Und sie forschte doch

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 4/05 vom 23.11.2005

Die katholische Kirche war über Jahrhunderte der größte Förderer der Naturwissenschaften. Okay, das ist jetzt übertrieben. Aber das Gegenteil ist genauso wenig richtig. Eine Revision in sechs Akten.

1. Die Mär vom Märtyrer. "Und sie bewegt sich doch!", soll Galileo Galilei 1633 beim Verlassen des Gerichtssaals der römischen Inquisition gezischt haben, nachdem er der kopernikanischen Lehre hatte abschwören müssen. Das ist ziemlich sicher erfunden, aber es bringt das Galilei-Bild des 19. Jahrhunderts auf den Punkt: Der geniale Naturwissenschaftler widersteht zumindest innerlich dem Diktat einer tyrannischen Macht, die zur Durchsetzung ihrer Dogmen auch vor brutalem Zwang nicht zurückschreckt und den fast Siebzigjährigen beinahe noch auf die Folter spannt. Im Kulturkampf gegen die katholische Kirche suchten damals liberale und antiklerikale Strömungen nach historischen Vorläufern und wurden in Galilei fündig.

Bert Brecht strickte mit seinem "Leben des Galilei" munter an der Legende weiter, wonach die Kirchenmänner sich schlicht weigerten, durchs Fernrohr zu schauen und so die "Wahrheit" zu erblicken. Dabei war es seinerzeit noch heftig umstritten, inwiefern man einem Instrument trauen konnte, die Wirklichkeit angemessen abzubilden. Und ohne entsprechendes Training konnte man durchs Teleskop ohnehin kaum etwas erkennen.

Man mag für die Inquisition wenig Sympathie aufbringen, aber an seiner Verurteilung war Galilei alles andere als unschuldig. Schon 1616 hatte man ihn gewarnt, das heliozentrische Weltbild allenfalls als Hypothese zu vertreten. 1632 beging er die Dummheit, seinen eigenen Patron, keinen Geringeren als Papst Urban VIII., in seinem "Dialogo" als Einfaltspinsel lächerlich zu machen. Den Imageschaden hatte am Ende freilich die Kirche alleine.

2. Forschungsorden. Den schlechtesten Ruf hatten die Jesuiten. Sie galten ihren Gegnern als finstere Knechte, eingeschworen auf unbedingten Gehorsam. Die Societas Jesu war die Speerspitze der Gegenreformation und übernahm in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts fast das gesamte Bildungswesen in den katholischen Gebieten. In ihrem Triennium, einem dreijährigen Vorbereitungskurs für die Universität, lehrten die Jesuiten Logik, Physik und Metaphysik.

Ihre Naturlehre fußte noch auf den antiken Schriften Aristoteles' und geriet gegenüber der neuen Physik Newtons zusehends ins Hintertreffen. Aber Disputierkunst und pädagogisches Geschick kann man den Ordensleuten sicherlich nicht absprechen. Und mit dem Astronomen Christoph Scheiner, der 1611 die Sonnenflecken entdeckte, dem Universalgelehrten Athanasius Kircher und Francesco Maria Grimaldi, der den Begriff der Beugung in die Optik einführte, haben sich die Jesuiten zumindest im 17. Jahrhundert ins Who's who der Wissenschaftsgeschichte eingetragen.

3. Mit Kutte und Pendel. Aber auch Geistliche, die nicht wie die Jesuiten hinaus in die Welt gingen, sondern hinter hohen Klostermauern ihren Gottesdienst verrichteten, haben in den Naturwissenschaften geglänzt - Gregor Mendel und Gabriel Strobl sind nur zwei Beispiele (s. die Porträts auf S. 12). Dies lag nicht zuletzt an den guten Forschungsbedingungen: Zeit und finanzielle Mittel waren vorhanden, und neben Kreuzgang und Kirche fanden sich Sternwarten, Laboratorien und Instrumentensammlungen, Kräutergärten und Bibliotheken. Im sogenannten astronomischen Schacht im Stift Kremsmünster zeigt ein Foucault'sches Pendel, 53 Meter lang und 25 Kilo schwer, seit 1851 die Bewegung der Erde.

4. Von Julius zu Gregor. Der 29. Februar 2000 war kein gewöhnlicher Schalttag, denn der nächste dieser Art kommt erst wieder in 395 Jahren. "Normale" Hunderterjahre, also 2100, 2200 und 2300, sind nämlich keine Schaltjahre. Diese Regelung verdanken wir Papst Gregor XIII., der um 1580 eine Heerschar von Astronomen mit der Beobachtung der Gestirne und einer Reform des Kalenders beauftragte.

Freilich ging es der Kirche dabei weniger um eine selbstlose Förderung der Wissenschaft, als vielmehr um die exakte Bestimmung des Ostertermins. Dafür entscheidend war die Tages- und Nachtgleiche im Frühjahr, die bekanntlich auf die Zeit um den 21. März fällt. Oder besser: fallen sollte. Denn mit Schrecken hatte man bereits im späten Mittelalter bemerkt, dass das Äquinoktium immer früher eintrat. Schuld war eine Ungenauigkeit des unter Julius Cäsar eingeführten Kalenders, dessen Jahr durchschnittlich 365,25 Tage hatte.

Das Sonnenjahr dauert aber exakt 365,2422 Tage, was eine jährliche Differenz von 11 Minuten und 14 Sekunden ergab. Alle 128 Jahre summierte sich die Abweichung auf einen ganzen Tag. Wollte man Ostern nicht eines Tages zu Weihnachten feiern, musste eine Kalenderreform her. Fortan fielen alle 400 Jahre drei Schalttage aus, die Tage zwischen dem 4. und dem 15. Oktober 1582 wurden gestrichen. Damit waren die Katholiken den Protestanten um zwölf Tage voraus, die diesen "päpstlichen Unsinn" erst über hundert Jahre später mitmachten. In Russland ließ man sich noch länger Zeit damit, weshalb die Oktoberrevolution eigentlich im November stattfand.

5. Die Kathedrale als Instrument. Mit der Kalenderreform war das Problem der Zeitverschiebung zwar grundsätzlich gelöst, nicht aber die konkrete Frage, wie das Osterdatum jedes Jahr zu berechnen war, noch dazu rechtzeitig vor den Feierlichkeiten. Um die Tages- und Nachtgleiche exakt zu bestimmen, benötigte man große dunkle Gebäude mit einem Loch, das jeweils genau zu Mittag einen Sonnenstrahl einließ. Kein Gebäude war dafür besser geeignet als die Kathedralen, die im 17. und 18. Jahrhundert zum Ort der Beobachtung und der Datensammlung wurden.

Besucher des Doms in Florenz oder von Saint Sulpice in Paris staunen noch heute über die kunstvoll im Boden eingelassenen, von Süden nach Norden laufenden Metallleisten, auf denen geheimnisvoll ein punktförmiger Sonnenstrahl erscheint. In San Petronio in Bologna misst diese sogenannte Meridianlinie 67 Meter, Gian Domenico Cassini verfolgte hier jahrzehntelang die Sonnenstrahlen am Kirchenboden. Die Kirche stand nach der Verurteilung Galileis also keineswegs auf Kriegsfuß mit der Astronomie: Bologna war damals Teil des Kirchenstaates. Cassinis Forschung war damals "cutting edge science" und lieferte wichtige Belege dafür, dass die Planetenbahnen elliptisch und nicht kreisförmig verliefen. Heute trägt ein Mond des Saturns seinen Namen.

6. Gott aus der Natur beweisen. Bienen und Berge, Fliegen und Firmament - die Physikotheologie war vom Kleinen wie vom Großen gleichermaßen fasziniert. Dieser Begriff steht für den Wunsch, Gottes Wirken, seine Weisheit und Schaffenskraft in der Natur nachweisen zu können. Es war ein religiöser Impuls, der viele Naturforscher dazu angetrieben hat, Flöhe unterm Mikroskop zu bestaunen, Käfer zu sammeln und nach einer Ordnung der Gestirne zu suchen.

Physikotheologische Werke waren vor allem im 18. Jahrhundert en vogue und in erster Linie ein protestantisches Phänomen. Neben gelehrten Werken sind dabei auch unzählige Gedichte entstanden. Auf neun Bände und 5675 Seiten brachte es der Hamburger Naturlyriker Barthold Hinrich Brockes, Sammeltitel: "Irdisches Vergnügen in Gott". Paradoxerweise hat die Naturerkenntnis von der Physikotheologie letztlich deutlich mehr profitiert als die Religion. Die Klammer zwischen Glaube und Wissen ist im Laufe der Zeit immer schwächer geworden; die Faszination angesichts des Erfindungsreichtums der Natur ist hingegen geblieben.

Postscriptum: Zugegeben, das war jetzt eine ziemlich voreingenommene Revision. Die Liste der Hindernisse und Denkverbote, die gerade die katholische Kirche aufgestellt hat, füllt Bände, man denke nur an den Index verbotener Bücher. Aber mit dem Bild einer wissenschaftsfeindlichen Kirche wird man der historischen Wirklichkeit auch nicht gerecht: So sind die mittelalterlichen Universitäten meist aus Dom- oder Kirchenschulen hervorgegangen.Und auch der Forschergeist einzelner Geistlicher hat der Wissenschaft wichtige Impulse gegeben - ganz gleich, welche Absicht eigentlich dahinter stand.

Vielleicht wollte sich ja auch Josef Ratzinger mit seiner Namenswahl nicht nur auf den "Friedenspapst" Benedikt XV., sondern auch auf den "Wissenschaftspapst" Benedikt XIV. beziehen, der im 18. Jahrhundert die Naturkunde förderte und gar den Bann gegen Kopernikus aufhob. Wobei es Benedikt XIV. vor allem um Imagepflege nach außen, gegenüber der aufgeklärten Öffentlichkeit, ging.

Innerkirchlich war der vermeintlich liberale Papst genauso dogmatisch wie seine Vorgänger.

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