Krrrkk, pschii ... und roaaar!

aus HEUREKA 1/06 vom 02.11.2006

Der Sportwagen röhrt. Der Keks kracht. Die Hausschuhe schlappen. Geräusche bestimmen unser Leben. Das hat auch die Industrie erkannt - und lässt ihre Produkte zum Hörerlebnis aufpoppen. Von Edda Grabar

Glucksen und Rauschen. Ja, ich gebe es zu. Ich lasse mich von TV-Werbung verführen. Vor allem die fast kunstvolle Anpreisung eines gewissen hopfenhaltigen Getränks lässt jeden Versuch der Zurückhaltung kläglich scheitern: Schon wenn die Musik beginnt, setzt bei mir, wie bei einem Pawlow'schen Hund, der Speichelfluss ein. Und sprudelt erst das goldgelbe Gebräu mit einem fröhlichen Glucksen ins Glas, bäumt sich mit kühlem brandungsartigem Rauschen der Schaum oben auf, setzen sich meine Beinmuskeln in Bewegung. Der Weg führt zum Kühlschrank. Dort steht zwar nicht die so erfolgreich beworbene Marke. Aber gewirkt hat der Bierzapfsoundtrack allemal.

"Na, da haben die Kollegen alles richtig gemacht", meint Friedrich Blutner und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Blutner ist der Papst der Sounddesigner, der Sigmund Freud unter den Psychoakustikern und der Inhaber der Firma Synotec Psychoinformatik GmbH. Zurückgezogen lebt er im deutschen Erzgebirge und beschäftigt sich seit über zwanzig Jahren damit, wie Geräusche auf den Menschen wirken. Das Gehör, sagt er, sei ein hochemotionaler Sinn. "Oder haben Sie schon einmal erlebt, dass Ihnen ein Gemälde die Gänsehaut über den Rücken laufen lässt, so wie es die Musik vermag?"

Das Auge führe den Menschen in die Welt, zitiert Blutner den deutschen Naturforscher Lorenz Oken. "Das Ohr aber führt die Welt in den Menschen." Das Gehör gebe uns ein Gefühl von dem, was wir erleben. Das Knacken im Wald wirke im Dunkeln viel dramatischer als am Tag. "Das Ohr ist evolutionär als Warnorgan angelegt", erklärt der Akustikexperte. Die feinen Strukturen im Innenohr haben sich erst während des Übergangs von Wasser-zu Landlebewesen herausgebildet. Je weiter eine Geräuschquelle entfernt ist, desto dunkler klingt sie - wie etwa das Donnergrollen bei einem entfernten Gewitter. Je mehr sie sich nähert, desto heller und schärfer werden die Töne. Deswegen empfinden Menschen dunkle Geräusche in der Regel als angenehmer.

Eine kurze Geschichte des Ohrs. Das als solches sichtbare Ohr sammelt seine Wahrnehmungen als Schallwellen. Über fünf Schaltstellen, die im Wesentlichen die Verstärkung des Hörreizes und seine Umwandlung in elektrische Signale bewältigen, wird er ins Gehirn zum sogenannten Neokortex transportiert, dem stammesgeschichtlich jüngsten Teil des Denkorgans, der nur bei Säugetieren zu finden ist. Auf dem Weg dorthin aber kreuzen die Hörnerven ältere Teile des Hirns, die einen intensiven Austausch mit dem Emotionszentrum, dem limbischen System, pflegen.

Das wiederum weist uns auf Urempfindungen hin. Menschen geben zu einem großen Teil Laute wie "hm, na, hm, aah" ab, "eben weil das Gehirn diese Geräusche als verbale Fellpflege empfindet", so Blutner. Während es etwa dieses "ksch, ksch", mit dem wir lästige Insekten und Tiere von uns wegscheuchen, als unangenehm wahrnimmt.

Wegen dieser Ursinne also bauen wir auch emotionale Beziehungen zu klingenden oder lärmenden Dingen auf - der Normalbürger zu seinem Auto etwa so wie der Geiger zu seiner Violine. Das hat die Autoindustrie früh erkannt. Vor zwanzig Jahren begann sie mit dem automobilen Sounddesign, das bis dahin der Film-und Musikindustrie vorbehalten war. "Damals wie heute geht es darum, das Auto leiser und angenehmer zu machen", sagt Alfred Rust, Akustikspezialist für Motorengeräusche beim Hightechunternehmen AV List in Graz, dem weltgrößten privaten Unternehmen für die Entwicklung von Antriebssystemen mit Verbrennungsmotoren und zugehöriger Mess-und Prüftechnik.

Hirschartiges Röhren. Dem Auto sind für seine Außengeräusche strikte gesetzliche Rahmenbedingungen auferlegt. Bei 74 Dezibel ist Schluss. "Seitdem ist die Zeit der brüllenden Auspuffrohre auch bei Sportwagen vorbei", meint Rust. Das meist niedertourige hirschartige Röhren ist der Ton, den der ambitionierte Sportwagenfahrer eigentlich hören möchte. Daher basiert heute der Motorsound im Fahrzeuginneren auf dem Ansauggeräusch, das exakt mit dem Gaspedaldruck übereinstimmen muss.

Dabei bedient man sich sämtlicher Tricks. Jeder Hohlkörper im Auto dient wie eine Orgelpfeife als Resonanzverstärker oder eben Dämpfer. Mit Dämmungsmaterialien werden die unangenehmen Geräusche des Antriebs unterdrückt und auch das nähmaschinenartige Geklapper der Mechanik lassen die Autohersteller verstummen - "indem man die Strukturen steifer macht und Laufspiele minimiert", so Rust.

In allen möglichen Positionen bringen die Soundingenieure mit Mikrofonen ausgestattete Kunstköpfe an, mit denen sie in die Tiefen des Fahrzeugs horchen. Da werden die Frequenzen analysiert und die Geräuschmerkmale, wie etwa die Impulshaltigkeit ("das Nageln vom Diesel"), überprüft. Bei AVL entstanden auf diese Art nicht nur ganze Kataloge von Geräuschen, sondern auch Methoden, mit denen diese Geräuschmerkmale messbar werden - natürlich alles Betriebsgeheimnisse.

Der Sound von BMW. Ein Geräuschkatalog liegt auch dem Leiter für Akustische Integration von BMW vor. Der allerdings kümmert sich nicht nur um die Motor-, sondern auch um die Innengeräusche des Westeuropäers liebsten Spielzeugs. Wer in einem 7-er BMW sitzt, möchte nicht nur den "seidenen Klang seines Motors bewundern", sagt Gerhard Thoma. Er messe die Qualität seines Fahrzeugs auch am Summen des Fensterhebers.

Angefangen hat das alles mit dem berühmt-berüchtigten Türschlag. Wie bitte muss die Autotür ins Schloss fallen? Dumpf muss es sein, mit einem angenehmen Klicken verbunden - ein Geräusch, das uns in wohlig-abgeschlossener Sicherheit wiegt. Auf keinen Fall darf sie krachen. "Das mit dem Türschlag war damals eine recht komplizierte Angelegenheit", erzählt Thoma. Man habe sich die Türen verschiedenster Wettbewerber von Kunden testen lassen und daraus den beliebtesten Türschlag ermittelt. Wer gewonnen hat, sagt er natürlich nicht. "Aber wir haben eine Software entwickelt, die uns ein eigenes Anforderungsprofil der verschiedenen Geräuschphasen errechnet", sagt er.

Inzwischen beschäftigt BMW eigens einen Tonmeister aus der Filmindustrie nur für den Klang im Inneren des Autos. Um jedem Wagen seinen einzigartigen Sound zu verleihen, testet BMW ihn in einem völlig lautlosen Auto, bei dem die Geräusche gekoppelt an die Fahrweise nur aus dem Lautsprecher schallen. "Sie würden schwören, dass es vom Motor kommt", begeistert sich Thoma.

Der richtige "Bumms". Erst nachdem der Sound den Praxistest bestanden hat, wird der Wagen tatsächlich umgerüstet. Sodass keine Komponente überdeutlich hervortritt. "Das ist wie bei der Triangel im Orchester: Man nimmt sie kaum wahr, aber sie rundet den Sound ab", sagt der Dirigent der Motorengeräusche. Nur so hat man im Sportwagen, in dem derselbe Motor brummt wie in der Luxuslimousine, den richtigen "Bumms".

Die Zukunft des Soundengineerings im Auto gehört übrigens der integrierten HiFi-Anlage und dem Sprachverständnis, was für Thoma gar einen Paradigmenwechsel darstellt: "Die Menschen verstehen immer weniger von der Technik des Autos und konzentrieren sich deswegen auf andere Bereiche." Nun machen sich Heerscharen von Ton-und Elektroingenieuren daran, möglichst gut "hörende" Freisprechanlagen und satte Lautsprecher für künftige Autogenerationen zu entwickeln. "Der Bass ist das größte Problem im Auto", erklärt Thoma. Schließlich wolle nicht jeder einen kofferraumfüllenden Subwoover mit sich fahren. Bei BMW werden die Bässe unter den Vordersitzen versteckt. "Als Resonanzkörper dient jeder erdenkliche Hohlraum."

Akustische Lösungen mit Hirn. Die Geräuschforschung geht inzwischen jedoch auch gänzlich andere Wege - so wie bei Maria Fellner, die bei Joanneum Research in Graz arbeitet. Ihre Forschungsgruppe "Intelligente Akustische Lösungen" bedient sich wieder der ursprünglichen Aufgabe des Ohres, nämlich Warnsignale zu empfangen. "Das akustische Monitoring wird noch sehr unterschätzt", sagt sie. Aus den Fahr-und Motorgeräuschen eines LKW sei man durchaus in der Lage, genau auf den Typ des Fahrzeugs zu schließen. Für die künftige Mauterfassung, die sich nach dem Schadstoffausstoß des LKW richten soll, wäre die Geräuschkulisse ein ideales Erfassungssystem.

Aktuell entwickeln die Grazer ein akustisches Tunnelüberwachungssystem. Im Plabutschtunnel in Graz werden Mikrofone installiert, die jedes Geräusch wahrnehmen. Ein Rechner analysiert, ob sie normale Fahrgeräusche wiedergeben oder etwas Außergewöhnliches passiert. "So lassen sich zum Beispiel Schreie oder Unfälle in Echtzeit erkennen", sagt Fellner. Die gewöhnlich eingesetzten Rauchmelder brauchen mehr Zeit, um das sich erst entwickelnde Feuer zu registrieren - damit verzögern sich auch die Rettungsaktionen. Die nächsten Monate wird das System noch getestet, bis es in die Serienentwicklung gehen kann.

Das Knacken der Bockwurst. Die intensivsten Geräusche produziert der Mensch übrigens in sich selbst. "Haben Sie schon einmal neben einer Baustelle etwas gegessen? Sie werden sich selber kauen hören", behauptet der Soundexperte für jeden Ton, Friedrich Blutner. Aus purer Neugier testete er, welchen Einfluss das Kauen auf den Geschmack hat. Er ließ Bockwürste mit unterschiedlich knackenden Häuten überziehen und von Versuchspersonen testen. Das Ergebnis war mehr als eindeutig: Der Knack macht den Geschmack.

"Die Wahrnehmungsqualität wird ganz wesentlich vom Ohr beeinflusst", erklärt Blutner. Den Biss in die Knackwurst hat er mit einer akustischen Kamera aufnehmen lassen: Ein globusartiger Aufbau aus 32 Mikrofonen, zusammengeschlossen mit einer Fotokamera, ermittelt ganz genau, wann welches Geräusch einsetzt. Zuerst durchstieß der Oberkiefer das Häutchen, und erst fünf bis sechs Millisekunden später folgte der Unterkiefer.

"Allerdings", so schränkt Blutner ein, "hat das Gehör auch etwas mit Erfahrung zu tun". So suchte er ein paar hoch trainierte Akustiker zusammen, die kein Bier trinken - "keine leichte Angelegenheit" - und spielte ihnen den eingangs erwähnten Werbespot vor. Das Resultat: Sie konnten mit dem Einschankgeräusch nichts anfangen. Der passionierte Biertrinker hingegen kann übrigens auch als akustischer Vollignorant die feinsten Nuancen wahrnehmen.

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