Die ersten Kärntner

Stefan Löffler | aus HEUREKA 3/05 vom 29.06.2005

Die Suche nach den eigenen ethnischen Wurzeln hat in Österreich seltsame Blüten getrieben. Im Vielvölkerstaat der Habsburgermonarchie war sie tabuisiert, nach 1918 wurde sie dagegen umso heftiger betrieben. Und in Kärnten wird bis heute erbittert um die Vorfahren gestritten.

Kult um die Kelten. Als in Kärnten vor einigen Jahren slawische Gräber aus dem 8. Jahrhundert freigelegt wurden, schickte der slowenische Rundfunk einen Reporter ans Klagenfurter Landesmuseum, um den dort tätigen Archäologen Franz Glaser zu interviewen. Als der slowenische Reporter beim Abschied darum bat, ein Messer seiner Vorfahren mitnehmen zu dürfen, korrigierte ihn Glaser: Es stamme von den gemeinsamen Vorfahren. Die Lokalpresse habe auf Umwegen Kenntnis von der Begebenheit erhalten, berichtet Glaser, woraufhin er seinerseits von einem Leser mit den Worten "Wir Kärntner stammen von den Kelten ab!" belehrt worden sei.

Die Kelten, die ab dem 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung in Europa ansässig waren, sind nicht erst seit Asterix als Ahnen groß in Mode. Esoteriker fahren auf sie ebenso ab wie Studenten, die sich in überfüllten Hörsälen Keltologievorlesungen anhören.

Vermeintliche keltische Wurzeln sind auch einer der Gründe für die Beliebtheit des Kärntner Vierbergelaufs. Die traditionelle Wallfahrt am zweiten Freitag nach Ostern ist angeblich ein uralter Brauch. Als eine Journalistin aus Wien einen Beitrag über die keltischen Ursprünge der Bergwanderung recherchieren wollte, musste Glaser ihr eröffnen, dass sie - wie so viele - einer Legende aufgesessen war. Der Beginn des Vierbergelaufs falle eindeutig in die Zeit der Türkenkriege, der Brauch ist also erst Jahrhunderte später "erfunden" worden.

Urväter und Urmütter. Mit dem Erstarken des Nationalbewusstseins setzte im 19. Jahrhundert fast überall in Mitteleuropa eine Rückbesinnung auf die ethnischen Wurzeln ein. Die Epoche der Völkerwanderung wurde entdeckt, das frühe Mittelalter zum Forschungsthema. Es kam in Mode, so der Germanist Wolfgang Müller-Funk, einen nationalen Urvater zu suchen. Die Ungarn bekannten sich zu ihrem König Árpád, die Deutschen beriefen sich auf Hermann den Cherusker, im Fall der Tschechen durfte es auch eine Urmutter sein: LibusÇe.

Die Österreicher haben weder Urvater noch Urmutter, und nicht nur das unterscheidet sie von ihren Nachbarvölkern. So gab es "übernationale" Entwürfe, wie den von Carl Freiherr von Czoernig, der im 19. Jahrhundert versuchte, auf Basis der historischen Etrusker ein gemeinsames Ursprungsnarrativ für die habsburgischen Nationalitäten zu entwickeln, so Stefan Spevak, der an der Universität Wien nicht nur über mittelalterliche Geschichte, sondern vor allem auch über deren Instrumentalisierung forscht.

Weil die k.u.k. Monarchie im Zeichen des Ausgleichs zwischen den nationalen Gruppen stand, so der Wiener Mediävist Helmut Reimitz, hat die Konstruktion einer biologischen Abstammungsgemeinschaft in Österreich zunächst eine vergleichsweise geringe Rolle gespielt - nach 1918 dagegen umsomehr.

Meist ging es nun darum, bajuwarische Vorfahren geltend zu machen. Das Bekenntnis fiel nicht nur Nazis leicht, galten die germanischen Vorväter doch als überaus freiheitsliebend.

1945 war in Österreich alles, was deutsch anmutete, verdächtig. In den Schulen wurde nunmehr in der "Landessprache" unterrichtet. Teilweise deuteten dieselben Autoren, die vorher das Deutschtum hochgehalten hatten, die Geschichte im Sinne der Eigenständigkeit um, so Spevak. Das historische Nationalbewusstsein sei nach dem Krieg geradezu in einem Vakuum gewesen, den ein kleiner, aber schlagkräftiger Kreis um Unterrichtsminister Felix Hurdes zu füllen wusste. Eine Aufzeichnung aus dem Jahre 996, die das östliche Grenzland als "Ostarrichi" bezeichnete, wurde zur Geburtsurkunde der Nation und 1946 mit einer rasch anberaumten 950-Jahr-Feier gehuldigt.

Multiethnische Mischkulanz. Immerhin gewann man nach 1945 der multiethnischen Herkunft auch Positives ab, meint der Wiener Historiker Gernot Heiss. Dass die Österreicher so charmant, weltoffen, gemütlich und musikalisch seien, ließ sich dem Zusammenkommen unterschiedlicher Einflüsse zuschreiben.

Doch das ist nicht überall so: Während sich Wien zur "Mischkulanz" bekennt, wird in Kärnten oder dem Waldviertel weiter stammesgeschichtlich argumentiert und geforscht. Grundmotiv bleibt die Abgrenzung gegenüber den Slawen. Der Wiener Frühhistoriker Erik Szameit berichtet, dass die Einordnung von Funden nach der Faustregel "großes Skelett=Germane, kleine Knochen=Slawe" auch nach 1945 vorgekommen sei.

Älteren Veröffentlichungen ist, auch wenn sie ideologisch unbelastet sind, laut Helmut Reimitz meist anzumerken, dass sie vom Westen her gedacht sind - etwa an Bezeichnungen wie "karolingischer Markengürtel": Übergangsland war es in beide Richtungen.

Einen denkwürdigen Forschungsauftrag hatte der Mediävist, als in den 1990er-Jahren anonyme Pamphlete einer "bajuwarischen Befreiungsarmee" auftauchten. Im Auftrag der Polizei fahndete Reimitz nach den Quellen des Briefbombentäters. Die Hoffnung, ihn anhand abonnierter Zeitschriften oder in Bibliotheken entlehnter Bücher aufzuspüren, wurde bald zunichte. Das Gedankengut, auf das sich Franz Fuchs stützte, war weiter verbreitet als angenommen. Noch heute erscheinen im rechten und rechtsextremen Spektrum an die zwanzig Zeitschriften, die die Wurzeln Österreichs und seiner Bewohner bei den alten Germanen suchen. Nicht zuletzt in Kärnten.

Bollwerk im Südosten. Realitätsnähere Einblicke in die Frühgeschichte Kärntens glaubt der Archäologe Franz Glaser in Karnburg zu bekommen. Die nördlich von Klagenfurt gelegene Ortschaft wurde um 1930 in Berliner und Kärntner Zeitungen als "deutsches Bollwerk im Südosten" bezeichnet. Wenige Jahre später erwarb der Geschichtsverein Kärnten das historisch vielversprechende Areal. 1939 kam es zu Grabungen. Unter der Leitung des "SS Ahnenerbes" sollte Germanisches zutage gefördert werden. Noch im gleichen Jahr erschienen die erwünschten Veröffentlichungen.

Auf den beigefügten Bildern sind laut Glaser deutlich Gräber auszumachen. Doch in den Artikeln findet sich kein Wort darüber. Lässt diese Auslassung darauf schließen, dass es sich um slawische Grabfunde gehandelt haben könnte, die mit der großdeutschen Ideologie nicht vereinbar waren?

Diesen Verdacht nährt, dass in den Sammlungen und Museen keine Fundstücke aus Karnburg zu finden sind, obwohl zumindest Grabbeigaben und Skelette zutage gefördert worden sein müssten. Aufschluss könnten die Aufzeichnungen der Naziarchäologen liefern, die seinerzeit wahrscheinlich ans "SS Ahnenerbe" gegangen sind. Deren Archiv wurde 1945 von der US-Armee beschlagnahmt. Glaser fragte wiederholt nach - bislang ohne Erfolg.

Seit 1939 ist in Karnburg nicht mehr geforscht worden. Schon um das verletzliche Mauerwerk zu sichern, müssten in Karnburg wieder Archäologen ans Werk, findet Glaser. Und dann natürlich, um ohne völkische Scheuklappen zu graben. Mit Fördermitteln aus Kärnten rechnet er erst gar nicht, sondern will beim FWF, dem österreichischen Forschungsförderungsfonds, ansuchen. Dass die Hausherren vom Kärntner Geschichtsverein, aus dem er ausgetreten ist, ihm die Erlaubnis verweigern könnten, sieht Glaser nicht als Behinderung. Die entscheidenden Fundplätze vermutet er außerhalb des Vereinsgrundstücks.

Karantanische Karriere. In Karnburg könnte ein wichtiger Stützpunkt, vielleicht sogar das Zentrum eines slawischen Staats gewesen sein, der im 7. und 8. Jahrhundert auf dem Gebiet des heutigen Kärnten existierte. Doch dieses Karantanien ist weitgehend ein Tabuthema. Im Heimatkundeunterricht, auf Schautafeln oder in der Fremdenverkehrswerbung findet sich kaum je ein Hinweis. Glasers Kollege am Landesmuseum, Paul Gleirscher, hat die Geschichte des frühslawischen Staats aufgearbeitet. Als sein Karantanien-Buch erschien, wurde Gleirscher bedeutet, dass er sich damit jeden weiteren beruflichen Aufstieg in Kärnten verbaut habe.

Langsam möge die Interpretationsmacht der deutschnationalen Kärntner über ihre Landesgeschichte bröckeln, doch bei Berufungen und Fördermitteln hätten die Burschenschafter immer noch die Zügel in der Hand, klagt die Klagenfurter Historikerin und Archäologin Renate Jernej. Das hat auch mit der speziellen Fachtradition in Kärnten zu tun. Die Archäologie ist an der Universität Klagenfurt 1942 eingerichtet worden, um von dort aus Grabungen in der Gegend des besetzten Kranjska Gora zu betreiben und eine möglichst tiefe deutsche Verwurzelung in der Oberkrain zu belegen. Nach Kriegsende wurden zwar alle Fachvertreter entlassen, in den folgenden Jahren aber einer nach dem anderen wieder eingestellt.

So wirken die ethnischen und kulturellen Gebietsansprüche in den Forschungen weiter, mitunter bis heute, was sowohl für die Kärntner wie für die slowenische Seite gilt, wie die wechselseitige Vereinnahmung des im Kärntner Landesmuseum ausgestellten Fürstensteins aufzeigt. Dieser Säulensockel hatte im Hochmittelalter zeremonielle Bedeutung. Bei der Amtseinführung des Herzogs von Kärnten nahm ein Bauer auf dem Fürstenstein Platz und nahm dem zukünftigen Herrscher mit einem Streich über die Backe das Versprechen ab, gerecht zu herrschen.

Obwohl belegt ist, dass die Zeremonie in slawischer Sprache durchgeführt wurde, ist sie als deutsche Errungenschaft reklamiert worden. Dabei lebten die deutschen und slawischen Muttersprachler friedlich zusammen, und Mischehen waren üblich. Warum, fragt Paul Glaser, wollen die nationalen Hitzköpfe beider Seiten nicht begreifen, dass sie gemeinsame Wurzeln haben?

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