Unser Glaube an die Wissenschaft

Dalai Lama XIV. | aus HEUREKA 4/05 vom 23.11.2005

Wissenschaft und Religion müssen kein Widerspruch sein. Neurowissenschaftliche Untersuchungen an meditierenden Mönchen beispielsweise haben interessante Erkenntnisse gebracht. Vor allem aber sollte die Wissenschaft ethischen Erwägungen mehr Beachtung schenken.

Faszination des Forschens. Wissenschaft hat mich immer fasziniert. Schon in meiner Kindheit in Tibet wollte ich unbedingt wissen, wie die Dinge funktionieren. Wenn ich ein Spielzeug bekam, spielte ich ein bisschen damit, zerlegte es dann aber, um zu sehen, wie es zusammengesetzt war. Als ich älter wurde, wendete ich die gleiche Methode auf einen Filmprojektor und ein altes Auto an. Besonders angetan war ich von einem alten Teleskop, mit dem ich den Himmel erforschen wollte.

Als ich eines Nachts den Mond betrachtete, fielen mir Schatten auf seiner Oberfläche auf. Ich schnappte mir meine zwei Hauslehrer, um ihnen die Schatten zu zeigen, da sie jener Version der Kosmologie, in der ich unterrichtet worden war, widersprachen. Ihr zufolge war der Mond ein Himmelskörper, der sein eigenes Licht aussandte. Aber durch mein Teleskop betrachtet war der Mond nur ein kahler, mit Kratern übersäter Felsen. Ich bin mir sicher, dass der Autor jener Abhandlung aus dem vierten Jahrhundert, würde er heute leben, das Kapitel über Kosmologie anders geschrieben hätte. Wenn die Wissenschaft zeigt, dass bestimmte Glaubenssätze des Buddhismus falsch sind, dann wird sich der Buddhismus ändern müssen. Meiner Ansicht nach teilen die Wissenschaft und der Buddhismus das Streben nach der Wahrheit und nach dem Verstehen der Wirklichkeit. Ich denke, dass der Buddhismus seine eigene Weltsicht bereichert, wenn er von der Wissenschaft jene Aspekte der Wirklichkeit lernt, wo deren Verständnis weiter reicht. Seit vielen Jahren hatte ich durch eigenen Antrieb und durch das Mind and Life Institute, dem ich bei der Gründung half, Gelegenheit, mich mit Wissenschaftlern zu treffen und ihre Arbeit zu diskutieren. Weltklassewissenschaftler haben mir großzügig Nachhilfe in subatomarer Physik, Kosmologie, Psychologie und Biologie gegeben. Es waren aber vor allem unsere neurowissenschaftlichen Diskussionen, die sich als besonders wichtig erwiesen haben.

Untersuchungen an Mönchen. Aus diesem Gedankenaustausch ist eine Forschungsinitiative entstanden, in der Mönche und Neurowissenschaftler gemeinsam ergründen, wie Meditation die Hirnfunktionen verändert. Das Ziel ist dabei nicht, den Buddhismus zu bestätigen oder zu widerlegen oder gar Menschen zum Buddhismus zu bekehren, sondern es geht darum, diese Methoden aus dem traditionellen Kontext herauszulösen, ihren möglichen Nutzen zu untersuchen und diese Erkenntnisse mit all jenen zu teilen, die sie für hilfreich erachten. Wenn Praktiken aus meiner eigenen Tradition mit wissenschaftlichen Methoden zusammengebracht werden können, wird uns das im Grunde ermöglichen, einen weiteren kleinen Schritt vorwärts zu gehen, um das menschliche Leid zu lindern. Diese Zusammenarbeit hat bereits erste Früchte getragen. Dr. Richard Davidson, ein Neurowissenschaftler der Universität von Wisconsin, hat die Ergebnisse der Auswertung von Hirnaufnahmen tibetischer Mönche beim Meditieren veröffentlicht. Er fand heraus, dass während der Meditation jene Hirnregionen, von denen man annimmt, dass sie mit dem Glücksempfinden verbunden sind, eine stärkere Aktivität aufweisen. Außerdem fand er, dass diese Aktivität bei Personen, die seit längerem meditieren, umso größer ist.

Andere Untersuchungen sind in Arbeit. An der Universität Princeton untersucht Dr. Jonathan Cohen, ebenfalls ein Neurowissenschaftler, die Auswirkungen von Meditation auf die Aufmerksamkeit. An der Medical School der Universität von Kalifornien in San Francisco erforscht Dr. Margaret Kemeny, wie Meditation Lehrern helfen kann, Empathie zu entwickeln.

Wie auch immer die Ergebnisse dieser Arbeiten ausfallen mögen, unterstütze ich es, dass sie stattfinden. Viele Leute meinen ja, dass Wissenschaft und Religion in einem Gegensatz zueinander stünden. Ich stimme zwar zu, dass bestimmte religiöse Vorstellungen wissenschaftlichen Fakten und Prinzipien widersprechen, glaube aber auch, dass Leute aus beiden Welten intelligente Diskussionen miteinander führen können. Und zwar Diskussionen, die uns zu einem tieferen Verständnis jener Herausforderungen befähigen können, denen wir uns in unserer vernetzten Welt gegenübersehen.

Nachhilfe bei Dr. Weizsäcker. Einer meiner ersten wissenschaftlichen Lehrer war der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker, ein Schüler des Quantentheoretikers Werner Heisenberg. Dr. Weizsäcker hatte die Güte, mir systematisch Nachhilfe in wissenschaftlichen Fragen zu geben. (Ich gestehe, dass ich mir, während ich ihm zuhörte, einbildete, die Kompliziertheit der gesamten Beweisführung verstehen zu können. Doch als die Sitzungen zu Ende waren, blieb meist kein allzu großer Teil seiner Erklärungen haften.)

Was mich am meisten beeindruckte, war, wie sich Dr. Weizsäcker sowohl über die philosophischen Implikationen der Quantenphysik wie auch über die ethischen Konsequenzen der Wissenschaft ganz allgemein sorgte. Er meinte, dass die Naturwissenschaften davon profitieren könnten, wenn sie sich Fragen widmeten, die normalerweise den Geisteswissenschaften vorbehalten sind. Ich glaube, wir müssen einen Weg finden, um ethische Erwägungen stärker in den Gang der wissenschaftlichen Entwicklung einfließen zu lassen, vor allem in den Life Sciences. Wenn ich mich auf fundamentale ethische Prinzipien berufe, verfechte ich dabei aber nicht die Ansicht, dass religiöse Ethik und wissenschaftliche Forschung miteinander fusionieren. Vielmehr spreche ich da etwas an, was ich "säkulare Ethik" nenne, also jene Grundprinzipien, die wir als menschliche Wesen teilen: Mitgefühl, Toleranz, Rücksicht auf andere, ein verantwortungsvoller Umgang mit Wissen und Macht. Diese Prinzipien stehen über den Barrieren, die Gläubige und Nichtgläubige voneinander trennen; sie gehören nicht zu einem bestimmten Glauben, sondern zu allen Glaubensrichtungen.

Fragen nach den Folgen. Auf der Ebene der Zellen und der Gene hat das Wissen über das menschliche Gehirn und den menschlichen Körper eine neue Dimension erreicht. Die Fortschritte in der Genmanipulation beispielsweise erlauben es, dass Wissenschaftler neue genetische Einheiten schaffen können - wie hybride Tier- und Pflanzenarten - deren langfristige Folgen unbekannt sind.

Wenn sich Wissenschaftler auf ihre eigenen abgegrenzten Forschungsbereiche konzentrieren, bleibt ihnen durch diese enge Sichtweise verborgen, welche größeren Auswirkungen ihre Arbeit haben kann. In meinen Gesprächen mit Wissenschaftlern versuche ich, sie an das größere Ziel zu erinnern, das hinter ihrer täglichen Arbeit steckt. Das ist wichtiger denn je. Es ist allzu offensichtlich, dass unser moralisches Denken mit der Geschwindigkeit des wissenschaftlichen Fortschritts nicht Schritt zu halten vermag. Aber dieser Fortschritt ist inzwischen so ausdifferenziert, dass es nicht mehr zeitgemäß ist, die Entscheidung über den Gebrauch dieses Wissens in den Händen einiger Individuen zu lassen.

Notwendigkeit des Dialogs. Das Verhältnis der Wissenschaft zur Gesamtheit der Menschen ist nicht mehr nur von akademischem Interesse. Diese Frage muss von all jenen in ihrer Dringlichkeit erkannt werden, die um das Schicksal der menschlichen Existenz besorgt sind. Ein tieferer Dialog zwischen der Neurowissenschaft und der Gesellschaft - ja, zwischen allen Wissenschaftsgebieten und der Gesellschaft - könnte unser Verständnis davon vertiefen, was es heißt, menschlich zu sein und welche Verantwortung wir für unsere natürliche Umwelt tragen, die wir mit anderen empfindungsfähigen Wesen teilen. Genauso wie die Wirtschaft der Ethik wieder mehr Aufmerksamkeit widmet, würde auch die Welt der Wissenschaft einen Vorteil daraus ziehen, wenn sie die Implikationen ihrer eigenen Arbeit stärker bedenken würde. Wissenschaftler sollten mehr als nur die technische Seite ihres Tuns beherrschen; sie sollten achtsam sein gegenüber ihrer eigenen Motivation und dem größeren Ziel dessen, was sie tun: dass es der Menschheit besser geht.

Übersetzung: Klaus Taschwer

© 2005 The NYT Syndicate/News Service

Dalai Lama XIV.: Die Welt in einem einzigen Atom. Meine Reise durch Wissenschaft und Buddhismus. Berlin 2005 (Theseus). 240 S., e 20,50

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