Die Macht der Musik

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 1/06 vom 02.11.2006

Macht uns Mozart klüger? Kann man mit Musik Krankheiten heilen? Und was hat sie mit der Sprache zu tun? Die Neurowissenschaftler und die Psychologen haben die Musik entdeckt und warten mit mehr oder weniger erstaunlichen Erkenntnissen auf.

Nicht ohne meinen Mozart. Noch bevor Don Campbell das Podium betritt, ertönt Mozart aus den Lautsprechern. Ein Vortrag ohne Musik des österreichischen Jubilars wäre kein guter Vortrag, ist der eloquente US-Amerikaner überzeugt. Was folgt, ist selten auf einem wissenschaftlichen Kongress zu hören und zu sehen: eine einstündige Predigt über die positiven Wirkungen von Mozart in allen Lebenslagen, konsequenterweise immer wieder unterbrochen durch dessen wohlbekannte Klänge und allerlei Mitmachübungen, einmal sogar mit Papiertellern. Denn das würde die Konzentration der Zuhörer fördern.

Obwohl selbst kein Wissenschaftler, war Don Campbell einer der Starreferenten am Kongress "Mozart & Science", der Anfang Oktober in Baden bei Wien stattfand. Schließlich hat der geschäftstüchtige Texaner in den vergangenen zehn Jahren wesentlich dazu beigetragen, dass rund um die vermeintlichen Wirkungen von Mozarts Musik eine gutgehende Industrie entstand. Campbell ließ sich den Begriff "Mozart Effect" patentieren und schrieb 1997 einen Bestseller mit dem gleichnamigen Titel, dem kürzlich "The Mozart Effect for Children" nachfolgte.

Campbell selbst bietet auf seiner Homepage www.mozarteffect.com aber auch CDs für alle Lebenslagen und Altersstufen feil und macht damit prächtige Geschäfte: "The Mozart Effect Music for Moms and Moms-to-be" oder "The Mozart Effect Music for Babies: Nighty Night". Und er erstellte sogar ein vom "Mozart-Effekt" ausgehendes Therapiekonzept für ein vor kurzem eröffnetes Krankenhaus in Louisville in Colorado, dessen verschiedene Stationen mit unterschiedlicher Musik beschallt werden. Die von Campbell behaupteten positiven Wirkungen von Mozarts Musik sind allerdings nicht gerade das, was man eine wissenschaftlich abgesicherte Tatsache nennen könnte.

Das meint auch Frances H. Rauscher im heureka!-Gespräch unmittelbar nach dem Vortrag Campbells, den sie beim Kongress in Baden das erste Mal live erlebt hat. Die Musikpsychologin aus den USA ist gleichsam die wissenschaftliche Mutter des "Mozart-Effekts", den sie 1993 erstmals in der Wissenschaftszeitschrift Nature beschrieb. Rauscher hatte gemeinsam mit dem Physiker Gordon Shaw herausgefunden, dass Testpersonen kurzzeitig ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen hatten, nachdem man ihnen den ersten Satz von Mozarts Sonate für zwei Klaviere KV 448 vorgespielt hatte (siehe Interview Seite 7) - ein Effekt übrigens, der vom österreichischen Psychologen Georg Gittler kürzlich reproduziert werden konnte.

Effekte des Mozart-Effekts. Mit dem Experiment von Rauscher und Shaw schien indirekt bestätigt, was der französische HNO-Arzt Alfred A. Tomatis schon Jahre zuvor behauptet hatte: dass nämlich Mozarts Musik positive Auswirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten hat, was Tomatis bei seiner Arbeit mit behinderten Kindern auch in der Praxis umsetzte. In den Medien fand die Entdeckung von Rauscher und Shaw wirkungsvolle Verstärker. Der Musikkritiker der New York Times etwa verkündete, Rauscher und Shaw hätten herausgefunden, dass "Mozarthören Sie tatsächlich klüger macht", und wertete ihren Artikel in Nature gleich auch noch als letzten Beleg dafür, dass Mozart Beethoven als größten Komponisten der Welt abgelöst habe.

Das war gleichsam die Ouvertüre für den zumindest US-weiten Siegeszug des "Mozart-Effekts", der von Don Campbell öffentlichkeitswirksam angeführt wurde. Zwar kamen 1999 zwei Forschergruppen unter dem Titel "Prelude or Requiem for the ,Mozart Effect'?" abermals in Nature zum vorläufigen Schluss, dass die bisherigen Untersuchungen keine wirklich eindeutigen Beweise für die positiven Wirkungen von Mozarts Musik geliefert hätten. Doch die Effekte des behaupteten Effektes ließen nicht lange auf sich warten: So hatten beispielsweise die Gouverneure der US-Bundesstaaten Tennessee und Georgia teure Programme gestartet, um jedes Neugeborene mit einer Mozart-CD zu versorgen.

Immerhin hatte der bis heute in seiner Bedeutung umstrittene "Mozart-Effekt" dafür gesorgt, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit den verschiedenen Wirkungen von Musik einen enormen Auftrieb erhielt. Hirnforscher, Neurobiologen, Psychologen, Mediziner und Musikpädagogen führten in den vergangenen zehn Jahren zahllose Studien durch, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven damit befassten, wie das Mysterium Musik bei Menschen und Tieren wirkt, ob und wie sie zu Therapiezwecken eingesetzt werden kann oder als Lernhilfe für Kinder taugt.

Macht Musizieren smarter? Eindeutige Antworten hat das junge interdisziplinäre Forschungsfeld allerdings noch nicht zu bieten. Was wohl auch damit zusammenhängt, dass unser Umgang mit Musik und unsere damit verbundenen Erfahrungen und Gefühle nun einmal sehr individuell sind. So ist es alles andere als eine ausgemachte Sache, dass Instrumentalunterricht den Kindern tatsächlich viel mehr bringt als andere Arten der Förderung, was auch Frances H. Rauscher bestätigt, die zuletzt in diesem Bereich Untersuchungen durchführte.

Die Musikpsychologin von der University of Wisconsin Oshkoh beobachtete insgesamt 627 Schüler vom Kindergartenalter an, die in zwei Gruppen aufgeteilt wurden: solche mit und solche ohne regelmäßigen Klavierunterricht. Am Ende jedes Jahres gab es mehrere Tests, mit denen die Entwicklung der Kinder überprüft wurde. Im dritten Jahr ließen sich erste Unterschiede zwischen den beiden Gruppen feststellen: Bei den mathematischen Aufgaben und bei den Tests zum räumlich-zeitlichen Vorstellungsvermögen schnitten die Schüler mit Klavierunterricht besser ab. Hinsichtlich der sprachlichen Fähigkeiten gab es allerdings keine Unterschiede.

Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch der Neurobiologe Gottfried Schlaug von der Harvard Medical School, der ebenfalls Kinder mit und Kinder ohne Instrumentalunterricht verglich - allerdings vor allem im Hinblick auf ihre auditiven und feinmechanischen Fähigkeiten. Auch da brauchte es etliche Monate, ehe sich erste Unterschiede bei Tests messen ließen. Frances Rauscher bleibt trotz dieser und ihrer eigenen Ergebnisse so skeptisch, wie es sich für eine Wissenschaftlerin gehört. Sie meint, dass die Intelligenzmessungen mit den herkömmlichen Tests problematisch seien und es noch viel zu früh sei, den Lehrern in Sachen Musikunterricht konkrete Empfehlungen zu geben.

Musik im Kopf. Neben den nicht unumstrittenen Tests gibt es mittlerweile noch andere Methoden, die Wirkungen von Musik sichtbar zu machen: nämlich im Gehirn selbst. Tatsächlich haben die neuen Möglichkeiten, Hirnaktivitäten zu visualisieren, in den vergangenen zehn Jahren ganz wesentlich dazu beigetragen, dass sich die Neurowissenschaften so sehr für das Mysterium Musik zu interessieren begannen. Das lässt sich auch daran ablesen, dass in den letzten Monaten sowohl das renommierte Fachjournal Cognition wie auch die nicht weniger ehrwürdige Zeitschrift Brain sich in je einer Ausgabe ganz dem Thema widmeten.

Jedenfalls wurden in den letzten Jahren Tausende von Musikern und Nichtmusikern in Röhren geschoben. Dabei wiesen professionelle Musiker, wie eine Studie von Harvard-Forscher Schlaug zeigte, an verschiedenen Stellen in ihren Hirnen mehr graue Masse auf - also eine größere Dichte an Nervenzellen - als Nichtmusiker. Besonders ausgeprägt ist dieser Effekt im frontalen Kortex, jenem Hirnteil, der im Alterungsprozess am ehesten abbaut.

Bei den Hirnscans zeigte sich unter anderem aber auch, dass das Musikhören und vor allem das Musikmachen Prozesse sind, an denen viele verschiedene Hirnregionen beteiligt sind. Und wie der Psychologe Stefan Koelsch vom Max-Planck-Institut für Kognitions-und Neurowissenschaften in Leipzig herausfand, sind es vor allem jene Bereiche im Gehirn, die auch für die Sprache verantwortlich sind. Koelschs experimentell bestätigte Schlussfolgerung: "Das Gehirn verarbeitet Sprache ganz ähnlich wie Musik. Und umgekehrt."

Die Musik der Mütter. Eine Bestätigung dieser nicht allzu erstaunlichen These kommt auch aus der Entwicklungspsychologie. Forscher haben sich nämlich Gespräche zwischen Müttern und ihren Babys genau angehört und sie mittels Computer analysiert. "Dabei zeigte sich, dass das, was die Mütter dabei von sich geben, im Grunde pure Musik ist", berichtet Colwyn Trevarthen, Emeritusprofessor für Kinderpsychologie und Psychobiologie an der Universität Edinburgh. "Mütter reden mit ihren Babys in einem bestimmten Rhythmus und in einer Melodie. Es gibt sogar einen Grundton, nämlich das C." Umgekehrt würden sechs Wochen alte Babys Musik erkennen und sie als Erzählform wahrnehmen.

Der britische Archäologe Steven Mithen leitet aus diesen neuen Erkenntnissen über die neurobiologischen und entwicklungspsychologischen Zusammenhänge von Sprache und Musik gar den Ursprung der Musik selbst ab. Denn die sogenannte IDS (Infant-directed speech), also was Müttern ihren Babys vorplappern, basiere auf Rhythmus und dem Wechsel der Tonhöhen, also einer Urform von Musik. Musik bzw. Gesang sei daher kein "Nebenprodukt" von Sprache, sondern eine Fähigkeit, die sich evolutionär eigenständig herausgebildet habe, wie Mithen in seinem provokanten neuen Buch "The Singing Neanderthals" darlegt.

Mit dieser Verankerung von Musik in den Grundstrukturen des menschlichen Gehirns hat es womöglich auch zu tun, dass uns das Hören von Musik und vor allem das Musizieren unsere Gefühle so unmittelbar anspricht, wie Frances Rauscher vermutet. Und er erläutert anhand einer Anekdote, wie tief das gehen kann: "Ich habe einmal einen Vortrag in einem Gefängnis gehalten. Danach kam ein Häftling zu mir und meinte: ,Das Schlimmste im Gefängnis ist, dass man mich nicht Saxofon spielen lässt. Das ist, als ob man mir meine Arme abgeschnitten hätte. Ich kann meine Gefühle nicht ausdrücken. Und das macht mich furchtbar wütend.'"

Zu viel Gefühl. Wie weit die emotionale Kraft der Musik reicht, beschrieb vor kurzem auch der berühmte Neurologe Oliver Sacks in seinem Kommentar für das Musikheft der Zeitschrift Brain (September 2006). Er berichtet von Patienten, die unter dem sogenannten Williams-Beuren-Syndrom leiden, einer genetisch bedingten Krankheit. Davon Betroffene seien so empfindlich gegenüber Musik, dass sie stundenlang und ohne jede Kontrolle weinen müssen. Sacks erwähnt auch Epileptiker, bei denen die Musik Anfälle auslösen kann - insbesondere wenn sie für den Zuhörer mit tiefen Emotionen verbunden ist.

Bei Menschen mit neurodegenerativen Krankheiten lässt sich diese besondere Eigenschaft der Musik aber umgekehrt auch therapeutisch nützen, denn das musikalische Erinnerungsvermögen bleibt selbst bei starken Beeinträchtigungen wie Demenz erhalten: Sogar Patienten, die kaum noch sprechen können, singen bekannte Lieder mit. Das liegt daran, dass unsere musikalische Erinnerung vor allem im medialen präfrontalen Kortex der linken Hirnhälfte ,abgespeichert' ist - einer Gehirnregion, die auch bei Demenzpatienten lange aktiv bleibt.

Sacks berichtet auch davon, dass Parkinson-Patienten, die ihre Bewegungen kaum mehr zu kontrollieren vermögen, durch Musik gleichsam ruhiggestellt werden können. Oder dass Menschen, die unter dem Tourette-Syndrom leiden, ihre unkontrolliertbaren sprachlichen Äußerungen unten dem Einfluss von Musik kurzfristig abstellen. Wie zum Beispiel der britische Pianist und Tourette-Patient James McConnel. Der behauptet sogar, dass Mozart selbst an dieser Krankheit litt und das Chaos in seinem Gehirn mit seiner eigenen Musik therapierte.

Steven Mithen: The Singing Neanderthals. The Origins of Music, Language, Mind, and Body. London 2006 (Phoenix). 374 S., E 16,-

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