Wau-wau, aua oder da-da?

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 3/05 vom 29.06.2005

Waren es Gesten, Schmerz oder Tratsch? Die Frage, wie wir zur Sprache kamen, treibt die Menschen seit der Antike um. Eine überzeugende Antwort steht noch aus. Immerhin hat die Sprachursprungsforschung über die Jahrhunderte zu einigen interessanten Theorien, aber auch zu tragischen Vorkommnissen und seltsamen Verboten geführt.

Im Anfang war das Wort. Während die Bibel genau weiß, woher die Sprache kam, fand Platon die Frage durchaus diskussionswürdig. In seinem Dialog "Kratylos" ließ er die Vertrags- auf die Naturtheorie treffen. Wurde die Bedeutung der Wörter qua Vereinbarung zwischen den Menschen festgelegt, oder gab es vielmehr eine "natürliche" Richtigkeit der Wörter? Die Naturtheorie wurde durch die sogenannte Onomatopoesie gestützt, heute auch Wau-wau- oder Ding-dong-Theorie genannt, wonach die Nachahmung von Naturlauten die verbale Kommunikation hervorgebracht habe.

Ohne Liebe keine Sprache. Der Stauferkaiser Friedrich II. - so behauptet es zumindest der Chronist Salimbene von Parma - isolierte Neugeborene, um herauszufinden, ob die Kinder Hebräisch, Griechisch, Lateinisch, Arabisch oder aber ihre Muttersprache sprechen würden. Die Ammen hatten Redeverbot und durften auch keine Zuneigung zeigen. Das Experiment endete tödlich für die Kleinen, denn, so Salimbene: "Sie vermochten nicht zu leben ohne das Händepatschen und das fröhliche Gesichterschneiden und die Koseworte ihrer Ammen."

Menschenwerk. Einen wichtigen Umbruch markiert das 18. Jahrhundert. Galt Sprache bis dahin meist als gottgegeben, brachten die Aufklärer nun empiristische Theorien vor. Denker wie Étienne de Condillac und Jean-Jacques Rousseau verwiesen auf Gefühlsäußerungen wie die lautstarken Bekundungen von Freude oder Schmerz als Sprachquell, heute Aua- oder Pooh-pooh-Theorie genannt.

Schon damals wurde aber auch die Unschärfe der Fragestellung problematisiert. Was ist mit "Sprache" genau gemeint? Die Fähigkeit zur Artikulation von Lauten, eine "Protosprache" mit Einwortsätzen oder eine voll ausgebildete Sprache mit allem syntaktischen Zubehör? Entstand die Sprache graduell oder eher schlagartig? Und wenn die Sprache Menschenwerk ist: Ist sie dann an einem Ort zu einer bestimmten Zeit entstanden oder gleich mehrmals?

Forschungsverbot. Im 19. Jahrhundert schossen die Spekulationen so sehr ins Kraut, dass sich die Linguistische Gesellschaft von Paris 1866 genötigt sah, ihren Mitgliedern sämtliche Diskussionen über den Ursprung der Sprache zu untersagen. Dies sei bloße Zeitverschwendung.

Im 20. Jahrhundert und bis heute haben sich dann ganz verschiedene Wissenschaften aus ihren je eigenen Blickwinkeln mit der Ursprungsfrage beschäftigt. Die historische Sprachwissenschaft etwa stocherte in den vermeintlich "primitiven" Sprachen nach dem Anfang. Die Kognitionswissenschaft suchte von der Ontogenese auf die Phylogenese, also vom Spracherwerb des Kleinkinds auf jenen des Menschen als Spezies zu schließen. Es sind aber vor allem die Naturwissenschaften wie die Evolutionsbiologie, die Primatologie, die Neurophysiologie und neuerdings auch die Genetik, die völlig neue Erklärungsmodelle erarbeitet haben.

Zeigen und hackeln. Für Paläoanthropologen ist es schwer vorstellbar, wie der Homo erectus, der vor zwei Millionen Jahren aus Afrika auswanderte, die lange Reise, die ihn letztlich bis nach Südostasien führte, ohne eine Form von höher entwickelter Kommunikation hätte bewältigen können. Zur Diskussion stehen hier die Da-da-Theorie, wonach sich die Sprache aus der Gestik entwickelt hat, und die Hau-ruck-Theorie, wonach die Koordination von gemeinsamer Arbeit, etwa der Jagd, entscheidend war.

Die Chit-chat-Theorie. Soziale Interaktion ist auch für den britischen Psychologen Robin Dunbar der Schlüssel. Ab einer bestimmten Größe der Gruppe reicht das Kraulen als Form der Kommunikation und des Bonding nicht mehr aus. Durchs Fell fahren kann man immer nur einem, ratschen aber mit mehreren. Nur dank ausgiebigem Klatsch und Tratsch, sprich: Informationsaustausch, konnte beim Übergang von der kleinen Affenhorde zur menschlichen Urgemeinschaft der soziale Zusammenhalt gewahrt werden, meint Dunbar.

Washoe und Kanzi. Unsere nächsten Verwandten im Tierreich sind eine hilfreiche Vergleichsfolie. Die Versuche, Menschenaffen das Sprechen beizubringen, scheiterten jedoch alle kläglich, nicht zuletzt, weil ihnen mit ihrem tiefliegenden Kehlkopf schlicht die anatomischen Voraussetzungen fehlen. Infrage kamen daher nur nonverbale Formen. So gelang es dem Forscherehepaar Beatrice und Alan Gardner, dem Schimpansen Washoe etwa hundert Symbole der US-amerikanischen Zeichensprache ASL beizubringen. Angeblich soll er gar beim erstmaligen Anblick eines Schwans die Zeichen für "Wasser" und "Vogel" verwendet haben. Zu einiger Berühmtheit brachte es auch der Bonobo Kanzi, der mit seiner Trainerin Sue Savage-Rumbaugh über Symboltasten kommunizierte. Dabei war das passive Verständnis jeweils weitaus höher als das aktive. Kanzi konnte etwa 200 Symbole verwenden, aber an die tausend verstehen. Doch selbst die jahrelang trainierten Menschenaffen konnten keine Sätze mit mehr als zwei oder drei Worten bilden.

Einfach kompliziert. Bei der Suche nach der Quelle der Sprache erweisen sich Defizienz und Störungen als wichtige Schlüssel. Das sogenannte Sprachgen FOXP2 konnte 2001 dank eines erblichen genetischen Defekts der sogenannten KE-Familie identifiziert werden. Auch Affen verfügen über das Gen, aber zwei Aminosäuren scheinen den Unterschied auszumachen.

Ansätzen in der Hirnforschung, das eine "Sprachmodul" zu identifizieren, erteilt der US-amerikanische Kognitionspsychologe Philip Lieberman eine Absage. Bei fast allen komplexen Tätigkeiten seien mehr als nur ein oder zwei Hirnareale beteiligt. Es greife daher zu kurz, allein dem Broca-Areal das Sprechen und dem Wernicke-Areal das Verstehen zuzuordnen, wie das lange Zeit als ausgemacht galt.

Peter F. Weber: Der domestizierte Affe. Die Evolution des menschlichen Gehirns. Düsseldorf, Zürich 2005 (Walter). 248 S., e 20,50

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