Bete und forsche!

Ingrid Ladner | aus HEUREKA 4/05 vom 23.11.2005

Die moderne Vererbungslehre verdanken wir einem Augustiner, die Urknalltheorie einem Priester, eine der größten Insektensammlungen einem Benediktiner. Wie drei Geistliche wissenschaftliche Höchstleistungen erbrachten.

Der Erbsenzähler

Als Gregor Mendel (1822-1884) im Februar und März 1865 dem Naturforschenden Verein von Brünn von seinen Hybridisierungsversuchen mit grünen und gelben Erbsen berichtet, von dominanten und rezessiven Merkmalen spricht, nimmt die Fachwelt zunächst kaum Notiz davon. Dass Mendel die Genetik in einem Kloster begründet, ist indes kein reiner Zufall. Um ärmlichen Verhältnissen zu entfliehen, tritt der Sohn eines mährischen Bauern 1843 in das Augustinerkloster St. Thomas in Brünn ein. Hier ist man offen für naturwissenschaftliche Fragen. Mendel steht alles zur Verfügung, was er zu seinen Studien braucht. Über Jahrzehnte führt der Augustinermönch meteorologische Beobachtungen durch, später stellt er mit Bienen Kreuzungsversuche an. Die Klostermauern sind durchlässig: Anfang der 1850er-Jahre schickt ihn die Abtei an die Universität Wien, um Physik, Chemie, Zoologie und Naturkunde zu studieren. Später wird Mendel aktives Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Gesellschaften. Er ist reger Teilnehmer an klösterlichen Kegelpartien, Abonnent der in München erscheinenden satirischen Zeitschrift "Fliegende Blätter" und couragierter Sexualaufklärer. Erst um 1900, Jahre nach dem Tod Mendels, entdecken die Botaniker Carl Erich Correns, Erich Tschermak Edler von Seysenegg und Hugo de Vries unabhängig voneinander die in Vergessenheit geratenen Vererbungsgesetze Mendels neu.

Der Fliegenfänger

Manchmal hat ein Feuer auch sein Gutes. 1865 kommt es im steirischen Benediktinerstift Admont zu einem verheerenden Brand, bei dem das "Naturalien-Cabinet" völlig vernichtet wird. Der junge Pater Gabriel Strobl (1846-1925) erhält den Auftrag, das zerstörte Museum wieder aufzubauen - und findet damit seine Lebensaufgabe. 44 Jahre lang und quasi im Alleingang trägt er die neue Sammlung zusammen. Strobl erwandert zunächst als Botaniker die Landschaft der Weststeiermark und besucht zahlreiche Herbarien. Seine autodidaktisch erworbenen Kenntnisse ergänzt er ab 1872 durch das Studium der Naturgeschichte mit Physik und Mathematik in den Nebenfächern an der Universität Innsbruck. Zahlreiche Forschungsreisen führen den Pater quer durch Europa und bis nach Afrika. Ab 1880 widmet sich Strobl ausschließlich der Insektenkunde. Er ist inzwischen ein anerkannter Forscher, der ein internationales Netzwerk aufgebaut hat und zahlreiche Publikationen vorweisen kann. Die von ihm in Admont zusammengetragene wissenschaftliche Kollektion birgt insgesamt etwa 252.000 Insektenexemplare und ist vor allem durch ihre Fliegensammlung berühmt, die mit rund 80.000 Präparaten zu den wichtigsten in Europa zählt. In der Sammlung hängt auch ein Porträt von Charles Darwin, der Stich stammt aus der Zeit Strobls. Ob es der forschende Benediktiner selbst dort aufgehängt hat oder erst ein späterer Mitarbeiter der Klostersammlung, ist nicht belegt.

Der Knalltheoretiker

1927 ist das Jahr des Georges LemaÆ1tre (1894-1966): Promotion am MIT in den USA, Berufung zum Professor für Astrophysik an seiner Heimatuniversität Leuven in Belgien und die Publikation einer bahnbrechenden Theorie: Das Weltall dehnt sich aus. Lemaitre ist kein gewöhnlicher Physiker, neben Einsteins Feldgleichungen studiert er auch Theologie und wird 1923 zum Priester geweiht. Dabei ist er stets um eine strikte Trennung von Wissenschaft und Religion bemüht.

1931 ergänzt LemaÆ1tre seine Theorie der Ausdehnung des Universums durch den Schluss, dass es folglich auch einen Anfang haben muss. Der Physikerpriester spricht von der Explosion eines "Superatoms" oder eines "kosmischen Eis". Diese neue Hypothese stößt zunächst überwiegend auf Ablehnung. Als "Big Bang", Urknall, verhöhnt sie 1949 der Kosmologe Fred Hoyle, ohne zu ahnen, dass sich dieser abwertend gemeinte Begriff später durchsetzen wird. Einer der prominentesten Gegner von LemaÆ1tre ist Albert Einstein, der von der Unwandelbarkeit des Universums überzeugt ist.

LemaÆ1tre lässt sich aber nicht von seiner Theorie abbringen. Er hält wenig Kontakt zu seinen Kollegen im Ausland und konzentriert sich stattdessen auf seine Schüler. 1960 wird er Präsident der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Ein Jahr vor seinem Tod, 1965, erfährt er noch vom ersten Nachweis der kosmischen Hintergrundstrahlung - der "Nachhall" des Urknalls.

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