Liebe Leserin, lieber Leser!

aus HEUREKA 4/05 vom 23.11.2005

Wenn religiöse Glaubenssätze durch wissenschaftliche Erkenntnisse widerlegt werden, müsse nicht die Wissenschaft sich anpassen, sondern die Religion. Tenzin Gyatso, besser bekannt als vierzehnter Dalai Lama, hat für diese kürzlich in der "New York Times" veröffentlichte Aussage viel Lob von den Leserbriefschreibern erhalten. "heureka" findet die Aussagen des buddhistischen Religionsführers so bemerkenswert, dass wir seinen Kommentar in deutscher Übersetzung nachdrucken.

Schließlich erschien erst vor einigen Monaten, ebenfalls in der "New York Times", der Kommentar eines anderen Kirchenführers, der praktisch die konträre Position vertrat. Kardinal Christoph Schönborn erklärte, die Evolutionslehre sei nicht Wissenschaft, sondern Ideologie. Ohne einen intelligenten Plan sei die Entstehung des Lebens nicht zu erklären. Damit näherte er sich der Position der Intelligent-Design-Bewegung an.

Obwohl in den USA veröffentlicht, gelang es Schönborn, einen Streit nach Europa zu tragen, der hier längst als überwunden galt. Denn der österreichische Kardinal ignorierte sowohl den wissenschaftlichen Konsens über die Evolution als auch wiederholte Stellungnahmen des Vatikans, dass Darwins Lehre gar nicht im Widerspruch zum katholischen Bekenntnis stehe.

Religion ist wieder ein Thema, auch und gerade für die Wissenschaft. Die Kontroverse um den Kreationismus, oder wie dieser sich nun vornehm nennt: Intelligent Design, ist hier nur der lauteste Beleg. Kosmologen und Theologen diskutieren auf Konferenzen und Podien über Unendlichkeit, in Bioethikkommissionen wird disziplinenübergreifend über die Grundlegung von Werten debattiert. Selbst Jürgen Habermas, der religiöser Anwandlungen bisher unverdächtig war, orientiert sich neu. In seinem neuen Essayband "Zwischen Naturalismus und Religion" fragt der deutsche Philosoph nach der Quelle der Ethik - und entscheidet sich tendenziell für die Religion und weist die Ansprüche der Hirnforschung zurück.

Damit könnte sich wiederum der britische Evolutionstheoretiker Richard Dawkins bestätigt sehen. Für den streitbaren Atheisten funktioniert Religiosität wie ein Computervirus. Der "Unsinn" religiöser Überzeugungen verbreite sich daher erschreckend schnell. In einer Art evolutionärem Prozess haben sich laut Dawkins jene religiösen Viren verbreitet, die am überlebensfähigsten seien. "Survival of the fittest" eben.

Steht die Religion der Wissenschaft im Weg? Die Geschichte liefert ein zwiespältiges Bild. Die katholische Kirche hat Galilei verurteilt. Aber sie ist auch immer wieder als wichtiger Förderer der Wissenschaften aufgetreten, nicht zuletzt in der Astronomie. Der Islam gilt heute vielen als rückständig, im Mittelalter war er dem Christentum in Philosophie und Medizin turmhoch überlegen. Für viele Juden war die Hinwendung zur Wissenschaft eine Möglichkeit, der Diskriminierung zu entkommen, was bis heute dazu beiträgt, dass so viele erfolgreiche Wissenschaftler jüdischer Abstammung sind. Kurzum, das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Religion bleibt ambivalent. Das dürfen Sie uns glauben!

Die Redaktion

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