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Daniel Kehlmann | aus HEUREKA 3/05 vom 29.06.2005

Das Licht, das die moderne Naturwissenschaft auf den Anfang der Dinge warf, blieb auch in der Literatur nicht ohne Wirkung. Als einer der Ersten reagierte Edgar Allan Poe, der in seinem bis heute kaum verständlichen Essay "Eureka" 1848 über den Ursprung der Welt nachdachte: Ein Gott - einer von vielen - schaffe ein Teilchen aus dem Nichts, von dem dann Materie in alle Richtungen abgestrahlt werde. Das Universum dehne sich aus, wobei allmählich die Schwerkraft die Oberhand gewinne und Sterne und Planeten bilde. So geschehe es immer wieder, mit unzähligen Universen, deren jedes von seinem eigenen Gott überwacht werde. Wer aber nun die vielen Götter selbst geschaffen habe, diese Frage sprenge die Möglichkeiten des Geistes.

Ein Anfang, vor dem anderes schon gewesen sein muss. Diese Idee erreichte ihre stärkste Wirkkraft bei Poes Schüler H.P. Lovecraft, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Horrorgenre revolutionierte, indem er die traditionellen Schlossgespenster verbannte und durch modernen, gewissermaßen wissenschaftlichen Schrecken ersetzte.

Lovecrafts Universum ist unvorstellbar alt; allen Anfängen sind frühere Anfänge vorausgegangen. Wesen, älter, als wir es uns vorstellen können, durchwandern noch seine Räume, aber eine Kontaktaufnahme mit ihnen ist unmöglich. Aus einem Missverständnis heraus halten wir die "Great Old Ones", wenn wir ihre Spuren entdecken, für Götter und Schöpfer. Das Entsetzen entsteht hier aus Kälte und Fremdheit eines uns unbegreiflichen Weltraums, dessen wahre Erstreckungen die vorstellbaren Dimensionen um Unendliches überschreiten. Das ist zwar inzwischen zum Gemeinplatz der Science-Fiction geworden, bei Lovecraft jedoch bleibt es lesenswert und bedrängend.

Nicht zuletzt deshalb, weil dieser Autor daran erinnert, dass jeder Anfang letztlich doch eine beruhigende Vorstellung ist. Ein Kosmos ohne Beginn aber, der einfach da ist und immer da sein wird, und zwar völlig ohne Grund - das ist eine Idee, von der einem schwindlig werden kann.

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