Knoten im Kopf

aus HEUREKA 1/06 vom 02.11.2006

Sie komponieren, spielen Geige und singen Bariton, wenn sie nicht gerade experimentieren. Und dabei Klassik und Punk hören. Fünf österreichische Forscher über ihr Verhältnis zur Musik. Protokolle: Astrid Kuffner

Der Gitarrist. Ich habe lange bei der Grazer Band Bloom o5 mit Georg Altziebler und Albrecht Klinger Schlagzeug gespielt und an der Musikuniversität Graz klassisches Schlagwerk studiert. Die Pauke hat es mir dort besonders angetan, ist aber leider technisch ein sehr schwieriges Instrument. In den USA bin ich dann gänzlich auf Gitarre und Songwriting umgestiegen, das hat auch ganz gut funktioniert. Mit meiner Band bin ich in New Jersey aufgetreten. Das letzte Konzert, in dem ich war, war Georg Altzieblers neues Projekt "Son of the Velvet Rat".

Für jede Tageszeit gibt es wohl die richtige Musik. Ich bevorzuge in der Früh eher Energetisches, die Strokes zum Beispiel. Am liebsten höre ich Musik im Auto und zu Hause auf dem Sofa, wo ich mich darauf konzentrieren kann. Meine Studenten haben im Labor aber immer das Radio an. "Soundwave-assisted synthesis" nennen wir das.

Meine Lieblings-CDs sind von Bob Dylan, Tom Petty, Townes van Zandt und Bloom o5. Sie haben welche gemacht, die sehr schön und mellow sind, nachdem ich in die USA gegangen bin.

Zwischen Musik und Forschung gibt es Parallelen. Beides hat viel mit Gefühl, Intuition und Gespür zu tun. Man braucht ein Regelwerk: Theorien, Axiome oder eben Harmonielehre, Rhythmik. Das Wesentliche entsteht aber - bei mir zumindest - durch einen intuitiven Prozess.

Johannes Khinast, 41, ist Verfahrenstechniker an der TU-Graz mit Schwerpunkt Pharmaceutical Engineering.

Die Tänzerin. Die Philosophie verlangt äußerste Konzentration, bei der sogar Musik stören würde. Wenn ich schon sehr lange über einem Problem gesessen bin, lege ich manchmal eine CD auf, um die Knoten in meinem Gehirn zu lösen. In letzter Zeit meist die "Rückert-Lieder" von Mahler, interpretiert von Kathleen Ferrier, oder die "Vier letzten Lieder" von Strauss, gesungen von Lisa della Casa. Morgens schalte ich im Radio BBC 3 ein. Der englische Klassiksender bringt noch mehr Musik als Ö1. Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme relaxe ich bei Popmusik. Später höre ich dann intensiv: ein Konzert oder in meinem Wohnzimmer Instrumentalmusik auf CD. Opern galt schon immer meine besondere Leidenschaft. Meine liebsten sind "Don Giovanni", "Der Rosenkavalier" und "Tristan und Isolde". Ein unvergesslicher Opernabend war der "Parsifal" dirigiert von Christian Thielemann mit meinem Lieblingsbariton Thomas Quasthoff.

Musik wurde in meiner Familie stets auf professionellem Niveau betrieben, deswegen habe ich selbst kein Instrument gelernt. Meine Mutter war Konzertpianistin und gab schon mit fünf Jahren erste Konzerte. Ich wollte lieber etwas anderes machen, als eine Dilettantin zu werden. Außerdem galt schon mit vier meine Leidenschaft dem Ballett. Hier verschmilzt für mich die Musik mit der Bewegung zu einer besonderen Einheit.

Genia Schönbaumsfeld, 32, Philosophin, lehrt derzeit an der University of Southampton in Großbritannien.

Die Geigerin. In meiner Familie wurde immer Musik gemacht und gehört. Dass ich Geige gelernt habe, ist jedoch Zufall. Der Direktor des Musikgymnasiums hat bei der Aufnahmeprüfung meinen kleinen Finger gemustert und gesagt, dass er lang genug sei, um Violine zu spielen. Meine Mutter meinte, "das tut beim Üben in den Ohren weh", aber ich durfte dennoch ein Streichinstrument lernen. In der Schule habe ich im Orchester gespielt, neben dem Studium Kammermusik gemacht. Seit ich vor drei Jahren nach Heidelberg gekommen bin, ruht das Instrument. Ich spiele entweder intensiv oder gar nicht. Für Ersteres brauche ich mehr Zeit, da leider die Fingerfertigkeit schnell verlorengeht.

Bach ist mein Lieblingskomponist: Seine fast mathematische Aneinanderreihung von Tönen hat mich immer fasziniert. Er und Mozart bringen mich morgens in Stimmung für den Tag. Meist höre ich CDs, weil man sich im Radio nicht auf gutes Programm verlassen kann. Im Großraumlabor kann ich mich mit klassischer Musik gegen den Massengeschmack à la Söhne Mannheims nicht durchsetzen, und Kopfhörer kapseln mich zu sehr ab. Abends höre ich wechselnde Favoriten: Derzeit Edward Elgars "Enigma-Variationen" oder gregorianische Choräle, interpretiert vom Jazzsaxofonisten Jan Garbarek. In Heidelberg habe ich auf einem Festival zuletzt einen Liederabend von Thomas Hampson gehört. Sicher ist: Ich muss in einer Stadt arbeiten, wo es gute Musik gibt.

Adelheid Cerwenka, 38, ist Immunologin und Gruppenleiterin am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.

Der Komponist. Im Labor höre ich Musik nur, wenn ich allein bin und die Arbeit anspruchslos ist, damit ich mich darauf konzentrieren kann. Ich höre jede Art von E-Musik, von Gregorianik bis Olga Neuwirth, dazu etwas Jazz. Zuletzt habe ich ein Chorkonzert in der Matthiaskirche in Budapest besucht. Wenn ich überhaupt Favoriten habe, dann Mozart (auch heuer), Wagner und Richard Strauss. Im Sitz hält mich bei guter Musik nichts, meistens muss ich auf und mitdirigieren oder-singen. Ich wohne in einem Haus, da kann ich mich zurückziehen. Manchmal mute ich es aber wohl auch meiner Familie zu.

Mit vielen Instrumenten habe ich Versuche gestartet: Blockflöte, Violine, Klavier, Gitarre, Trompete, Schlagzeug. Halbwegs brauchbar war nur Letzteres. Dafür singe ich Opern und klassische Lieder in erträglichem Bariton.

Kompositorisch arbeite ich gerade an einem Zyklus aus den Galgenliedern von Morgenstern. Es werden zwölf Lieder, einschließlich des Mondschafs, des ästhetischen Wiesels, der beiden Esel, des Nasobems. Ich benutze Noteworthy Composer, der ist praktisch und wird im Internet angeboten. Außerdem beschäftige ich mich mit den Zusammenhängen zwischen Physik und Musik, weniger mit Akustik als mit Symmetrieprinzipien und "Weltharmonien". Vielleicht wird daraus eines Tages ein symphonisches Stück über Pythagoras.

Max Lippitsch, 59, ist Experimentalphysiker an der Universität Graz mit Schwerpunkt Optik.

Der Punkfan. Ich kann kein Instrument spielen und tanze wie ein Stock. Ein Student sagte mir mal, ich sei der einzige Prof, mit dem man gemeinsam springen kann. In Toronto habe ich in einer Flamenco Company getanzt und etwas Rhythmus gelernt. Der Takt des Gitarristen ändert sich da ja ständig.

Morgens höre ich Klassik oder Rufus Wainwright, abends mag ich es "schärfer" mit Punk von Blurt, The Violent Femmes, Nick Cave oder aber Bob Marley und The Horseflies. Im Labor hörte ich früher am liebsten die Filmmusik zu "Until the End of the World" von Wim Wenders und französische Barockmusik, in Toronto begann ich Labormeetings mit Michael Nyman. Die Studenten in meinem Labor spielen andere Sachen, wohl weil sie meinen alten Musikgeschmack nicht aushalten.

Meine Frau hat mir gerade einen Plattenspieler gekauft, und ich kann auf dem Sofa endlich wieder meine alten LPs hören: Blurt, Lou Reed, Die Fehlfarben. Im Auto höre ich am liebsten Gelesenes von Qualtinger oder dem Meister Klaus Kinski, da kann ich mich entspannen.

Die letzten Konzerte waren im Musikverein. In Toronto habe ich The Specials, Rufus Wainwright, Hayden und Quagmire, eine keltische Band aus dem Ottawa Valley, gehört. Ich möchte gern einmal Adam Green hören. Und für ein Blurt-Konzert würde ich jedenfalls alles stehen und liegen lassen.

Josef Penninger, 42, ist Immunologe und wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Molekulare Biotechnologie (IMBA) in Wien.

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