Vernünftiges Vertrauen

Ingrid Ladner | aus HEUREKA 4/05 vom 23.11.2005

Sind Naturwissenschaft und Religion inkompatibel? Über das schwierige Verhältnis von Glaube und Rationalität, das beständige Lavieren der katholischen Kirche und einen unbeantworteten Brief an Kardinal Schönborn.

Kardinalfehler. "Christoph Schönborn schadet der Religion immens, wenn er wieder den Eindruck erweckt, die Kirche sei im Grunde doch gegen die Evolutionstheorie", bedauert der Tübinger Theologe Hans Küng im Interview mit "heureka". Kardinal Christoph Schönborn hatte sich im Juli in einem Kommentar in der "New York Times" gegen das neodarwinistische Weltbild ausgesprochen, welches die Evidenz für einen Plan in der Biologie wegzuerklären versuche. Ein solches Denksystem sei Ideologie, nicht Wissenschaft, erklärte der Kardinal kurzerhand und näherte sich damit der Haltung der Vertreter der Intelligent-Design-Bewegung in den USA an.

Im Streit um die Vereinbarkeit von Darwinismus und christlichem Schöpferglauben hat der US-amerikanische Jesuit George Coyne wiederholt gegen den Wiener Kardinal Position bezogen. Coyne, Leiter des päpstlichen Observatoriums, wirft ihm im "heureka"-Interview vor, mit seinem Kommentar das Gesprächsklima zwischen Kirche und Wissenschaft zu belasten. "Intelligent Design ist üppig finanziert und politisch vernetzt." Der Kardinal habe sich unwissentlich vor den Karren dieser Leute spannen lassen, weil er die Situation in den USA nicht kenne.

"Schönborn ist ein Schüler von Kardinal Ratzinger. Er hat sich bei seinem Vorstoß vom Papst ermutigt gefühlt, aber das ist ein Irrtum." Er sehe jedenfalls keine Anzeichen dafür, dass der Heilige Vater Intelligent Design unterstützt, so Coyne.

"Ich habe Schönborn geschrieben, dass er Nicola Cabibbo, den Vorsitzenden der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, oder mich hätte konsultieren sollen, bevor er sich öffentlich äußert. Wir sind die offiziellen Wissenschaftler des Vatikans und haben eine Verantwortung." Der Kardinal habe aber nicht geantwortet, bedauert der Chefastronom des Vatikans. Er habe auch dem Papst in dieser Sache geschrieben, von dem er freilich keine Antwort erwarte. "Es wäre falsch für den Papst, jetzt Stellung zu nehmen. Er sollte die Debatte reifen und vom Rest von uns ausfechten lassen."

Enzyklika und Evolution. Vonseiten der Kirche hat es in den vergangenen Jahrzehnten mehrere Stellungnahmen zum Verhältnis von Glaube und Naturwissenschaft gegeben.

In seiner Enzyklika "Humani generis" von 1950 erklärte Papst Pius XII. eine Koexistenz von Glauben und Evolutionstheorie für möglich. Das lief auf eine Art Nichtangriffspakt hinaus: Die Kirche trifft keine Aussage über den wissenschaftlichen Wert der Theorie. Umgekehrt darf die Wissenschaft aus katholischer Sicht die Möglichkeit einer "Causa causae", einer letztendlichen Ursache aller Ursachen, nicht explizit leugnen.

Noch weiter ging Papst Johannes Paul II. 1996 in einem Brief an die Mitglieder der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, wonach die Evolutionstheorie "mehr als nur eine Hypothese" sei. Im vorigen Jahr schließlich hatte Joseph Ratzinger als Vorsitzender einer internationalen Theologenkommission diese Einstellung bekräftigt.

Scheinbar im Widerspruch dazu stehen aber die jüngsten Aussagen Benedikts XVI. von Mitte November. Von der Nachrichtenagentur kathpress wird der Papst mit den Worten zitiert, dass Menschen, die den Atheismus in sich trügen, "meinen und versuchen zu beweisen, dass es wissenschaftlich sei zu denken, alles sei ohne Ziel und Ordnung, wie dem Zufall ausgeliefert". Am Anfang sei das schöpferische Wort, das "diesen intelligenten Plan geschaffen" habe. Die Wortwahl lässt sich unschwer als Rückenstärkung für Schönborns Position lesen.

"Die Evolutionstheorie begründet keinen Atheismus", gibt sich hingegen George Coyne überzeugt. Das Wissen über die Evolution könne das Gottesbild bereichern, Glaube und Wissenschaft könnten somit konfliktfrei nebeneinander bestehen. Eine Meinung, die auch Hans Küng teilt: "Naturwissenschaft und Religion haben beide ihre Berechtigung, Eigenständigkeit und Eigengesetzlichkeit. Die moderne Wissenschaft muss sogar, wenn sie methodisch einwandfrei vorgehen will, Gott, der ja nicht wie andere Objekte empirisch konstatiert und analysiert werden kann, notwendigerweise unberücksichtigt lassen." Daher sollten die von der Naturwissenschaft erfassbaren Phänomene von der Wirklichkeit als ganzer unterschieden werden.

Kritischer Theologe. Der Theologe und Initiator der Stiftung Weltethos war vielen Lehrmeinungen der katholischen Kirche stets kritisch gegenüber eingestellt. Hans Küng studierte an der Gregoriana, der größten der päpstlichen Universitäten in Rom, Philosophie und Theologie und kam später als Professor für Katholische Theologie an die Universität Tübingen. Auf Betreiben Küngs erhielt sein damaliger Freund Ratzinger dort den Lehrstuhl für Katholische Dogmatik. Zwischen den beiden kam es jedoch zum Bruch, als Ratzinger sich in der Auseinandersetzung mit der Achtundsechziger-Bewegung konservativen Positionen zuwandte. Küng hingegen blieb rebellisch. Als er in seinem Werk "Unfehlbar?" von 1970 das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit infrage stellte, wurde er weit über Fachkreise hinaus bekannt. Ende 1979 entzog ihm das römische Lehramt unter Johannes Paul II. die "Missio Canonica", die kirchliche Lehrbefugnis. Bis zu seiner Emeritierung 1996 blieb er jedoch als Professor für Ökumenische Theologie an der Tübinger Universität.

Unlängst erschien sein Buch "Der Anfang aller Dinge. Naturwissenschaft und Religion", das auch eine wichtige Rolle spielte bei dem Wiedersehen von Küng und Benedikt XVI. diesen Sommer. Es sei ein ermunterndes und sehr konstruktives Gespräch gewesen, so Küng. Der neue Papst würdigt das Bemühen des Theologen um den vernünftigen Dialog von Naturwissenschaft und Kirche. "Gerade in der Frage christlicher Glaube - Naturwissenschaft' hat der Papst eine relativ offene Haltung. Er sieht, dass man da nach vorne blicken muss."

Offene Fragen. Die Auseinandersetzung gerade um die Evolution hat freilich in den USA im Gegensatz zu Europa einen viel stärkeren Einfluss auf Politik und öffentliche Meinung. Dass die Debatte einen Rückschritt im Verhältnis von Rationalität und Glauben bedeutet, gar einen politisierenden Katholizismus wiedererstehen lassen könnte, glaubt die Wiener Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny daher nicht: "Das Rad der Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen, wenn es auch unangenehme Parallelen geben mag." Die Diskussion könne sogar ihr Gutes haben, da sie zu einer Positionierung zwinge, die die Stellung von Religion und Wissenschaft im Leben der Menschen direkt betrifft, so Nowotny.

Auch Küng will die wieder lauter werdende Debatte über die Beziehung von Naturwissenschaft und Theologie positiv deuten und hofft auf eine Trendwende zu einem neuen Humanismus. Tatsache sei, dass die Naturwissenschaft bis heute nicht alle Fragen zu beantworten vermag. Warum ist überhaupt etwas und nicht nichts? Was war vor dem Beginn der Zeit? Da könne die Religion tatsächlich eine Antwort geben, meint Küng. Aber das sei dann eine Sache des vernünftigen Vertrauens und nicht des rationalen Beweises.

Die Rückkehr der Religion. Dass Gott und Moral bei den Naturwissenschaftlern in den vergangenen Jahren auch jenseits der Evolutionsdebatte wieder ein Thema geworden sind, belegen die zahlreichen Publikationen und Vorträge, in denen sich Physiker, Biologen, Philosophen und Theologen mit der Sinnfrage, Wertekonflikten und den Grenzen der eigenen Disziplinen auseinander setzen. Gerade Fragen der Reproduktionsmedizin oder auch jene nach der Freiheit des menschlichen Willens werden zum interdisziplinären Stelldichein, sei es im Rahmen von Bioethikkommissionen oder in öffentlichen Debatten in den Feuilletons und Meinungsseiten der Zeitungen.

Eine Bewegung, die im Bemühen um einen Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie heraussticht, ist die John Templeton Foundation, die 1987 von dem US-amerikanischen Aktienmakler und Philanthropen John Templeton ins Leben gerufen wurde. Mit der doch recht erklecklichen Summe von vierzig Millionen Dollar pro Jahr finanziert die Stiftung Forschungsprojekte, Konferenzen und Begegnungen, die dem Ziel dienen, Wissenschaft und Religion miteinander zu versöhnen. Der "Templeton-Preis für den Fortschritt in der Religion" ist mit 1,3 Millionen Dollar höher dotiert als der Nobelpreis. Gefördert werden allerdings hauptsächlich Projekte, die einen positiven Nutzen religiöser Lebensführung nachzuweisen versuchen. Anträge von Forschern, die auch die Schattenseiten der Gläubigkeit miteinbeziehen, sind weniger willkommen. Auf diese Weise versucht die Stiftung, in den USA die öffentliche Ansicht über Religionsfragen zu steuern. Zunehmend werden aber auch in Europa Gelder von der Templeton-Stiftung eingeworben, unter anderem von der Universität Frankfurt.

Gegensätze überwinden. Hans Küng ist davon überzeugt, dass Naturwissenschaft und Religion in Zukunft nur gemeinsam Antwort geben können auf die Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Für ihn ist es nach all den unheilvollen Konfrontationen, einseitigen Verurteilungen und lang anhaltendem Desinteresse auf beiden Seiten nunmehr an der Zeit, die Gegensätze aufzuheben und eine neue Form des Dialogs zu wagen, bei dem die unterschiedlichen Perspektiven Bestand haben können.

Küng plädiert für ein "Komplementaritätsmodell kritisch-konstruktiver Interaktion". In Bezug auf die Frage nach der Entstehung der Welt und des Menschen heißt das für Küng: "Religion kann so dem Ganzen der Evolution einen Sinn zuschreiben, den die Naturwissenschaft von der Evolution nicht ablesen, bestenfalls vermuten kann."

Hans Küng: Der Anfang aller Dinge. Naturwissenschaft und Religion. München 2005 (Piper). 246 S., E 19,50

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