Die Kirche schaut weg

Stefan Löffler | aus HEUREKA 4/05 vom 23.11.2005

Thomas Hauschild hält die Religionsforschung für zu wichtig, um sie Theologen und konfessionellen Instituten zu überlassen. Seit 25 Jahren spürt der Tübinger Ethnologe den Ritualen und Denkweisen von Gläubigen nach und fördert Dinge zutage, die es offiziell nicht gibt oder längst nicht mehr geben dürfte.

Schamanen in Süditalien. Wundmale, die nicht versiegen. Fromme Frauen und Männer, die heilen. Lebende Heilige, die Heerscharen von Pilgern anlocken. Die Rede ist nicht vom Mittelalter und auch nicht von Schamanen indigener Völker, sondern vom heutigen Italien, dem bevorzugten Forschungsgebiet Thomas Hauschilds. In Ripacandida, einem Dorf in Süditalien, hat der Tübinger Ethnologe drei Jahre zugebracht und ein 700 Seiten dickes Buch, "Magie und Macht in Italien", darüber geschrieben.

Aber so weit müsse man gar nicht reisen, um Glaubenspraktiken zu erleben, die in unseren Breiten als ausgestorben gelten. Schon in den Arbeitervierteln Norditaliens kann man laut Hauschild erleben, wie während des Gottesdienstes Menschen wie besessen aufspringen und mehr oder weniger verständliche Laute ausstoßen. "In Zungen reden" heißt das und war schon den Urchristen als Äußerungen Gottes durch den Mund Gläubiger geläufig. Verbreitet sind diese ekstatischen Frömmigkeitsausbrüche vor allem in der evangelischen Pfingstlerbewegung, die weltweit schon 250 Millionen Anhänger haben soll.

Kirchenoffizielle interessiert das wenig, so Hauschild. Das Nicht-so-genau-Hinschauen habe gerade in der katholischen Kirche Tradition. Nur die noch junge Bewegung der charismatischen Priester beachte die Entwicklung und baue das Beten bis zur Trance in ihre Messen ein. Manche bitten die Besessenen am Ende der Messe nach vorne und drücken ihnen die Bibel auf die Stirn. Der Exorzismus erlebt eine Renaissance.

Als Hauschild vor 25 Jahren seine wissenschaftliche Karriere begann, wurde ihm dringend davon abgeraten, sich mit Glaubenspraktiken zu befassen. Religion sei altmodisch, Privatsache und lohne allenfalls die politische Analyse. Hauschild ließ sich das Thema nicht ausreden und fuhr gut damit. Er wurde Professor in Tübingen und betreut derzeit zehn Forschungsprojekte rund ums Mittelmeer.

Die Kulte des Mittelmeerraums. Ein ausuferndes Forschungsgebiet ist das nur auf den ersten Blick. Wenn man näher hinschaut, so Hauschild, seien Christen, Juden und Muslime einander ähnlicher, als sie und vor allem ihre Religionsführer es wahrhaben wollen. Das beginne schon bei der Struktur der Gemeinden. Praktisch überall im mediterranen Raum seien sie um das Grab eines Heiligen angelegt. Die gibt es nämlich auch im Islam: fromme Männer, die ihre Abstammungslinie auf den Propheten Mohammed zurückführten.

Der Kult endet auch nicht, wenn eine Gemeinde vertrieben wird. Marokkanische Juden haben ihre Lokalheiligen bei der Auswanderung mitgenommen und huldigen ihnen in den Vorstädten Tel Avivs in Wohnungen, die sie mit Reliquien ausgehängt haben. Vielfach haben Muslime im Mittelmeerraum dem islamischen Bildverbot zum Trotz die Bildverehrung der Christen übernommen. Umgekehrt finden sich Trancetechniken des Sufitums bei den Christen wieder.

In der Moderne jedoch werden die Unterschiede betont, die Gräben tiefer gezogen, die Fundamentalisten stärker denn je. Der El-Kaida-Anschlag gegen die Synagoge von Djerba sollte laut Hauschild vor allem ie Ökumene treffen, war das älteste jüdische Gotteshaus Nordafrikas doch der Ort, an dem Juden, Christen und Muslime gemeinsam ein altes Fruchtbarkeitsfest feierten. Einerseits lehnt El Kaida alles, was der reinen Lehre widerspricht, also auch den mystischen Islam des Sufitums, ab. Andererseits hatten mehrere Terroristen des 11. September Gebetsschriften bei sich, deren ritueller Rhythmus deutlich Sufimerkmale trägt.

Ein wichtiges Forschungsfeld. All dies wertet Hauschild als Beleg für die Notwendigkeit einer unabhängigen Religionsforschung. Die drohe jedoch derzeit zwischen etablierteren Disziplinen und kirchlichen Ansprüchen aufgerieben zu werden. Den Theologen und konfessionellen Religionswissenschaftlern, von denen viele nur an Missionierung interessiert seien, dürfe das Feld nicht überlassen werden.

Auf Distanz legt der konfessionslose Ethnologe auch bei seinen Feldforschungen Wert. Während seiner drei Jahre in Ripacandida hat er sich vom bösen Blick bis zur Geisteraustreibung alles genau erklären lassen, an Heilungen teilgenommen und die jahrhundertealten Beschwörungsformeln mitgemurmelt. Aber "going native", das von manchen seiner Fachkollegen geforderte Aufgehen in der Gruppe der Untersuchten, kam für Hauschild nie infrage.

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