Mit den Augen des Luchses

aus HEUREKA 3/05 vom 29.06.2005

Wann was begann. Wenn sich auch die Geburt der Wissenschaft nicht wirklich an einem Ereignis oder Jahr festmachen lässt, so lassen sich doch einige wichtige Anfänge und Gründungen recht genau datieren.

Akademischer Grad. Der erste und damals zugleich auch der höchste akademische Grad, den Studenten erlangen konnten, hieß "würdig und ausgezeichnet". Verliehen wurde er in der frühen Han-Zeit, um 178 vor dem Beginn unserer Zeitrechnung, und zwar von den Betreibern der ersten staatlichen  Universität in China.

Experiment. Als Erfinder des wissenschaftlichen Experiments wird mitunter Galileo Galilei mit seinen Experimenten am Schiefen Turm von Pisa genannt. Daran stimmt nur wenig, denn Galilei ließ bei seinen Experimenten zur Bestimmung der Fallgesetze bloß Kugeln über schiefe Ebenen hinabsausen, und er war gewiss nicht der erste Experimentator. Tatsächlich gab es schon im alten Griechenland erste experimentelle Anordnungen - etwa jene, mit der Erathostenes um 250 v. Chr. den Erdumfang ziemlich genau berechnete.

Fachjournal. Als die erste wissenschaftliche Zeitschrift gelten die "Philosophical Transactions" der  Gelehrtengesellschaft der Royal Society in London, die 1665 erstmals erschienen. Danach dauerte es bis 1750, ehe die Anzahl auf zehn Fachzeitschriften gestiegen war. Von da an verzehnfachte sich die Anzahl alle fünfzig Jahre: also 1800 auf rund 100, 1850 auf rund 1000, 1900 auf 10.000, 1950 auf 100.000 und 2000 auf rund eine Million. Das britische Wissenschaftsjournal "Nature" wurde übrigens 1869 gegründet, ihr US-amerikanisches Pendant "Science" im Jahr 1880. "Cell", die zurzeit am öftesten zitierte wissenschaftliche Zeitschrift - sprich: die mit dem höchsten Impactfaktor -, gibt es erst seit 1974.

Gelehrtengesellschaft. Als älteste, bis heute bestehende institutionalisierte Gelehrtengesellschaft gilt die 1662 in London gegründete Royal Society, deren Charta königliche Patronanz gewährte - freilich nur unter der Bedingung des "not Meddling with Divinity, Metaphysiks, Moralls, Politicks". Sie hatte allerdings Vorläufer in Italien: 1603 wurde die Accademia dei Lincei (die Luchsäugigen!) in Rom eröffnet und 1651 die Accademia del Cimento in Florenz, die allerdings beide nach wenigen Jahren wieder zusperren mussten. Österreich war mit seiner Akademie der Wissenschaften besonders spät dran: Bis zum Jahr 1847 hatte Kaiser Franz I. das Ansinnen unter anderem mit der Begründung "Ich brauche keine Gelehrten, ich brauche gute Beamte" abgelehnt.

Großforschung. Als Geburtsstunde der Big Science gilt gemeinhin das Manhattan State Project, bei dem Dutzende Spitzenphysiker zwischen 1943 und 1945 in den Laboratorien von Los Alamos in der Wüste von Nevada zusammenarbeiteten und gemeinsam die erste Atombombe konstruierten. Tatsächlich gab es aber schon in den 1920er-Jahren in Kalifornien Großforschungsprojekte, bei denen Forscher der Universitäten Berkeley und Stanford gemeinsam mit der Industrie die damaligen Probleme der Stromversorgung lösten.

Scientist. Man könnte sich denken, dass es diese Berufsbezeichnung spätestens seit dem Beginn der modernen Naturwissenschaft im England des 17. Jahrhunderts gibt. Tatsächlich wurde der Begriff erst 1833 vom englischen Universalgelehrten William Whewell eingeführt. Zuvor kannte man bloß die Bezeichnungen "man of science" und "natural philosopher". Whewell, einer der ersten Präsidenten der British Association for the Advancement of Science, erfand unter anderen noch die Begriffe "Anode", "Kathode" oder "Ion" für seinen Kollegen Michael Faraday.

Universität. Als die erste neuzeitliche Universität Europas gilt jene von Bologna (gegründet 1119). Nach ihr ist auch jener Prozess benannt, der die historisch sehr unterschiedlich gewachsenen nationalen Universitätssysteme Europas wieder vereinheitlichen soll. Die erste einer Universität vergleichbare Bildungseinrichtung war allerdings das Lykeion bei Athen, das bereits 335 vor unserer Zeitrechnung gegründet und unter anderen von Aristoteles gemietet wurde. Zwanzig Jahre später eröffnete die erste staatliche Universität ihre Tore - im Staat Qi im Nordosten Chinas. K. T.

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