"Wie auf der Enterprise"

aus HEUREKA 3/05 vom 29.06.2005

Jean-Jacques Hublin leitet am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig die Abteilung "Human Evolution". Er ist an zahlreichen Grabungsprojekten in Äthiopien, Südafrika, Marokko und Frankreich beteiligt. In einer vielbeachteten Studie konnte der Franzose letztes Jahr zeigen, dass das Gehirnwachstum beim Homo erectus dem eines Schimpansen ähnelt. Sprich: Das Gehirn hat bei der Geburt schon etwa die Hälfte seiner späteren Größe erreicht - ganz im Gegensatz zu menschlichen Babys, bei denen es nur 25 Prozent sind. Wir kommen also viel unfertiger auf die Welt, folglich ist die Kindheit für die richtige "Verdrahtung" des Gehirns beim Menschen länger und wichtiger. Unsere kognitiven Fähigkeiten sind daher aber ungleich höher entwickelt. Für Hublin ein weiterer Beleg dafür, dass "wir" ganz anders sind als "sie", unsere hominiden Vorfahren.

heureka: Ist die Paläoanthropologie eine Wissenschaft wie jede andere?

Jean-Jacques Hublin: Die Frage des Ursprungs ist für jede Gesellschaft wesentlich. Wenn ich ein wenig provokant sein darf: Bei den Sumerern wäre ich vielleicht ein Priester gewesen, und die Menschen würden eine Steuer dafür zahlen, damit ich ihnen im Tempel etwas über den Ursprung der Welt sage. Heutzutage bezahlt man Wissenschaftler dafür.

Die religiösen Mythen wurden in der Zwischenzeit aber durch wissenschaftliche Szenarien ersetzt.

Ja, aber der Mensch fragt nach wie vor nach seiner Herkunft und seinem Platz in der Natur, daher ist die mythologische Dimension des Ursprungs nicht verschwunden. Es bleibt ein sehr emotionsgeladenes Thema. Wenn Sie als Physiker vor Publikum über Teilchenphysik reden, werden Sie keinen Widerspruch ernten. Wenn Sie als Paläoanthropologe über den Neandertaler sprechen, wird einer der Zuhörer aufstehen und sagen: "Ich glaube, es war anders."

Und was sagt das Publikum dazu, dass die einfachen, linearen Stammbäume überholt sind?

Der Stammbaum ist ein sehr populäres Bild, nicht zuletzt, weil er ein beruhigendes Weltbild vermittelt. Wegen der schrecklichen Geschichte des 20. Jahrhunderts, des Rassismus und der Sünden der physischen Anthropologie ist für uns die Vorstellung der Einheit der Menschheit sehr wichtig geworden. Und in der Tat haben wir jetzt eine Spezies, die den ganzen Planeten bevölkert und sehr homogen ist.

In der Vergangenheit war es aber nie so wie jetzt. Das war eine Welt wie auf der Enterprise, mit verschiedenen Spezies von Hominiden auf demselben Raumschiff. Es gab einen komplexen Stammbusch mit vielen Zweigen, von denen nur einer überlebt hat. Das ist für viele sehr schwierig zu akzeptieren - auch in den Wissenschaften wie der Kulturanthropologie, weil es diese Vormenschen vom Menschsein ausschließt.

Political Correctness und Antirassismus werden also in die Vergangenheit projiziert?

Manchen wäre es wohl lieber, es hätte Adam und Eva tatsächlich gegeben, sprich: Auf einmal waren die Menschen da. Unglücklicherweise ist es aber nicht so. Deswegen streitet man in der Paläoanthropologie ständig darüber, wer zu "uns" gehört. Der Kampf um den Status des Neandertalers ist das eklatanteste Beispiel. Manche versuchen zu zeigen, dass der Neandertaler jemand ist wie Sie und ich, dass er dieselben Dinge tun konnte, nur eben ein lustiges Gesicht hatte. Ich hingegen glaube, dass Neandertaler eine andere Spezies und grundverschieden von uns waren.

Was ist mit dem unlängst in Portugal entdeckten Kinderskelett, das für den Neandertalexperten Erik Trinkaus von einem Mischlingskind stammen könnte?

Die Medien lieben diese Geschichte von der heimlichen Liaison zwischen einem Neandertaler und einem modernen Menschen. Ich glaube zwar, dass die Vermischung zwischen Neandertaler und modernem Menschen theoretisch möglich war. So etwas passiert heute zwischen nahe verwandten Arten, Wölfen und Kojoten zum Beispiel, wenn auch selten. Aber dagegen steht eine überwältigende paläontologische, archäologische und genetische Evidenz; alles deutet darauf hin, dass es keine Vermischung gab. Und falls doch, dann spielte sie eine sehr untergeordnete Rolle für die europäische Population. Die Merkmale der Neandertaler verschwanden völlig, sei es wegen natürlicher Selektion oder der Dominanz eines Gens.

Früher hat man den Neandertaler als recht tumben und grobschlächtigen Zeitgenossen imaginiert.

Ja, und heute gibt es die gegenläufige Tendenz, den Neandertaler so freundlich wie möglich darzustellen. In vielen Museen stehen heute Modelle, die zwar mit Blick auf die Muskeln und die Körperform realistisch sind, aber moderne Augen, Haare und Haut haben. Dabei wissen wir überhaupt nichts über diese äußerlichen Merkmale der Neandertaler! Die Rekonstruktion aber sieht aus wie Ihr Nachbar. Dieser Versuch, den Neandertaler einzugemeinden, ist ein vergeblicher Kampf. Was machen Sie mit dem Homo erectus? Und eines Tages wird man sich auch noch fragen, ob der Schimpanse zu uns gehört oder nicht.

Interview: O. H.

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