Atome unterm Mikroskop

aus HEUREKA 4/05 vom 23.11.2005

Unerwünscht. "Es ist für Neurowissenschaftler ironisch, einem religiösen Führer, dessen Legitimation auf Reinkarnation beruht, ein Forum und damit implizit Unterstützung zu gewähren", hieß es in der Petition sarkastisch. Und weiter: Die Reinkarnation sei eine "Doktrin, die dem Fundament der Neurowissenschaft entgegensteht". Nach wenigen Tagen war das Onlinedokument von rund tausend Wissenschaftlern digital unterzeichnet worden, um so einen Gastvortrag des Dalai Lama bei der Jahrestagung der US-amerikanischen Gesellschaft für Neurowissenschaften zu verhindern.

Das war Mitte Oktober. Einen Monat später fand der Auftritt des religiösen Führers des tibetischen Buddhismus und Nobelpreisträgers (allerdings "nur" für Frieden 1989) bei der Konferenz in Washington dann trotzdem statt. Um die empörten Wissenschaftler zu besänftigen, veröffentlichte Tenzin Gyatso, besser bekannt als der vierzehnte Dalai Lama, am Tag seines Vortrags in der "New York Times" jenen Kommentar, den Sie hier nachlesen können und der die wesentlichen Punkte seiner Rede enthält: Wissenschaft geht längst nicht mehr allein die Wissenschaftler an, zumal unsere ethischen Vorstellungen mit dem wissenschaftlichen Fortschritt nicht mehr Schritt zu halten vermögen.

Die Bedenken der US-Neurowissenschaftler waren wohl einigermaßen unbegründet. Denn im Vergleich zu Kardinal Schönborn, dessen umstrittener Kommentar wenige Monate zuvor ebenfalls in der "New York Times" erschienen war, zeigt sich seine Heiligkeit gegenüber den modernen Naturwissenschaften sehr viel aufgeschlossener. So tritt er wie selbstverständlich für eine Korrektur buddhistischer Glaubenssätze ein, wenn sich diese als wissenschaftlich falsch erweisen sollten.

Unreifes Karma. Aufgrund dieser Aufgeschlossenheit ist der Dalai Lama bei Wissenschaftlern in der Regel deshalb auch willkommen - einmal ganz abgesehen von den unbezahlbaren PR-Effekten. So lud ihn Anton Zeilinger 1998 ein, sein damaliges Labor in Innsbruck zu besuchen. Der österreichische Quantenphysiker wollte ihm mit Kollegen vorführen, wie ein einzelnes Atom aussieht. Dafür wurden durch Laser angeregte Bariumatome so zum Leuchten gebracht, dass sie unter einem einfachen Mikroskop zu erkennen waren.

Der Besuch blieb seiner Heiligkeit nachhaltig im Gedächtnis. Denn wie er in seinem neuen Buch "Die Welt in einem einzigen Atom" bekennt, habe er das kleine Ding unter dem Mikroskop dann doch nicht wirklich sehen können. Eine mögliche Erklärung dafür fand der Dalai Lama auch bei sich selbst: "Vielleicht war mein Karma noch nicht reif genug, diesem Schauspiel beizuwohnen." Dessen ungeachtet versucht der buddhistische Gelehrte und passionierte Hobbywissenschaftler zu zeigen, dass Quantenphysik und buddhistische Logik überraschend viele Gemeinsamkeiten aufweisen.

Neurowissenschaftliche Meditation. Vor allem aber ist der Dalai Lama an einem Dialog mit den Kognitionswissenschaften interessiert - was im Übrigen auch sein Anliegen beim vieldiskutierten Vortrag kürzlich in Washington war. Das religiöse Oberhaupt der Tibeter referierte nämlich unter dem Titel "Meditationsneurologie" über neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die US-Hirnforscher bei ihren Untersuchungen an meditierenden Mönchen gewonnen haben, die der Dalai Lama zu den Wissenschaftlern ins Labor geschickt hatte.

So fand der auch im "New York Times"-Kommentar zitierte Neurologe Richard Davidson heraus, dass im Gehirn der intensiv Meditierenden die Aktivität von hochfrequenten Wellen von über dreißig Hertz besonders stark, da koordiniert anstieg. Diese sogenannten Gammawellen begleiten, wenn sie so synchron schwingen, anscheinend kognitive Höchstleistungen. Laut dem deutschen Neuropsychologen Ulrich Ott werde so alles eins, und man differenziere nicht mehr zwischen Subjekt und Objekt - was ja auch der Kern der spirituellen Erfahrung sei.

Mag diese Auslöschung des "Ich" in den östlichen Meditationstechniken das oberste Ziel sein, so tritt der Dalai Lama in seinem neuen Buch forschungspolitisch für das genaue Gegenteil ein. Er plädiert nämlich dafür, dass die Wissenschaftler ihre eigene Perspektive sehr viel stärker in die wissenschaftliche Methodik integrieren sollten - und dabei aber auch das Wohl der Menschheit mit im Kopf behalten sollten. K. T.

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