"Ein sehr schizophrener Umgang"

aus HEUREKA 4/05 vom 23.11.2005

Wie steht die evangelische Kirche zur Evolution und zur Wissenschaft ganz allgemein? Und was ist ihre Haltung in Fragen der Biopolitik? Ein Gespräch mit dem evangelischen Theologen Ulrich Körtner über die Wiederkehr der Religion, über Kardinal Schönborns Aussagen und religionssensible Medizin.

Interview: Klaus Taschwer

Er ist wohl einer der wenigen Theologen weltweit, die in einem Land zum Wissenschaftler des Jahres gewählt wurden. Ulrich Körtner gelang das 2001, jenem Jahr, als der evangelische Theologe auch in die österreichische Bioethikkommission des Bundeskanzleramts berufen wurde. Der heute 48-Jährige ist seit 1992 Professor für Systematische Theologie an der Universität Wien, dort ist er auch noch Vorstand des Instituts für Ethik und Rechte. Zu den jüngsten Büchern des hochproduktiven Wissenschaftlers zählen "Grundkurs Pflegeethik" (UTB), ",Lasset uns Menschen machen'. Christliche Anthropologie im biotechnologischen Zeitalter" (C.H. Beck) und "Wohin steuert die Ökumene?" (Vandenhoeck & Ruprecht). Sein nächstes Werk, das im Jänner erscheinen wird, trägt den Titel "Wiederkehr der Religion?".

heureka: Ihr nächstes Buch wird "Wiederkehr der Religion?" heißen. Warum das Fragezeichen?

Ulrich Körtner: Fraglos gibt es ein wieder erwachtes Interesse an religiösen Themen, und Religion ist wieder ein wichtigerer Faktor der Politik geworden. Aus der großen Beteiligung rund um das Ableben von Johannes Paul II. oder am Weltjugendtag in Köln, die globale Medienereignisse waren, kann man allerdings nicht schließen, dass die Leute frömmer oder gläubiger geworden sind. Neben dem Megatrend Religion, von dem manche Leute reden, gibt es genauso gut einen Megatrend, den man Gewohnheitsatheismus nennen könnte. Für viele Menschen spielt die Frage nach Gott keine Rolle. Dieses Phänomen halte ich für mindestens genauso wichtig wie diese Rede von neuer Religiosität und Spiritualität.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem Triumph der Naturwissenschaften und der Lage der Religion?

Es gehört zum Pathos der modernen Naturwissenschaften, jene Fragen lösen zu wollen, die eigentlich die Religionen glaubten beantworten zu können. Ich würde nicht sagen, dass die Religion nun versucht, ersatzweise jene Fragen zu beantworten, die umgekehrt die Naturwissenschaft nicht befriedigend hat lösen können. Es ist aber sicher so, dass die Aussagekraft von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen für individuelle Sinnfragen begrenzt ist.

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Stellungnahmen von Kardinal Schönborn gegen die Evolutionslehre?

Da muss man verschiedene Kontexte unterscheiden. Zum einen gibt es die Ebene, auf der das Verhältnis zwischen der Religion und der modernen Naturwissenschaft bzw. zwischen Schöpfungstheologie und naturwissenschaftlichen Weltdeutungen zur Diskussion steht. Es gibt aber auch die politische Ebene, denn die Auseinandersetzungen um den Kreationismus in den USA sind ja eng verflochten mit dem politischen Neokonservativismus. Wenn also Kardinal Schönborn darüber in der "New York Times" schreibt, dann hat er einerseits in eine spezielle US-amerikanische Debatte eingegriffen. Andererseits hat er damit zugleich auch hier versucht, wieder Meinungsführerschaft für die katholische Kirche zu reklamieren. Es ist aber für mich ein Vorstoß vor dem Hintergrund, dass der gesellschaftliche Einfluss der katholischen Kirche zurückgegangen ist. Und er selbst laviert, indem er sich einerseits von den Kreationisten abgrenzen will und andererseits doch eine dogmatische Sichtweise der Evolutionstheorie vertritt, die in dieser Form auch in der katholischen Theologie umstritten ist. In der Sache hat er freilich nichts Neues beizutragen.

Wie meinen Sie das?

Es gibt ja eine theoretisch hoch ausdifferenzierte Debatte zum Thema Schöpfungslehre und Evolutionstheorie. Und man muss einfach von der Sache her sagen, dass Kardinal Schönborn, der früher so wie ich Dogmatikprofessor gewesen ist, als Wissenschaftler substanziell nichts zur Diskussion beigetragen hat. Seine jüngsten Beiträge sind bloß aufgrund seiner kirchenpolitischen Stellung so aufgebauscht worden. Ich kann das vom Medienmechanismus schon nachvollziehen. Aber eigentlich muss man sagen: Es ist nicht wert, jetzt immer noch weiter diskutiert zu werden.

Wie verhält sich eigentlich die evangelische Kirche in dieser Frage von Evolutionstheorie und/oder Schöpfungslehre?

Im Unterschied zur katholischen Kirche hat die evangelische Kirche kein zentrales Lehramt, das festlegen würde, wie die Schöpfungslehre zu Kosmologie und Evolutionstheorie steht. Natürlich gibt es auch in evangelischen Kirchen fundamentalistische Kreise, die ähnlich denken wie Kardinal Schönborn. Auch die Kreationisten sind ja zum großen Teil nicht Katholiken, sondern Protestanten. Was aber die wissenschaftlich-evangelische Theologie anbelangt, unterscheidet man längst zwischen einer naturwissenschaftlichen Weltbetrachtung und einer religiösen Deutung, die nach dem Sinn der Welt fragt.

Und wie sehen Sie das selbst?

Ich selber gehe davon aus, dass sich die naturwissenschaftliche und die theologische Sichtweise komplementär zueinander verhalten. Der Witz beim Komplementaritätsmodell ist, dass ich die eine Perspektive nicht in die andere Perspektive überführen kann. Ich kann also nicht sagen: Die Schöpfungslehre behauptet nichts anderes als das, was die Physik sagt, und umgekehrt. Das sind zwei unterschiedliche Ebenen: Auf der einen wird nach dem Sinn gefragt,und auf der anderen wird nach Erklärungen gesucht.

In Fragen der Bioethik hingegen scheint es relativ viele Übereinstimmungen zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche zu geben.

Das ist in der Tat so. Zum Beispiel in der Sicht des Menschen als Geschöpf Gottes oder in der Ableitung der Menschenwürde aus der Gottebenbildlichkeit. Auch in der Frage des Lebensschutzes sagen katholische und evangelische Theologie gleichermaßen, dass jeder Mensch in allen Phasen seines Lebens - also nicht erst ab der Geburt - ein Recht auf Leben hat. Und es gibt auch Übereinstimmung in der Ablehnung von utilitaristischen Konzepten, die die Entscheidung über lebenswertes Leben an bestimmten Eigenschaften festmachen wollen und zwischen Mensch und Person unterscheiden. Dazu gibt es in verschiedenen evangelischen Landeskirchen in Europa unterschiedliche Meinungen.

Und wie hält es die evangelische Kirche in Österreich?

Differenziert. Konkret heißt das, dass man am grundsätzlichen Prinzip des Lebensschutzes festhält, in Einzelfragen aber die Notwendigkeit und Legitimität der Güterabwägung sieht, die nach katholischer Auffassung so nicht besteht. Deshalb hat sich die evangelische Kirche in Österreich schon im Jahr 2001 nicht gegen jede Art der Forschung an embryonalen Stammzellen ausgesprochen. In der aktuellen österreichischen Biopolitik - also in den Fragen der Präimplantationsdiagnostik (PID) und in der Debatte des Patientenverfügungsgesetzes - hat sich die evangelische Kirche sehr zurückgehalten. Die katholischen Positionen dagegen sind klar: In der Frage der Patientenverfügung tritt die katholische Kirche eher für restriktive gesetzliche Lösungen ein. In der Frage der PID gibt es ein normatives Nein, das insofern konsequent ist, als die katholische Kirche ja auch die In-vitro-Fertilisation als solche ablehnt.

Soweit die offiziellen Positionen der Kirchen. Wie sieht denn ihre realpolitische Mitsprache in der österreichischen Biopolitik aus?

Die römisch-katholische Amtskirche und ihre Vorfeldorganisationen haben in den letzten Jahren zweifellos einen erheblichen Einfluss auf die biopolitischen Entscheidungen ausgeübt. Zuletzt war das ja bei der PID der Fall, wo dieser Passus aus der Novelle des Fortpflanzungsmedizingesetzes wieder herausgenommen wurde. So viel Einfluss hat die evangelische Kirche aufgrund ihres Minderheitenstatus naturgemäß nicht.

Vor kurzem haben Sie in Wien eine Konferenz über Weltreligionen und Medizin organisiert. Warum braucht es diesen Austausch?

Wir leben de facto in einer multikulturellen Gesellschaft - auch wenn es nicht jeder gerne hört. Faktisch wohnen hier in diesem Land Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen und Glaubensrichtungen. Entsprechend ist der medizinische Alltag davon geprägt, dass wir Patienten mit unterschiedlicher kultureller und religiöser Prägung haben. Deshalb brauche ich als Mediziner oder als Pflegekraft Kenntnisse über andere Religionen, angefangen von besonderen Ernährungsregeln über den Umgang mit Sexualität, Geburt und Tod bis hin zum Verhältnis von Individuum und Familie. Wir brauchen also so etwas wie eine interkulturelle und religionssensible Medizin und Pflege.

Und wie sieht es auf der Ebene der Biopolitik und der ethisch sensiblen Forschungen aus?

Man muss sich bewusst machen, dass religiöse Einstellungen als kultureller Faktor auch unterschiedliche Biopolitiken mitbedingen. Dazu kommt, dass Forschung längst eine globalisierte Angelegenheit ist mit weltweiten Netzwerken und auch weltweiter Konkurrenz. In der Biopolitik muss man aber auch die Frage stellen, wie Religionsgemeinschaften vor Ort in Meinungsbildungsprozesse einbezogen werden können. Da würde ich konkret sagen, dass die islamische Glaubensgemeinschaft oder die jüdische Kultusgemeinde an bioethischen Diskursen in Österreich noch wenig bis gar nicht beteiligt gewesen ist.

Eine Langfassung dieses Interviews finden Sie unter www.falter.at/heureka

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