Karneval der Tiere

aus HEUREKA 1/06 vom 02.11.2006

Musik ist nicht nur Menschensache: Vögel und Wale produzieren höchst komplexe Songs, Rinder entspannen bei R.E.M. und Fische können zwischen Blues und Klassik unterscheiden. Von Julia Harlfinger

Wie Mozart auf Ratten wirkt.

Im Vergleich zu den meisten anderen wissenschaftlichen Experimenten, die Laborratten so über sich ergehen lassen müssen, zählen jene der Musikwirkungsforscher noch zu den angenehmsten. So setzte die US-Psychologin Frances H. Rauscher[1] Ratten vor und nach der Geburt Hörreizen aller Art aus und ließ sie danach ein Labyrinth durchlaufen. Am wenigsten Fehler machten jene Nager, die Mozart gehört hatten (siehe auch das Interview auf S. 7).

Der deutsche Pharmakologe Björn Lemmer wiederum beschallte die Labortiere mit Mozarts Sinfonie Nr. 40 in g-Moll (KV 550) sowie Ligetis harmonisch ziemlich herausforderndem zweitem Streichquartett und wollte wissen, welche Musik sie mehr stresst. Die Antwort der noch unveröffentlichten Arbeit lautet: weder noch. Mozart ließ die Ratten völlig kalt, während Ligeti die Pulsfrequenz signifikant senkte und den Blutdruck erhöhte. Warum das so ist, wissen bislang nur die Ratten selbst.

Warum Kühe auf Kuschelrock stehen.

Kühe mögen Musik, doch nicht jedes Musikstück zieht bei den Wiederkäuern gleichermaßen. Sie bevorzugen ruhige Musik mit weniger als 100 bpm (beats per minute). Beschallt mit "Everybody Hurts" von R.E.M. oder Beethovens sechster Sinfonie gaben sie in einer Versuchsreihe aus dem Jahr 2001 signifikant mehr Milch als bei flotten Songs von über 120 bpm (z.B. "Back in the USSR", Beatles).

Die Experimente führten Adrian North und Liam McKenzie von der University of Leicester (Music Research Group) durch. Neun Wochen lang spielten die Psychologen tausend schwarzweißen Rindern der Rasse Holstein-Friesen täglich zwölf Stunden lang Musik vor. Als Indikator fürs Wohlfühlen wählten die Forscher die Milchmenge, die der Herde abgezapft wurde. Ergebnis: Durchschnittlich gab jede Kuh bei langsamer Musik um 0,73 Liter oder drei Prozent mehr Milch pro Tag (24,10 gegenüber 23,37 Liter) als bei schneller Musik. Die Forscher vermuten, dass sich die Rindsviecher genauso wie Menschen bei sanften Beats besser entspannen können.

Zur Hitparade der Milchproduktion gehörten u.a. Simon & Garfunkels "Bridge over Troubled Water" und Lou Reeds "Perfect Day". Hemmend für die Milchproduktion wirkte sich Jamiroquais "Space Cowboy" aus. Eine Untersuchung[2] an der University of California in Davis brachte ähnliche Ergebnisse - allerdings erhöhten die Veterinärmediziner nicht durch Musik, sondern durch Aufnahmen von rufenden Kälbern die Milchproduktion um ein bis zwei Prozent.

Was Fische so alles hören.

Auch ohne äußere Ohren sind Fische in der Lage, zwischen Musikstilen zu unterscheiden. Am Rowland Institute der Harvard University[3] wurden japanische Koi-Karpfen mittels Aquarienlautsprechern trainiert, zwischen Bachs Oboenkonzert und Bluesaltmeister John Lee Hooker ("Blues before Sunrise") zu unterscheiden. Wenn die Tiere die richtige Antwort gaben, indem sie mit ihrer Schnauze den "Fish Button" drückten, erhielten sie zur Belohnung ein Futterpellet. In Folgeexperimenten waren die Versuchstiere namens Oro, Pepi und Beauty im Alter von sieben bis elf Jahren sogar in der Lage, Musikstücke, die sie vorher noch nie gehört hatten, den Kategorien "Blues" oder "Klassik" zuzuordnen. Auch konnten die Fische unterscheiden, ob eine Melodie - etwa Rachmaninows Paganini-Rhapsodie - vorwärts oder rückwärts abgespielt wurde und erkannten dasselbe Musikstück trotz unterschiedlicher Klangfarben. Der Grund für die "Musikalität": Offenbar müssen die "stummen" Fische in ihrer natürlichen Umgebung in der Lage sein, eine Vielzahl von Lauten zu erkennen.

Ihre eigene Interpretation der Fischmusikstudien entwickelten Mitarbeiter des Great Yarmouth Sea Life Centre in Blackpool und des National Sea Life Centre in Birmingham. Sie spielten in ihren Aquarien allzu keuschen Haien Songs von Barry White ("Can't Get Enough of Your Love, Babe") vor, um sie in romantische Stimmung zu versetzen und zur Paarung anzuregen.

Welchen Sound sich Gorillas wünschen.

Gezwitscher, Gequake und Geplätscher: In den Regenwaldhäusern von Zoos ist Dschungelsound aus der Konserve eine beliebte Geräuschkulisse. Doch wie gefällt den Bewohnern eigentlich diese Beschallung? Forscher aus Nordirland untersuchten[4] die Reaktionen von sechs Gorillas im Belfast Zoo auf akustische Reize (Dschungelgeräusche, Klassik) und auf Stille. Obwohl es vermutlich aufgrund der kleinen Probandengruppe keinen signifikanten Unterschied im Verhalten der Menschenaffen zu verzeichnen gab, kristallisierte sich sehr wohl ein deutlicher Trend heraus: In der Stille zeigten die Tiere eher Stressverhalten, etwa Aggression. Entspannter gaben sie sich, wenn sie beschallt wurden - vor allem, wenn klassische Musik ertönte; weniger gut kamen bei den Tieren Regenwaldgeräusche an. Die Vorliebe für Klassik korreliert jedoch nicht mit der Wahrnehmung von Besuchern: Sie halten die Gorillas bei vermeintlich "naturnahen" Geräuschen für relaxter.

Wie man Kanarienweibchen besingt.

Singvogelmännchen gelten bei Artgenossinnen erst dann als attraktiv, wenn sie den richtigen Ton treffen. Werden weibliche Kanarienvögel durch eine bestimmte Art und Anzahl von komplexen Phrasen und Silben angesungen, geraten nicht nur ihre Hormone in Wallung, sondern sie legen auch besonders große Eier - dies bedeutet gleichzeitig bessere Versorgung für den "ungeborenen" Nachwuchs. Dass Vogelmütter die Attraktivität eines Männchens schon an seiner Stimmakrobatik erkennen und danach ihr Investment in die Eier richten, zeigten Forscher vom deutschen Max-Planck-Institut für Ornithologie und der University of London. Für ihre Arbeit[5] spielten sie 45 Kanarienvogelweibchen Gesänge vor.

Was Buckelwale zum Singen bringt.

Eigene Lovesongs produzieren auch männliche Buckelwale. Und zwar am laufenden Band, denn wer singt, verbringt auch mehr Zeit mit Weibchen, so Forscher der University of Queensland[6]. Für das menschliche Ohr mögen die täglich bis zu 23 Stunden lang ertönenden Walgesänge nach Zirpen, Bellen und Ächzen klingen, in Wirklichkeit sind es hochkomplexe Abfolgen einzelner Elemente. US-amerikanische Forscher[7] haben die Struktur der Wallieder mithilfe mathematischer Methoden aus der Informationstheorie untersucht. Sie fanden heraus, dass diese ähnlich der menschlichen Sprache eine eigene Syntax haben und aus musikalischen Phrasen bestehen, die streng hierarchisch zu Liedern kombiniert werden.

Literatur

[1] Rauscher, F.H., Robinson, K.D., Jens, J. (1998): Improved maze learning through early music exposure in rats. In: Neurological Research 20, 427-432.

[2] McCowan, B., DiLorenzo, A.M., Abichandani, S., Borelli C., Cullor, J.S. (2002): Bioacoustic tools for enhancing animal management and productivity: effects of recorded calf vocalizations on milk production in dairy cows. In: Applied Animal Behaviour Science 77 (1), 13-20.

[3] Chase, A. (2001): Music discriminations by carp (Cyprinus carpio). In: Animal Learning & Behavior 29 (4), 336-353. Download: http://picovolt.com/ava/fish/music-carp.pdf

[4] Wells, D.L., Coleman, D., Challis, M.G. (2006): A note on the effect of auditory stimulation on the behaviour and welfare of zoo-housed gorillas. In: Applied Animal Behaviour Science 100 (3-4), 327-332.

[5] Leitner, S., Marshall, R., Leisler, B., Catchpole, C. (2006): Male Song Quality, Egg Size and Offspring Sex in Captive Canaries (Serinus canaria). In: Ethology 112, 554.

[6] Walsongs, University of Queensland: http://omc.uq.edu.au/audio/news/whalesong.mp

[7] Suzuki, R., Buck J. R. , Tyack, P.L. (2006): Information entropy of humpback whale songs. In: Journal of the Acoustical Society of America 119 (3), 1849-1866.

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