"Wenn Ihnen Jazz gefällt, dann hören Sie Jazz"

aus HEUREKA 1/06 vom 02.11.2006

Frances H. Rauscher, die Mitentdeckerin des "Mozart-Effekts", spricht mit heureka! über die Wirkungen von Musik und gibt Tipps, was Babys im Mutterleib hören sollten. Interview: Klaus Taschwer

heureka!: Sie haben vor mehr als zehn Jahren den sogenannten Mozart-Effekt mitentdeckt, der es mittlerweile sogar zu einem eingetragenen Warenzeichen gebracht hat. Wie stehen Sie heute zu diesem Begriff?

Frances H. Rauscher: Ich denke, dass wir Wissenschaftler damit sehr vorsichtig umgehen sollten. Denn eigentlich wurde dieser Begriff ja von den Medien geprägt. Ursprünglich bezog er sich auf eine spezifische Untersuchung, in der wir 1993 herausfanden, dass sich das Hören von Mozarts Musik auf das räumliche und zeitliche Vorstellungsvermögen kurzfristig positiv auswirkt. Das wurde dann aufgeblasen zur Botschaft, dass überhaupt alles besser wird, wenn wir Mozart hören. Es gibt aber keine so verallgemeinerbare Wirkungen.

Fördert Mozart jetzt unsere Intelligenz oder nicht?

Es wäre sicher falsch zu behaupten, dass uns Mozart generell klüger macht. Lehrer sagen mir immer wieder, dass sie Mozart im Klassenzimmer gespielt hätten und die Schüler trotzdem furchtbar schlechte Tests schreiben würden. Das hängt wohl damit zusammen, dass jeder von uns Musik anders verarbeitet, weil wir ganz unterschiedliche Assoziationen mit verschiedenen Arten von Musik haben. Der eine mag Mozart lieber, die andere Hardrock.

Aber warum kamen Sie dann damals zu diesen Ergebnissen?

Das hatte sicher auch damit zu tun, dass an dem besagten Experiment Leute teilnahmen, die Mozart mochten - und das wirkte sich positiv auf ihre Denkleistungen aus. Wollen Sie positive Wirkungen durch Musik erzielen, dann scheint das am besten zu funktionieren, wenn Sie einfach die Musik hören, die Ihnen gefällt.

Und wie ist das mit Babys, die ja noch nicht wissen, was sie gerne hören wollen? Sollte man wenigstens die mit Mozart zwangsbeglücken?

Schwangere wollen immer wieder von mir wissen, was sie ihren Babys zu hören geben sollen. Es ist aber unsinnig, den Bauch direkt mit Musik zu beschallen, weil das die Schlafrhythmen des Babys durcheinanderbringt. Und was die Musik angeht: Wenn Ihnen Jazz gefällt, dann hören Sie Jazz, und wenn Sie Brahms lieben, dann hören Sie Brahms. Und Frauen, die auf Heavy Metal stehen, sollen auch in der Schwangerschaft Heavy Metal hören.

Aber Sie machten doch auch Studien an Ratten, wo sich speziell Mozart positiv auswirkte.

Richtig, diese Ratten fanden sich bei unserem Experiment in einem Labyrinth besser zurecht, nachdem sie Mozart gehört hatten. Wir haben seither aber auch noch eine Reihe anderer Studien gemacht, bei denen wir die Tiere anderen fördernden Umgebungen ausgesetzt haben, also wo sie Spielzeug kriegten oder gemeinsam mit anderen Ratten aufwuchsen. Diese Ratten schnitten ebenso gut ab wie die mit Mozart beschallten. Jedenfalls viel besser als Ratten unter normalen Laborbedingungen, die alles andere als förderlich sind.

Was bedeutet das für den Schulunterricht? Kann man die Lernleistung durch Musik nicht doch steigern, wie das die Propagandisten des Mozart-Effekts behaupten?

Es gibt mittlerweile viele Studien zu dem Thema, die auch über mehrere Jahre hindurch die Entwicklung von Schülern mit und Schülern ohne Instrumentalunterricht vergleichend beobachteten. Dabei zeigte sich, dass Schüler mit Instrumentalunterricht bei den meisten Tests etwas besser abschnitten - aber erst nach zwei bis drei Jahren Instrumentalpraxis.

Wie erklären Sie sich das?

Ein Instrument zu spielen verbindet das Denken mit dem Gefühl, so wie das nur bei wenigen anderen Aktivitäten der Fall ist. Wenn Kinder Musik machen, dann trainieren sie nicht nur ihren Geist, sondern können auch ihrer Kreativität und ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Das ist das Besondere an der Musik: Gefühl und Intellekt zu verbinden.

Lässt sich das durch die Hirnforschung bestätigen?

Zumindest lässt sich zeigen, dass das Musizieren und auch das Musikhören Tätigkeiten sind, an denen das ganze Gehirn beteiligt ist. Wir stehen aber erst am Anfang, das alles auch auf neuronaler Ebene zu verstehen. Aber irgendwann werden wir diese Erkenntnisse auch ganz konkret in den Klassenzimmern anwenden können. Jetzt ist es dafür noch zu früh.

ZUR PERSON Frances H. Rauscher ist Musikpsychologin und lehrt an der University of Wisconsin Oshkoh. 1993 publizierte sie gemeinsam mit dem Physiker Gordon Shaw in Nature die erste Studie über den "Mozart-Effekt". Zurzeit forscht sie über die Zusammenhänge zwischen Musikerziehung und kognitiven Fähigkeiten von Kindern und das zeitliche Wahrnehmungsvermögen von Musikern und Nichtmusikern. Nebenbei spielt Rauscher Cello.

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