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Daniel Kehlmann | aus HEUREKA 4/05 vom 23.11.2005

Es gibt doch genug sinnvolle Anlässe für Erregung; warum ärgern wir uns dazu noch so gerne künstlich? Die Medien haben eine natürliche Neigung zu hysterischen Reaktionen, und der Zeitungsleser lässt sich beim Frühstück gerne von ihrer Wut anstecken. Dem Idioten, schrieb Marshall McLuhan, verleiht die Empörung Würde. Ein schönes Beispiel für solchen Ärger aus zweiter Hand, der niemanden etwas kostet und jedem die Möglichkeit gibt, sich ohne persönlichen Einsatz aufgeklärt und auf der richtigen Seite fühlen zu können, war die Debatte um jenen Kardinal, der es gewagt hatte, die Überzeugung zu äußern, dass eine ordnende Kraft in die Evolution eingegriffen und die Entwicklung vom Wurm zum Menschen beeinflusst habe.

Dass die Kirche die Wissenschaft lange in ihrer Entwicklung gehemmt hat (und das wohl, wenn sie könnte, noch immer tun würde), ist Allgemeingut; der Prozess gegen Galilei jedem Zwölfjährigen wohlbekannt. So konnte leicht jedermann in die wohlfeile Aufregung über einen Kleriker einstimmen, der ja nichts anderes formuliert hatte als ein Axiom, das ein Kleriker doch vertreten muss, um überhaupt seinen Beruf ausüben zu können. Was, bitte, wollte man denn sonst von ihm hören? Das Christentum mag in seinen Doktrinen fast unendlich anpassungsfähig sein. Aber könnte es sich wirklich von der Annahme eines kosmisch gewünschten Menschen verabschieden?

Seltsam allerdings, dass die meisten Journalisten, die sich über den Kardinal erregten, diesen Schluss gar nicht ziehen wollten, dass sie vielmehr getrost so taten, als wäre ein christlicher Glaube denkbar, der zwar auf Gott vertraut, aber dennoch die Existenz des Menschen als Zufall betrachtet, der genauso gut ausgeblieben sein könnte. Vor der wirklichen und durchaus bedenkenswerten Konsequenz, dass eine Welt, in der es nur Kausalketten gibt, aber keine Zwecke, allenfalls noch Platz für diffuse Esoterik, aber keinen mehr für christlichen Glauben gibt, scheuten die Kommentatoren zurück oder wollten sie den frühstückenden Zeitungslesern nicht zumuten. Ganz im Unterschied zu dem Einzigen, der die Frage zu Ende gedacht hatte: dem Kardinal.

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