Missionar des Atheismus

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 4/05 vom 23.11.2005

Zu viel Toleranz schadet nur, vor allem gegenüber der Religion. Findet jedenfalls Richard Dawkins, Biologe, Bestsellerautor und radikaler Atheist. Der scharfzüngige Brite zählt zu den einflussreichsten Intellektuellen der Gegenwart.

Alpbach im August. Den Vortrag schrieb Richard Dawkins in der Mittagspause. Eine Stunde genügte ihm, um kurzerhand eine Powerpoint-Präsentation zusammenzustellen, in der er die wissenschaftlichen Ansprüche der Intelligent-Design-Bewegung (ID) filetierte. Man dürfe nicht auf den Trick hereinfallen, so Dawkins, ID als eine Alternative zur Evolutionstheorie zu sehen, wie deren Vertreter dies in den USA mit wachsendem Erfolg suggerierten. Weder würden entsprechende Artikel in Zeitschriften mit anerkanntem Gutachtersystem veröffentlicht noch verfügten die ID-Vertreter über Belege für ihre Annahmen. Intelligent Design, für Dawkins ohnehin dasselbe wie der Kreationismus, habe allenfalls einen Platz in der Mythengeschichte.

Seinen eigentlichen Vortrag bei den Technologiegesprächen in Alpbach hatte Dawkins zuvor zu einem ganz anderen Thema gehalten. In der Diskussion aber kam die Sprache unweigerlich auf Kardinal Schönborns Kommentar in der "New York Times" und seine Behauptung eines höheren Planes in der Schöpfung. Für Dawkins Grund genug, auf das Mittagessen zu verzichten, um seine Widerrede auszuarbeiten.

Nicht dass ihm das besondere Mühe abverlangt hätte. Seine Fehde mit den Schöpfungsgläubigen währt schon Jahrzehnte. Fast schon legendär ist seine Erklärung für die evolutionäre Entstehung des Auges in seinem Buch "The Blind Watchmaker". Damit zielt er auf ein zentrales Argument der Kreationisten, wonach etwas derart Komplexes wie das Auge nicht durch eine allmähliche Entwicklung habe entstehen können. Dass das Auge einem Schöpfungsakt entsprang, ist übrigens nicht so leicht zu widerlegen, selbst der begnadete Darwinvermittler Dawkins hat 58 Seiten dafür gebraucht.

Out of Africa. Richard Dawkins wurde 1941 in Nairobi geboren, seine Familie kehrte 1949 nach England zurück. Er studierte Zoologie in Oxford, wo er seit 1970 lehrt. 1976 erschien sein Best- und Longseller "The Selfish Gene", ein Buch, das ihn schlagartig berühmt machte. Weltweit sind etwa eine Million Exemplare verkauft, und es wird auch nach fast dreißig Jahren weiterhin neu aufgelegt. In "The Selfish Gene" schlug Dawkins die Brücke zwischen Molekularbiologie und Zoologie, wurde quasi zum Verhaltensforscher der Gene. Die eigentliche darwinistische Auslese finde nicht auf der Ebene der Organismen, sondern auf jener der Gene statt. Den Vorwurf, dass er den Mensch auf eine von Genen gesteuerte Maschine reduziere, hat er stets zurückgewiesen.

Seit 1995 hat Dawkins den eigens für ihn eingerichteten Lehrstuhl für Public Understanding of Science inne. Dieser ist benannt nach Charles Simonyi, der bei Microsoft Programme wie Word und Excel mitentwickelte und 1,5 Millionen britische Pfund stiftete. Seitdem ist Dawkins von den Lehrpflichten als Biologieprofessor befreit und kann sich ganz seiner Mission widmen: eine radikaldarwinistische Version der Evolutionstheorie zu predigen.

Seine mediale Präsenz, sein Kommunikationstalent und auch seine Streitlust haben Richard Dawkins zu einem der führenden öffentlichen Intellektuellen weltweit gemacht. Nach einer kürzlich veröffentlichten Umfrage reiht ihn das britische Magazin "Prospect" im weltweiten Ranking der Köpfe an dritter Stelle - nach Noam Chomsky und Umberto Eco und deutlich vor Benedikt XVI., der auf Platz 17 rangiert.

Heiliger Zorn. Seine mitunter scharfen Worte haben ihm nicht nur den Spitznamen "Darwins Rottweiler" eingetragen, sondern ihn auch zum weltweit bekanntesten Gottesleugner gemacht. Die International Atheist Alliance hat ihren jährlich vergebenen Preis nach ihm benannt. Mit der BBC plant Dawkins einen Dokumentarfilm über die destruktive Rolle der Religion in der Moderne, Arbeitstitel: "The Root of All Evil". Sein nächstes Buch soll "The God Delusion" heißen.

Die Popularisierung der Evolutionstheorie ist in der Hintergrund getreten, dient im Kampf gegen religiöse Fundamentalisten mitunter nur mehr als Mittel zum Zweck. Als im Grunde scheuen Menschen sieht ihn der britische Wissenschaftsautor Jon Turney. Doch seine starken wissenschaftlichen und auch politischen Überzeugungen ließen Dawkins immer wieder zu einem Lautsprecher, manchmal sogar zu einem Eiferer werden.

Einem Vertreter der Christian Coalition verweigerte er unlängst bei einer TV-Diskussion in Großbritannien den Handschlag mit den Worten "Sie sind ein irrationaler Frömmler". In seinem Bemühen, gehört zu werden, schreckte er auch nicht vor Analogien zurück, die man durchaus für fragwürdig halten kann. Die Leugnung der Evolution steht für Dawkins auf derselben Stufe wie die Leugnung des Holocausts. Studierende, die für Intelligent Design argumentierten, würde er aus dem Hörsaal werfen.

Wir seien gegenüber der Religion zu tolerant, wetterte Dawkins in Alpbach und zeigte in seinem Vortrag ein Bild mit drei vierjährigen Kindern, bei dem es ihm vor allem um die Bildunterschrift ging: Diese nannte neben den Namen der Kinder die Konfession - Muslim, Sikh, Christ. Dies sei genauso absurd, wie die Kinder als Keynesianer, Monetarist und Marxist zu bezeichnen. Nach dem Vortrag, in dem er Religionserziehung als Kindesmissbrauch bezeichnete, sprach Richard Dawkins mit "heureka".

Mitarbeit: Lukas Wieselberg

"Tiefe Verehrung"

heureka: Sie haben in Ihrem Vortrag von mentalen Viren gesprochen, denen Kinder ausgesetzt sind. Was meinen Sie damit?

Richard Dawkins: Ein Kind kommt hilflos auf die Welt und muss seinen Eltern gehorchen. Das Gehirn eines Kindes kann aber nicht zwischen sinnvollen Befehlen wie "Spring nicht in den Fluss, weil es dort Krokodile geben könnte" und einem parasitären Code wie "Du musst fünfmal täglich niederknien" oder "Du musst tanzen, um den Regengott zu besänftigen" unterscheiden. Wenn sich einmal ein Stück Unsinn dieser Art im Gehirn festsetzt, wird das Kind dies der nächsten Generation weitergeben und so weiter.

Und worin besteht nun die Analogie zu einem Computervirus?

Der mentale Virus verbreitet sich von Gehirn zu Gehirn, wie sich ein Computervirus verbreitet. Ein Computer ist eine Maschine, die dazu gebaut ist, Anweisungen zu folgen. Das heißt aber auch, dass man ihn nicht stoppen kann, wenn er schlechte Anweisungen erhält, etwa von Computerviren, die dem Computer befehlen, Kopien von sich herzustellen und diese weiterzuverbreiten.

Wieso haben sich dann bestimmte Religionen durchgesetzt?

Es beginnt zufällig und verändert sich im Laufe der Zeit in einer Art evolutionärem Prozess, in dem sich genau jene Viren durchgesetzt haben, die im Sichverbreiten besonders gut waren. Ein Abschnitt des Virus überzeugt die Menschen zum Beispiel, etwas Tröstliches zu glauben: Du kommst in den Himmel, wenn du stirbst. Es ist wahrscheinlicher, dass sich das verbreitet, als etwas Neutrales. Man muss sich anschauen, was Religionen gemeinsam haben. Eine Gemeinsamkeit ist jene, Menschen, die die Religion aufgeben wollen, zu vertreiben oder gar umzubringen, wie das etwa im Islam der Fall ist. Ein solcher Virus ist ein starker Anreiz, die Religion nicht aufzugeben.

Der Mensch ist also enorm anfällig für solche - wie Sie es nennen - Viren?

Das Gehirn ist äußerst leichtgläubig. Menschen scheinen über sehr wenig angeborene Skepsis zu verfügen und fragen nicht nach Belegen. Insbesondere Gerüchte, die Menschen glauben wollen, verbreiten sich ohne kritisches Nachfragen. Wir haben alle diese Schwäche. Ein Gerücht, das George Bush schlecht dastehen lässt, werde ich wahrscheinlich weitererzählen, weil ich ihn hasse. Geschichten werden mit dem Weitererzählen in der Regel lustiger. Nur im Falle der Religion nicht, die spielt mit den Ängsten und Hoffnungen der Menschen.

Aber gibt es nicht ein grundlegendes menschliches Bedürfnis nach Spiritualität?

Wenn es das gibt, dann ist es wahrscheinlich, dass sich ein Virus, der dieses Bedürfnis erfüllt, verbreitet. Auf der höchsten Ebene hat dieses Bedürfnis nach Spiritualität keinerlei Verbindung mit der Frage nach einem übernatürlichen Schöpfer. Es ist jene tiefe Verehrung, die Einstein für die Natur und das Universum verspürte. In seiner bildhaften Ausdrucksweise hat er, als er sagte, Gott würfle nicht, unglücklicherweise das Wort Gott dafür verwendet, an den er sicherlich nicht geglaubt hat. Es gibt viele Wissenschaftler, die nicht an einen übernatürlichen Gott glauben, die aber Einsteins Gefühl der Spiritualität für das Universum teilen. Ich zum Beispiel auch.

Interview: Birgit Dalheimer

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