Homo Austriacus Germanicus

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 3/05 vom 29.06.2005

Anmaßende Vermessungen. "Die Ostmark, nunmehr das Tor des deutschen Lebensraumes nach Osten und Süden, lag immer wieder im Brennpunkt entscheidender geschichtlicher Ereignisse." Der österreichische Anthropologe Eberhard Geyer, seit 1933 Mitglied der NSDAP, stand 1939 noch ganz im Banne von Österreichs "Anschluss". In seinem Aufsatz "Über den Stand der rassenkundlichen Untersuchungen in der Ostmark" hieß es weiter: "In den Zeiten des Aufstieges, wenn neue, große Aufgaben lockten, zog sie die besten der deutschen Stämme an sich. In Zeiten des Niedergangs war sie in erster Linie fremden Einflüssen ausgesetzt. All das hat seinen Niederschlag in der Bevölkerung gefunden." Eberhard Geyer war in den 1930er-Jahren einer der führenden Vertreter der physischen Anthropologie in Österreich, die ab den 1920er-Jahren einen großen Aufschwung erlebte. Und wie in anderen Ländern, so machte man sich auch hierzulande daran, den "typischen Österreicher" und seine Urform durch Vermessung Tausender Köpfe und Körper bzw. (Toten-)Schädel und Skelette zu ermitteln. Allein zwischen 1928 und 1939 wurden in Österreich auf diese Weise mehr als 40.000 Menschen untersucht - die meisten davon übrigens in Kärnten. Was für einen deklarierten NS-Anthropologen bei den Kärntner Untersuchungen unterm Strich herauskam, ist nicht schwer zu erraten: "Die Formen des nordischen Rassenkreises werden als die wichtigsten Aufbauelemente Kärntens bezeichnet", so Geyer. Für ihn hat sich "in Mitteleuropa bereits in der Mittelsteinzeit die abschließende Entwicklung der späterhin als Leitform so wichtigen nordischen Rasse vollzogen". Das Schlüsselereignis war dann natürlich 976 die Einsetzung des ersten Babenberger Markgrafen, womit "die bajuwarische Kolonisation des Ostalpenrandes ihren politischen Abschluss" gefunden habe: "Die rassische, kulturelle und völkische Eingliederung in den mitteleuropäischen Raum, der ein deutscher zu werden beginnt, ist vollzogen."

Österreichs 16 "Rassen". Zumindest bis zum "Anschluss" gab es je nach politischer Ausrichtung der Anthropologen unterschiedliche Ansichten über die "rassischen" Ursprünge der österreichischen Bevölkerung und ihr damals aktuelles Erscheinungsbild: Während Nazi-Anthropologen wie Geyer alles auf die "nordische Rasse" und die "Germanen" hintrimmten, argumentierten die christlich-konservativen Kollegen für Vielfalt. Deren Doyen Viktor Lebzelter jedenfalls hatte etwas andere Vorstellungen über "Die österreichischen Rassen", so der Titel eines Texts aus dem Jahr 1936. Darin meinte er, dass die österreichische Bevölkerung auf drei "Rassenkreise" - den eurafrikanischen, den eurasiatischen und den dinotaurischen - verteilt sei und innerhalb dieser Rassenkreise wiederum auf insgesamt 16 "Rassen". Wobei die NS-Kollegen wohl auch erzürnt hat, dass die "Nordischen" in seiner Systematik keinen eigenen "Rassenkreis" bildeten, sondern als eine unter vielen Rassen dem eurafrikanischen Rassenkreis zugeordnet wurden. Auf eine besonders blut-und-bodenhaltige Passage seiner Abhandlung hätte er sich aber wohl auch mit Geyer & Co einigen können: "Nichts ist so sehr geeignet, das Gefühl der engen Verbundenheit mit dem Heimatboden fester im Bewusstsein zu verankern, als die Erkenntnis uralter Bodenständigkeit."

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