Die Wiegen der Wissenschaft

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 3/05 vom 29.06.2005

Wissenschaftler forschen über die Anfänge des Universums, des Lebens und der Menschheit. Doch wann hat eigentlich die Forschung selbst begonnen? Die Wissenschaftshistoriker kommen je nach Ansatz auf recht unterschiedliche Geburtsdaten und -stätten. Ein kleiner Ursprungsüberblick.

Babylonische Bibliotheken. "Wenn seine rechte Gesäßhälfte gelb ist: Seine Krankheit wird sich verändern. Wenn seine linke Gesäßhälfte gelb ist: Seine Krankheit wird schmerzhaft sein. Wenn seine Gesäßhälften gelb sind: Er wird ängstlich sein." Diese fast 2500 Jahre alten medizinischen Ratschläge auf einer babylonischen Tontafel aus dem heutigen Irak klingen nach unseren heutigen Maßstäben wissenschaftlich nicht gerade überzeugend. Eine gewisse Systematik lässt sich dem Text jedoch nicht absprechen. Systematik herrschte aber auch bei der Anordnung der übrigen Tontafeln, die sich in Ninive in der Bibliothek des Assurbanipal befanden: Sie war damit die erste, in der Wissen nach bestimmten Ordnungsprinzipien aufbewahrt wurde.

Auch aus diesem Grund gilt Mesopotamien, also das Gebiet des heutigen Irak und Iran, vielen Wissenschaftshistorikern als eine der Geburtsstätten der Wissenschaft: Der von Michel Serres herausgegebene Sammelband "Elemente einer Geschichte der Wissenschaften" (dt. 1994) etwa beginnt mit Babylon. Und Serres' französischer Landsmann André Pichot hat gleich einen fast 600-seitigen Wälzer mit dem Titel "Die Geburt der Wissenschaft. Von den Babyloniern zu den frühen Griechen" (dt. 1995) verfasst. Da das wissenschaftliche Denken eng mit Sprache und Schrift verknüpft ist und die antiken Reiche des Vorderen Orients erstmals über schriftliche Aufzeichnungen verfügten, nimmt es auch nicht wunder, dass dort auch bestimmte "Forschungsbereiche" entstanden.

Allererste Anfänge. Bereits vor 5000 Jahren verfügten die Ägypter über eine hochentwickelte Medizin; auch wurde im Land der Pharaonen bereits 1650 vor unserer Zeitrechnung das Bruchrechnen eingeführt. An Euphrat und Tigris wurden die Mathematik und Astronomie dann um einiges wissenschaftlicher betrieben als am Nil: Die Babylonier stellten bereits ziemlich genaue Berechnungen der Planetenbahnen an, und auch der Satz des Pythagoras war ihnen bereits vor rund 4000 Jahren bekannt. Wann man den Beginn der Wissenschaft ansetzt, hängt selbstredend damit zusammen, was man unter Wissenschaft versteht. Einen sehr weiten Begriff vertrat etwa J.D. Bernal in seiner vierbändigen "Geschichte der Wissenschaften" (Orig. 1954). Wenn man die Manipulation der Natur als einen Grundzug der Naturwissenschaften anerkennt, stößt man in sehr frühen Zeiten der Menschheitsgeschichte auf (vor-)wissenschaftliche Leistungen: zum Beispiel die Herstellung von einfachen Werkzeugen in der Steinzeit. Ganz ähnlich ging es der US-amerikanische Chemiker und Science-Fiction-Autor Isaac Asimov in seiner "Chronology of Science and Discovery" (1989) an, die er mit einer Schautafel eröffnete, die nicht weniger als "vier Millionen Jahre Wissenschaft auf einen Blick" zeigt, inklusive der Zähmung des Feuers vor 500.000 Jahren.

Revolutionierende Renaissance. Wenn es allerdings um die "Erfindung" der Wissenschaft geht, wie sie heute betrieben wird - also auf Basis der experimentellen Methode, emanzipiert von Mythen und der Religion, praktiziert in wissenschaftlichen Institutionen (siehe Kasten) -, dann gilt bei den Wissenschaftshistorikern das 17. Jahrhundert als die entscheidende Phase. Was nun nicht heißen soll, dass es im Mittelalter keine Forschungen und Experimente gegeben hätte: So etwa hat der Dominikanermönch Dietrich von Freiberg zu Beginn des 14. Jahrhunderts das Funktionsprinzip des Regenbogens entschlüsselt, "der größte wissenschaftliche Beitrag der westlichen Welt im Mittelalter", wie es später hieß. Tatsächlich waren China und Indien sowie Teile der islamischen Welt auf wissenschaftlichem und technologischem Gebiet um einiges weiter als der Okzident.

Doch dann ereignete sich im 16. und 17. Jahrhundert zunächst vor allem in Italien und England das, was als die "wissenschaftliche Revolution" bezeichnet wird: Damit ist nicht nur gemeint, dass Galilei, Descartes oder Newton das damalige Weltbild erneuerten und sich mit ihnen eine mathematische Physik durchsetzte. Ebenso wichtig war das Aufkommen neuartiger Forschungsprogramme, neuer Techniken der Beobachtung und der Überprüfung von Experimenten, aber auch die Gründung von Wissenschaftlervereinigungen wie der Royal Society.

Diese neuen Arten des Forschens setzten sich allerdings erst allmählich durch und beruhten zum Teil auf älteren Traditionen, wie der Harvard-Wissenschaftshistoriker Stephen Shapin in seinem Überblickswerk "Die wissenschaftliche Revolution" (dt. 1998) zeigt. Weshalb er an den Anfang dieser Studie über die Ursprünge der modernen Wissenschaft auch folgenden Satz stellt: "Die so genannte wissenschaftliche Revolution hat es nie gegeben."

Eine Literaturliste zu diesem Artikel und zum Heft finden Sie unter

www.falter.at/heureka

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