Zurück in die Zukunft

Katrin Oberhofer und Harald Zwilling | aus HEUREKA 4/05 vom 23.11.2005

Vor ein paar Jahrhunderten noch waren arabische Gesellschaften die Zentren der Wissenschaft, von denen Europa lernen konnte. Heute haben sich die Verhältnisse umgekehrt. Doch nun ruft man auch in der islamischen Welt zu einem "Bildungsdschihad" auf

Mit Gott im Labor. Tarek Bajari ist Biochemiker und glaubt an Gott. Seine Religion ist der Islam, und sie bedeutet für ihn nicht nur zu beten: "Ich verstehe den Islam als eine Lebensart. Sie umfasst alles, was ich tue und mache." Der gebürtige Syrer hat in Heidelberg promoviert und forscht als Postdoc am Wiener Biozentrum in der Bohrgasse. Sein Spezialgebiet ist der Cholesterinstoffwechsel.

Glaube und Wissen sind für den Vierzigjährigen kein Gegensatz, im Gegenteil: "Im Islam glaubt man, alles ist Gott. Egal, was du erforschst: Du erforschst Gott. Und deshalb ist Forschung ein Wert an sich." Der Suche nach Wissen widmet er sein Leben. Er steht so gut wie täglich im Labor der Abteilung für Molekulargenetik, weil er seine Versuchsanordnungen nicht alleine lassen kann. "Nur am Samstag versuche ich ein wenig Zeit zu haben, um einkaufen zu gehen. Ansonsten gibt es kein Wochenende." Seit seiner Diplomarbeit forscht Bajari nicht mehr in Syrien, obwohl er sein Wissen gerne seiner alten Heimat zugute kommen lassen würde. Der einfache Grund: "Es gibt keine relevante Forschung in Syrien." Wie viele junge Wissenschaftler aus dem Nahen und Mittleren Osten ist er deshalb nach dem Grundstudium in den Westen ausgewandert.

Die Folgen sind offensichtlich: So kommen heute auf eine Million Araber nur 371 Forscher und Ingenieure, wie der Arab Human Development Report (AHDR) der UNO kürzlich feststellte. Zum Vergleich: Im globalen Durchschnitt sind es 979. Der UNO-Bericht kritisiert außerdem eine schwache Grundlagenforschung und verschwindend geringe Forschungsaktivitäten in zentralen Feldern wie Informationstechnologie und Mikrobiologie.

Ex oriente lux. Vor ein paar Jahrhunderten sah die Situation der Wissenschaften in der islamischen Welt ganz anders aus. Rund um die erste Jahrtausendwende befanden sich die Zentren der Wissenschaft und der Medizin in islamisch geprägten Ländern im arabischen Raum und in Nordafrika bzw. Südspanien. Nachdem Mohammeds Armeen im 7. und 8. Jahrhundert die Grenzen der Arabischen Halbinsel hinter sich gelassen und Gebiete vom Iran bis Spanien erobert hatten, nahmen sie auch das Wissen der griechischen Antike in Besitz.

Während damals in Europa Handauflegen und Teufelsaustreibungen der letzte Schrei in der Medizin waren, gründeten arabische Muslime Krankenhäuser. Der medizinische Kanon des persischen Arztes und Philosophen Avicenna (980-1037) beherrschte die europäische Medizin mindestens bis Ende des 16. Jahrhunderts. Averroes (1126-1198), der eigentlich Ibn Ruschd hieß, hatte großen Einfluss auf die Philosophieentwicklung und entdeckte nebenbei noch die Sonnenflecken. Ibn Khaldun (1332-1406) wiederum war ein Vorläufer der Soziologie. In der Astronomie erinnern arabische Fixsternnamen wie Aldebaran, Beteigeuse oder Wega bis heute an die Grundlagenarbeit, die Wissenschaftler aus dem Orient auf diesem Gebiet geleistet haben.

Omar Al-Rawi, Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, sieht diese Hochblüte auch in der Religion begründet: "Die erste Sure im Koran beginnt mit dem Wort ,Lies!'." Für ihn ist es bis heute unglaublich, wie mit den Anfängen des Islam aus einem Nomadenvolk in kurzer Zeit eine Hochzivilisation entstehen konnte, die damals das christliche Europa bei weitem in den Schatten stellte.

Doch nachdem die Europäer bis zum 13. Jahrhundert die meisten arabischen Werke übersetzt hatten und allmählich der Aufstieg der europäischen Wissenschaften begann, sank der Stern der islamischen Forschung - wohl auch bedingt durch die Auseinandersetzungen mit Kreuzfahrern aus dem Westen und den Mongolen aus dem Osten. Die christliche Rückeroberung Südspaniens schloss die islamischen Intellektuellen endgültig von den mit arabischem Wissen prall gefüllten Bibliotheken ab.

Wissenschaftspolitische Wüste. Wo sich früher blühende Forschungslandschaften befanden, breitet sich heute eine wissenschaftliche Wüste aus. Gerade einmal 0,2 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts geben die arabischen Staaten im Schnitt für Forschung und Entwicklung aus, wie der "Arab Human Development Report" feststellt. Zum Vergleich: In Österreich sind es heuer 2,35 Prozent, in Schweden rund vier Prozent.

"Der Wille, in Forschung zu investieren, ist nur marginal vorhanden", bestätigt auch Mouddar Khouja, IT-Manager und Mitglied des Arab Thought Forum. Verheerend habe sich aber auch die Abwanderung der Nachwuchswissenschaftler ausgewirkt. Auch der Ägypter Ahmet H. Zewail, der einzige Nobelpreisträger in einer Naturwissenschaft aus dem arabischen Raum (für Chemie 1999), forscht seit langem in den USA. Doch was sind die Hintergründe für die Krise der Wissenschaft in islamischen Ländern?

Für den aus Syrien stammenden Politikwissenschaftler Bassam Tibi steckt die Religion hinter dieser Misere. In seinem Buch "Islamischer Fundamentalismus, moderne Wissenschaft und Technologie" meint der in Göttingen lehrende Politologe, dass das Prinzip des wissenschaftlichen Nachdenkens über sich selbst der islamischen Offenbarung und Tradition untergeordnet sei. Doch "ohne die Annahme des Reflexionsprinzips kann in keiner Kultur eine wie auch immer geartete Wissenschaftstradition gedeihen".

Entlastung für den Islam. Dem widerspricht der Wiener Sozialanthropologe Andre Gingrich entschieden. Für den Wittgensteinpreisträger ist der Kolonialismus ein Hauptgrund für den schlechten Stand der Wissenschaften: "Die meisten Gesellschaften, die durch 200 Jahre Kolonialgeschichte hindurchgehen mussten, sind wissenschaftlich nicht besonders bedeutend. Der arabischen und der islamischen Welt ist viel weggenommen worden."

Auch die Autoren des "Arab Human Development Report" sehen nicht in der Religion an sich die Ursache der Schwäche der arabischen Länder. Für sie spielen ökonomische, politische, kulturelle und soziale Faktoren zusammen. Allerdings hätten konservative Gelehrte in repressiven Regimes in manchen Ländern Interpretationen des Islam gefördert, die ein Streben nach vernunftbasiertem Wissen behindern würden. Ähnlicher Meinung ist auch der Islambeauftragte Omar Al-Rawi: "Ein frei praktizierter Islam, der für egalitäre Verhältnisse eintritt, ist eine Gefahr für korrupte Regimes."

Das Regime in Syrien störte Tarek Bajari allerdings nicht bei seinen Forschungen: "Syrien ist nicht unbedingt eine Demokratie. Doch die Fragen, die ich als Forscher stellen wollte, durfte ich immer stellen." Für den Biochemiker trägt der Nahostkonflikt an der Krise Schuld. Und seine friedliche Lösung wäre zugleich auch eine Erlösung für die Forschung: "Dann wären wir stabil und könnten das Geld für etwas anderes als Rüstung ausgeben. Forschung ist ein Luxus, den man sich leisten können muss."

Wissensoasen in der Wüste. In den Arabischen Emiraten kann man sich Luxus leisten. Und den Scheichs hat's gedämmert, dass Wissen und nicht mehr nur Öl die Zahnräder der Zukunft schmieren wird. Flugs wurden Wissensstädte wie "Education City" in Katar oder "Knowledge Village" in Dubai aus dem Boden gestampft. Wissenschaftliches Personal stellen Partneruniversitäten aus Europa, Asien und den USA zur Verfügung. So unterhält das renommierte New Yorker Weill Cornell Medical College eine Dependance auf dem über zehn Quadratkilometer großen Campus von Education City, der immer noch weiter wächst.

Ende 2006 soll der Wissenschafts- und Technologiepark in Betrieb gehen. Besonders bemüht man sich dort laut Mouddar Khouja auch um Wissenschaftler aus dem arabischen Raum, die in Europa oder den USA Karriere gemacht haben: "Sie werden als Brückenbauer geholt, die zwischen den Kulturen gelebt haben und auch dieses Know-how vermitteln können." Bis jetzt werde dort zwar nur unterrichtet. Es sei aber nur eine Frage der Zeit, wann die Forschung anläuft. In den letzten Jahren entstandene, großteils von Exilsyrern finanzierte Privatuniversitäten bestärken auch Tarek Bajari in der Hoffnung, irgendwann einmal in seiner Heimat forschen zu können.

Islamischer Bildungsdschihad? Auch an der weltanschaulichen Basis wird eifrig gearbeitet. Der ägyptische Nobelpreisträger Ahmet Zewail forderte plakativ einen "Bildungsdschihad". Und die Hochschulminister der islamischen Konferenz mit 57 Mitgliedsstaaten wünschten sich bei einem Treffen in Tunis 2003 eine "Renaissance der Wissenschaften" in den islamischen Ländern.

Die Kraft für die Zukunft will man dabei aus der großen Vergangenheit schöpfen, die mittlerweile bei jeder Gelegenheit beschworen wird. "Die Zeit der islamischen Wissenschaftsblüte ist in Syrien nicht nur im Geschichtsunterricht sehr wichtig geworden", so Tarek Bajari. "Die Leute sagen die ganze Zeit: ,Wir waren früher einmal wissenschaftlich an der Spitze, und wir wollen da wieder hin.'" Auch wenn der Weg bis dahin noch weit ist.

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