Missiologie und Networking

Stefan Löffler | aus HEUREKA 4/05 vom 23.11.2005

An den päpstlichen Universitäten in Rom führt kein Weg vorbei, wenn man in der katholischen Kirche etwas werden will. Die vatikanischen Eliteschmieden sind stolz auf ihre Internationalität. Die Einsicht, dass es ohne Naturwissenschaften nicht mehr geht, muss indes noch reifen.

Strebern im Palazzo. Zwei Päpste in Öl überblicken den gut zwanzig Meter hohen Lichthof. Alles in der Gregoriana, der berühmtesten der päpstlichen Universitäten, wirkt großzügig und sauber. 424 Jahre ist der Palazzo alt, und die letzte Renovierung kann nicht lange her sein. Es gibt keine überquellenden Papierkörbe. Das schwarze Brett ist nicht kreuz und quer mit Aushängen zugekleistert - diese sind übersichtlich aufgereiht und weisen auf Messen speziell für ausländische Studenten, eine Studentenpilgerfahrt nach Assisi und den Vortrag eines US-amerikanischen Kirchenhistorikers hin. An die Tristesse der Massenuniversität erinnert allenfalls ein Kruzifix aus Plastik, das in einem Seitengang an der Wand lehnt vor einem Raum, dessen Wände - nicht dass sie es wirklich nötig hätten - wohl gestrichen werden sollen.

Obwohl es Donnerstagnachmittag ist und das akademische Jahr begonnen hat, befinden sich im Lichthof nur zwei afrikanische Studenten. Sie haben ein Notebook dabei und surfen drahtlos im Internet. Wo stecken die anderen? Alle Lehrveranstaltungen seien abgesagt, erklärt Josef, der weniger schüchterne der beiden. Die Dozenten seien nämlich bei einer Messe im Petersdom. Klar, eine Messe geht an einer päpstlichen Universität natürlich vor.

Aber was machen die beiden dann noch hier? Sie seien sich nicht sicher gewesen, erwidert Josef, ob ihre Vorlesung - angekündigt war Karl Poppers Wissenschaftsphilosophie - nicht doch stattfinden würde. Nun hätten sie noch gut eine Stunde herumzubringen, bis wieder ein Bus an den Stadtrand fährt, wo das Wohnheim ihrer Bruderschaft liegt.

Ihr Studienjahr hat zwar gerade erst begonnen, doch sie sind schon seit einem halben Jahr da. Wie die meisten ausländischen Studenten mussten sie erst einmal Italienisch strebern. Beide kommen aus Asmara in Eritrea, wo sie einige Jahre an der Hochschule für Theologie und Philosophie studiert haben. Josef berichtet, dass er mit 15 in die Bruderschaft eingetreten sei. Jetzt ist er 33 und ausgewählt worden, in Rom Magister zu werden. Was er danach machen will? Das werde seine Bruderschaft für ihn entscheiden. Er rechnet damit, dass er nach Asmara zurückkehren und dort unterrichten soll.

Zunächst aber erwarten ihn noch zwei bis drei Jahre da, wo das Hirn seiner Kirche sitzt. In Rom werden auch die Lehrpläne und Unterrichtsmaterialien für Josefs Heimatfakultät erstellt. Wie eine Vielzahl ähnlicher Institute in Afrika, Asien und Lateinamerika wird sie von der Urbaniana, einer anderen päpstlichen Universität, betreut und beaufsichtigt. Das beinhaltet auch, dass turnusmäßig Professoren nach Eritrea reisen.

Die Welt in Rom. 128 Nationen sind unter den Studenten der Gregoriana vertreten. Drei von vier stammen aus dem Ausland. Insgesamt liegt die Ausländerquote unter den rund 20.000 an den päpstlichen Universitäten Eingeschriebenen um die sechzig Prozent. An den übrigen italienischen Hochschulen sind es dagegen nicht einmal zwei Prozent. Auch die Dozenten kommen von fast überall her - aus immerhin 39 verschiedenen Ländern. Selbst die gerühmten Graduate Schools der US-amerikanischen Forschungsuniversitäten sind nicht annähernd so international besetzt.

Das liegt freilich daran, dass die katholische Kirche einerseits stark zentralisiert ist, andererseits in vielen Ländern keine Ausbildungsstätten auf akademischem Niveau unterhält. Praktisch nur in Europa, und auch da nicht überall, gibt es an den Universitäten katholische theologische Fakultäten und Institute, immerhin 372 an der Zahl, die unter Aufsicht des Vatikans stehen. Wer, wie längst die Mehrheit der Katholiken, von außerhalb Europas kommt und in der Kirche etwas werden will, muss an einer der päpstlichen Eliteschmieden studiert haben. Rom ist der Ort, wo sie die Welt kennen lernen und ihr Netzwerk knüpfen. Davon zeugt eine bemerkenswerte Liste in der Hauszeitschrift "La Gregoriana", die allein unter den in den ersten vier Monaten des Jahres ernannten Bischöfen 24 Alumni vermeldet.

Auch Joseph Ratzinger machte auf seinem Weg auf den Heiligen Stuhl bei der Gregoriana Halt: Im akademischen Jahr 1972/73 lehrte er hier dogmatische Theologie. Überhaupt wird von promovierten Mitgliedern der Kurie erwartet, dass sie hin und wieder für eine Lehrveranstaltung zur Verfügung stehen, und das für eine Aufwandsentschädigung, die etwa die Bus- und Straßenbahnfahrten abdeckt, wie Friedrich Bechina lachend erklärt. Die Budgets der insgesamt zwanzig in Rom ansässigen päpstlichen Universitäten, Fakultäten und Institute werden aber auch dadurch geschont, dass viele Professuren durch Ordensbrüder besetzt sind, die für Gottes Lohn unterrichten, und dass Emeriti ohne finanzielle Forderungen Gastprofessuren übernehmen.

Bologna-Vorreiter. Pater Bechina, der nach seinem Grundstudium in Wien in Rom promoviert hat, ist Beauftragter des Vatikans für den Bologna-Prozess, die europäische Hochschulangleichung. Da reklamiert er für die päpstlichen Universitäten eine Vorreiterrolle. Für sie sei die Evaluation der Studiengänge nämlich nichts Neues, gebe es doch seit langem die sogenannten Triennalberichte. Ängste, dass Evaluationen nur dazu dienen, Einsparungen zu rechtfertigen, gebe es in den Netzwerken der Kirche nicht, sagt Bechina; hier herrsche gegenseitiges Vertrauen.

Gelehrt werden an den päpstlichen Hochschulen längst nicht mehr nur die traditionellen Fächer Theologie, Philosophie und Kirchenrecht oder Spezialisierungen wie Missiologie oder Pastoratsstudien, sondern etwa auch Sprach- und Erziehungswissenschaften, Geschichte, Archäologie und Jus. In den letzten Jahren kamen Studiengänge für Bioethik, Frauenforschung und Umweltwissenschaften dazu. Nach einem Beschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils haben sich die päpstlichen Hochschulen in den Sechzigerjahren den Sozialwissenschaften geöffnet und im Gegenzug die Naturwissenschaften aus den Curricula gestrichen. Daraufhin machte sich Ablehnung gegenüber Technik und wissenschaftlichem Fortschritt breit, beklagt Gianfranco Basti.

Pater Ingenieur. Wer Pater Basti in seinem Büro in der Lateranuniversität antreffen will, sollte früh aufstehen. Um die Mittagszeit macht er sich nämlich auf den Weg ins Computerlabor, einen außerhalb des Campus angemieteten Raum. Dort wird aus Basti, dem Wissenschaftsphilosophen, Basti, der Spezialist für Bildkompression, Mitarbeiter der Europäischen Raumfahrtagentur und dekoriertes Mitglied mehrerer ingenieurwissenschaftlicher Vereinigungen.

Als Naturwissenschaftler ist er an den päpstlichen Universitäten ein Exot, aber er macht sich bemerkbar. Seit 2003 werden an drei päpstlichen Unis wieder einzelne naturwissenschaftliche und mathematische Kurse angeboten - Basti hat sie vernetzt. Und vor wenigen Tagen fand unter seiner Leitung eine international hochrangig besetzte Konferenz über Unendlichkeit statt.

Während Naturwissenschaftler, die sich religiösen Fragen zuwenden, meist am Ende ihrer Karriere stehen, sind es bei den Priestern die Jüngeren, die sich der Wissenschaft öffnen oder dort ein zweites Standbein haben, sagt Basti. Er will Leute ausbilden, die sich gleichermaßen im Labor wie in der Theologie zurechtfinden. So stellt er sich die künftigen Moderatoren eines Dialogs zwischen Wissenschaft und Religion vor.

Mariologie en masse. Bastis Netzwerk und Konferenz sind freilich nur durch Unterstützung der Templeton Foundation, einer Stiftung, die den Dialog zwischen Religion und Naturwissenschaft fördert (s. auch S. 15), ermöglicht worden. Seine Alma Mater lässt ihn eher gewähren, als dass sie ihn fördert. Zur Einsicht, dass sie die Naturwissenschaften brauchen, ist es für die päpstlichen Universitäten noch weit. Auch im Buchladen der Lateranuniversität sind sie allenfalls mittelbar vertreten unter Bioethik oder Ökologie. Dagegen gibt es drei Regalreihen "Mariologie".

Auf einem Rundgang durch die Lateranuniversität stechen aber vor allem die vielen Ölgemälde ins Auge. Viel Kitsch ist dabei, etwa ein Johannes Paul II., der wie eine Fantasyfigur aus einer Wolke steigt. Bei den Studenten dominiert konservative Kleidung. Aber hey, da kommt eine in bauchfreiem Top, Hüfthose, Make-up und Strähnchen im Haar. Was hat sie denn hier verloren? Eleonora, drittes Jahr Jus, nennt drei gute Gründe, warum die jährlich 2000 Euro Studiengebühr es wert sind: wenig Studenten, gute Professoren, und sie weiß, dass sie binnen vier Jahren den Abschluss schaffen kann. An einer staatlichen Uni könnte sie das glatt vergessen.

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