler-Nicola Mitte Mai vor Anfragen in- und ausländischer Medien kaum retten. Dass die Fossilien bereits 1881/82 in Südmähren gefunden worden waren und in den Depots des Naturhistorischen Museums geduldig auf ihre genaue Datierung gewartet hatten, lieferte noch eine zusätzliche Pointe. Die Radio-Karbon-Methode brachte es dann an den Tag: Die Skelettreste aus MladecÇ sind 31.000 Jahre alt.

Obwohl es in Rumänien ältere Kieferfragmente und im Nahen Osten und in Ostafrika wesentlich ältere Funde gibt, überwand der Fund des "ältesten komplett erhaltenen Menschen in Europa" problemlos die mediale Aufmerksamkeitsschwelle. Einige Themen gehen eben immer: Was Sex and Crime oder Hitler für andere Medienressorts sind, ist in den Wissenschaftsnews die Paläontologie, wobei hier die Vormenschen mittlerweile wohl vor den Dinosauriern rangieren.

"Natürlich sucht ,Nature' gezielt nach solchen Highlights", meint Teschler-Nicola. Immer wieder schaffen es die "ältesten" Menschen oder Hominiden, also was man gerade dafür hält, sogar aufs Cover. ",Nature' ist da wie die Bild'-Zeitung", sagt der Frankfurter Paläoanthropologe Friedemann Schrenk. "Die fragen sich auch, womit man hohe Auflagen erzielen kann. Mit einer Publikation über eine fossile Schnecke käme ich nie in eines der Topjournals wie ,Nature' oder ,Science' rein."

Die sogenannten letzten Fragen nach der Stammesgeschichte des Menschen, dem Ursprung von Sprache und Bewusstsein und letztlich unserem Platz in der Natur schlagen die breite Öffentlichkeit wie auch die Wissenschaftlergemeinde gleichermaßen in ihren Bann.

Missing Link gesucht. Diese Faszinationsgeschichte der Paläoanthropologie währt schon seit über hundert Jahren und war in ihrer Frühzeit durch erfolgreiche Einzelgänger geprägt. Wohl der erste Paläoanthropologe überhaupt, also jemand, der auszieht, um gezielt nach Überresten unserer Vorfahren zu suchen, war der Holländer Eugène Dubois (1858-1940). Der deutsche Biologe Ernst Haeckel hatte die Idee des Missing Link zwischen Menschen und Affen in die Welt gesetzt, und Dubois, von Beruf Mediziner, machte sich kurzerhand nach Java auf, damals Teil der holländischen Kolonien, um dieses im Regenwald zu suchen. Und das Unglaubliche geschah: Im Oktober 1891 tauchte an einem Flußufer bei Trinil eine Schädeldecke auf. Für Dubois war klar, dass es sich bei diesem Fossil um einen Teil des Missing Link handeln müsse, und er gab diesem den Namen "Pithecanthropus", Affenmensch. Heute gilt der 600.000 Jahre alte Fund als Homo erectus.

Raymond Dart (1893-1988), ein australischer Neuroanatom an der Universität von Johannesburg in Südafrika, hatte nicht nach einem Missing Link gesucht, es wurde ihm gebracht. Im November 1924 erhielt er aus einem Steinbruch einen kleinen Schädel. Das "Kind von Taung" wirkte noch sehr affenartig, aber die Position des Hinterhauptlochs verwies auf einen aufrechten Gang. In seiner Publikation vom Februar 1925 - natürlich in "Nature" - taufte Dart den Fund "Australopithecus", den Südaffen, und sah die Wiege der Menschheit in Afrika. Das wollte aber bis zur Jahrhundertmitte kaum jemand wahrhaben, zu sehr waren die Forscher auf Asien und Europa fixiert.

Afrikanische Wiege. Daran besteht nunmehr kein Zweifel: Hominide Fossilien, die älter als zwei Millionen Jahre sind, finden sich nur in Afrika. Äthiopien, Kenia, Tansania und Südafrika sind seit mehreren Jahrzehnten die Hot Spots der Knochenjäger. Die Suche nach den versteinerten Kostbarkeiten ist längst nur mehr in größeren, interdisziplinär zusammengesetzten Teams möglich. Und aus der staubigen Feldarbeit ist längst auch eine High-Tech-Wissenschaft geworden, die mit Elektronenrastermikroskopen Schädeldecken nach kleinsten Vertiefungen absucht, mit Computertomografen in versteinerte Backenzähne hineinschaut und Sedimentschichten durch das Zählen von Argonatomen zu datieren sucht.

Trotz dieser technologischen Aufrüstung und zahlreicher spektakulärer Funde in den letzten Jahren ist man von einem gesicherten Bild der menschlichen Vorgeschichte jedoch weit entfernt. Stammbäume sind hübsch anzusehen, doch schnell verwelkt, heißt es in der Zunft. Fast scheint es, als ob die neuen Fossilienfunde das Unwissen zu großen weißen Flecken anwachsen lässt.

Die wohl sensationellste Entdeckung der letzten Jahre war der Homo floresiensis im Oktober 2004 auf der indonesischen Insel Flores. Das Besondere bei diesen "Hobbits" war aber nicht das hohe, sondern das geringe Alter der Funde in Kombination mit der geringen Körpergröße und der Hirngröße eines Schimpansen. Nach den bisherigen Berechnungen sind diese Nachfahren des Homo erectus erst vor 18.000 Jahren ausgestorben. Bis dahin galt es als ausgemacht, dass der Mensch seit dem Verschwinden der Neandertaler vor etwa 30.000 Jahren der einzige Vertreter der Gattung Homo gewesen sei. Wieder einmal, so der immergleiche Tenor der Massenmedien wie auch der Fachjournale, müsse die Vorgeschichte der Menschheit neu geschrieben werden.

Der Wiener Paläoanthropologe Horst Seidler sagt seinen Studierenden zu Beginn jedes Wintersemesters: "Was ihr heute hört, kann nächstes Jahr schon wieder Makulatur sein." Dem hohen Maß an Unsicherheit kann Seidler, der selbst in Äthiopien auf Fossilienpirsch ist, aber durchaus auch etwas Positives abgewinnen: "Abenteuerpotenzial."

Freilich, je vorläufiger und unsicherer die Erkenntnisse, desto größer der Interpretationsspielraum der einzelnen Forscher. Und desto heftiger die Kontroversen, die in der Paläoanthropologie der Normalfall sind, vor allem, wenn es um Platz eins geht. So wurden allein in den Jahren 2000 bis 2002 in Kenia, Äthiopien und dem Tschad fünf bis sieben Millionen Jahre alte Fossilien gefunden. Die jeweiligen Finder behaupteten umgehend, "ihre" Schädel und Schienbeine stammten vom ältesten Hominiden. Die Interpretationen der jeweils anderen Forschergruppen wurden hingegen entschieden infrage gestellt.

Dass die Rekonstruktion der Menschwerdung durch persönliche Vorannahmen oder gar Wunschdenken, aber auch durch gesellschaftliche Werthaltungen geprägt ist, bestreitet kaum einer der Knochenjäger. Das Bild, das wir uns von unseren Vorfahren machen, ist immer auch ein Spiegelbild unserer eigenen Zeit.

Verwandlungen eines Verwandten. Das sich stets wandelnde Bild des Neandertalers ist hierfür nur das beste Beispiel. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte der Neandertaler ein denkbar schlechtes Image als animalischer Muskelprotz ohne Grips und diente vor allem als Kontrastfolie, um die unvergleichliche Höhe der menschlichen Zivilisation herauszustreichen. Weil das damals untersuchte Skelett von Arthritis gezeichnet war, schrieb man unserem Vetter fälschlicherweise auch noch einen Buckel zu. Nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges begannen die gut gemeinten Bemühungen zur Eingemeindung des "zweiten Menschen". In den 1950er-Jahren entdeckte Ralph Solecki im Irak das "Blumengrab von Shanidar". Die darin gefundenen zahlreichen Pollen bunt blühender Pflanzen regten ihn zu der Vorstellung an, dass hier ein Verstorbener auf ein Blumenlager gebettet worden sei. Passend zum Zeitgeist betitelte Solecki sein 1971 erschienenes Buch "The First Flower People". Als wahrscheinlicher gilt mittlerweile aber, dass die Pollen durch Kleinsäuger in die Höhle gelangten.

Mitfühlend und intelligent soll der Neandertaler gewesen sein, mit Anzug und Krawatte würde er in der U-Bahn kaum auffallen, hieß es. In den 1990ern geisterte dann die Vorstellung eines paläolithischen Genozids durch die Gazetten, wonach der moderne Mensch den Neandertaler gleichsam ausgerottet habe. Stichhaltige Belege dafür fehlen nach wie vor, aber die Gräueltaten in Ruanda und Exjugoslawien unterfütterten sicher die Vorstellung eines "von Natur aus" gewalttätigen Homo sapiens.

Mittlerweile werden dem Neandertaler erstaunliche kulturelle Leistungen zugetraut, die bis hin zur künstlerischen Darstellung eines Löwen gehen, hergestellt aus dem Stoßzahn eines Mammuts. Ob und wie artikuliert er sprechen konnte, ist hingegen umstritten. Der britische Paläoanthropologe Steven Mithen veröffentlicht dieser Tage ein Buch über "The Singing Neanderthal". Viele Paläoanthropologen sehen diese Tendenzen zur Vermenschlichung des Neandertalers aber sehr kritisch (s. Interview unten).

Nur Geschichtenerzähler? Die US-amerikanische Paläoanthropologin Misia Landau wurde mit der These bekannt, dass die Darstellungen der menschlichen Evolution die gleiche Struktur wie Märchen haben. Zwischen den Funden würden Bezüge hergestellt und diese in eine "sinnvolle" Ordnung gebracht. Der Weg des "Helden" führt ihn von den Bäumen in die Savanne. Er erhält von einer höheren Macht (beispielsweise der Evolution) Gaben (etwa den aufrechten Gang oder ein größeres Gehirn), besteht Prüfungen (überlebt im neuen Umfeld) und kommt so seiner Bestimmung, dem Menschsein, immer näher.

Landau hat diese narrativen Elemente, die sich auf unterschiedliche Weise kombinieren lassen, vor allem bei britischen Paläoanthropologen des frühen 20. Jahrhunderts gefunden. Für sie suggerieren aber auch rezentere Darstellungen eine gewisse Zwangsläufigkeit. Der Homo sapiens werde als Krönung und Erfüllung dieses langen und harten Entwicklungsganges präsentiert.

Stammbusch statt Stammbaum. Die Frage nach den Anfängen des Menschseins ist für Friedemann Schrenk sehr anthropozentrisch und letztlich überholt. Das Weltbild der Paläoanthropologie habe sich in den letzten Jahrzehnten stark geändert, auch wenn die Medienlogik und der Run auf den vermeintlich ältesten Menschenvorfahr dem entgegenstehe. "Man muss die Funde in der Gesamtheit sehen." Biogeografie, alles im Blick behalten - das klingt nach Ganzheitlichkeit und insofern auch nach Weltanschauung, was Schrenk auch nicht bestreitet.

Vor zehn Millionen Jahren erstreckte sich der tropische Regenwald von der West- bis zur Ostküste Afrikas, vor etwa acht Millionen Jahren zog er sich immer weiter zurück, wodurch eine 8000 Kilometer lange Regenwaldperipherie entstand, ein natürliches Experimentierfeld. "Der Selektionsdruck war nicht nur an einer einzigen Stelle gegeben", ist Schrenk überzeugt. Mit der Zunahme der Funde zeige sich die große Variabilität der Vormenschenarten. "Und je mehr man findet, desto weniger wird es das eine Missing Link geben." Daher votiert Schrenk auch dafür, etwa in Mauretanien und Mali, also den Ländern an der nordwestlichen Seite der ehemaligen Regenwaldperipherie, zu buddeln.

In Afrika haben die Paläoanthropologen bisher aber fast ausschließlich im afrikanischen Grabenbruch geforscht, der sich vom Roten Meer bis nach Südafrika durchzieht. Einer der wichtigsten Funde der letzten Jahre, der Sahelanthropus, wurde aber 2002 in der Wüste des Tschad gemacht, Tausende Kilometer vom Grabenbruch entfernt. Schrenks "geografischer" Ansatz hat ihn selbst vor knapp zwanzig Jahren nach Malawi geführt. Das kleine Land liegt zwischen den bedeutenden Fundorten in Süd- und Ostafrika. Da unsere Vorfahren aber nicht fliegen konnten, mussten sie auch Spuren in den dazwischen gelegenen Gebieten hinterlassen haben. Aber das "Hominid Corridor Research Project" förderte jahrelang nur fossile Tierknochen aus der malawischen Erde, was ihm den Spitznamen "Schweine- und Antilopenkorridor-Projekt" einbrachte - bis nach acht Jahren 1991 doch ein etwa 2,5 Millionen Jahre alter Unterkiefer eines Homo rudolfensis gefunden wurde. Eine fixe Idee und eine ordentliche Portion Beharrlichkeit waren auch in diesem Fall die Voraussetzungen für das Finderglück. Eine Publikation in - wie könnte es anders sein - "Nature" war fällig. UR 501, so getauft in Anlehnung an die Levis 501, gilt als ältestes Fossil der Gattung Homo.

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