Jazz nur selten

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 1/06 vom 02.11.2006

Er sei eigentlich ein konventioneller Musikhistoriker, sagt Ludwig Finscher. Mag sein. Dafür ist er einer der Weltbesten. Die Balzanstiftung fand gar: der Beste. Ein Hausbesuch beim Preisträger.

Die frohe Botschaft. "Das ist die Balzan-Familie", sagt Ludwig Finscher, lacht und zeigt auf eine Ansammlung von weißen Stofftieren. Auf dem Treppenabsatz seines Hauses im niedersächsischen Wolfenbüttel liegen vier knuddelige Eisbären, große und kleine, innig aufeinander. "Wir mussten etwas Verrücktes tun, da haben wir uns die Stofftiere gekauft", erklärt seine Frau. Es flattert einem ja nicht alle Tage eine Million Schweizer Franken ins Haus.

Ludwig Finscher ist kein Lottospieler, sondern Musikhistoriker. Dass er für sein Lebenswerk den Balzanpreis erhält, erfuhren die Finschers auf der Autobahn durch den Anruf eines Journalisten. Umgerechnet sind das rund 630.000 Euro und so etwas wie der Nobelpreis in den Geisteswissenschaften. "Ich musste das meiner Frau, die fuhr, schonend beibringen. Bei 180 Stundenkilometer geht so was leicht ins Auge", erinnert sich Finscher an diesen Moment im September. "Erst einmal waren wir wie betäubt, das ist doch etwas überdimensional."

Am 24. November wird ihm der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano in Rom den Preis in der Kategorie Musikgeschichte ab 1600 überreichen. Der Balzanpreis wird in insgesamt vier jährlich wechselnden Kategorien verliehen, je zwei für die Geistes-und Sozialwissenschaften und zwei für die Naturwissenschaften.

Alex, der weiße Pudel, freut sich sehr über den Besucher. Zu sehr. Wir ziehen uns ins Dachgeschoß zurück. Hier, in Finschers Arbeitsklause, ist alles funktional und einfach eingerichtet. Unter der einen Dachschräge befinden sich regalweise Partituren, unter der anderen über 2000 CDs. Ein Klavier fehlt.

Begreifen, was ergreift. Ludwig Finscher spielt kein Instrument. Wegen eines Geburtsfehlers sind die Finger seiner rechten Hand nicht voll ausgebildet. "Ich habe das nie als Mangel empfunden, und dennoch - bewusst oder unbewusst - versucht zu beseitigen, indem ich unendlich viel gehört habe." Schon als Kind sei er stundenlang am Radio oder am Plattenspieler gehangen. "Ich habe mich gewundert, wie mich das emotional berührt und bin dann neugierig geworden. Ich weiß, das klingt furchtbar abgedroschen, aber ich wollte begreifen, was mich ergreift."

Herausgekommen ist eine Bilderbuchkarriere als Musikhistoriker mit langjährigen Professuren in Frankfurt am Main und Heidelberg. Aber macht dieses sezierende Hören das Erlebnis nicht kaputt? "Im Gegenteil, je genauer man die Sachen hört, desto mehr entdeckt man." Forschung ist für Finscher der Weg zum verfeinerten Genuss. "Das ist ja das Tolle an dem Fach."

Seine Expertise ist denkbar breit und reicht von den Messen des 15. Jahrhunderts über die klassische Kammermusik bis zu Paul Hindemith. Und was genießt er mit Vorliebe? Haydn und Mozart. Pop und Rock hört er nicht, Jazz nur selten, aber "mit Vergnügen". "Im Grunde bin ich ein konventioneller Musikhistoriker", sagt Finscher. Ausgangspunkt sei stets das musikalische Gebilde als Kunstwerk.

Doppelte Kontextualisierung. Altmodisch ist Finscher als Wissenschaftler aber nicht, denn er versucht stets, das einzelne Werk zu kontextualisieren und zwar in einem doppelten Sinne. Zum einen stellt er es in einen musikalischen Zusammenhang. Finscher interessiert sich für Gattungsfragen und hat etwa ein Standardwerk über das Streichquartett geschrieben. Wie entsteht eine Gattung, wie verändert sie sich, was bleibt konstant? Wenn Finscher ein Stück hört, hört er andere im Hinterkopf und vergleicht beständig. Zum anderen interessieren ihn historische Zusammenhänge. Auch die Musikgeschichte ist längst ins kulturwissenschaftliche Fahrwasser geraten und fragt nach der Entstehung des Publikumsgeschmacks und den ökonomischen Bedingungen, unter denen Haydn und Co komponierten.

Für einen deutschen Akademiker spricht und schreibt Finscher bemerkenswert schnörkellos. Für seine Vorlesungen genügten ihm Stichworte. "Ich formuliere schnell, auch beim Schreiben." Von 1955 bis 1960 hat Finscher als Musikjournalist gearbeitet. "Das war eine gute Schule." Heute ist Finscher 76 Jahre alt, die Neugierde hat er nicht verloren. "Wenn irgendetwas auf CD erscheint, was mich interessiert, muss ich das sofort kaufen."

Vor uns auf dem Tisch stapeln sich an die hundert ungehörte Scheiben. "Musik ist ja leider sehr zeitintensiv. Wenn man das nur komprimieren könnte!" Aber ein Springen von Satz zu Satz gibt es bei Finscher nicht. Er hört durch, immer mit dem Schreibblock oder der Partitur in der Hand, in die ebenfalls hineingeschrieben wird. Bis zu vier Stunden am Tag - wenn es die "MGG" erlaubt.

Finscher ist Herausgeber der Neuauflage des monumentalen Lexikons "Die Musik in Geschichte und Gegenwart". 25 Bände mit jeweils etwa 800 Seiten sind seit 1994 erschienen. Die Ziegel kosten über 200 Euro pro Band und doch gibt es 5000 Subskribenten, davon 3500 private. "Das Bildungsbürgertum ist noch nicht ausgestorben."

Die Arbeit geht weiter. Der Balzanpreis kam zur rechten Zeit, schmunzelt Finscher, denn wenn im nächsten Frühjahr der 27. und letzte Band der "MGG" erscheint, wäre ihm ja die Arbeit ausgegangen. Es ist nämlich eine Auflage der Balzanstiftung, die Hälfte des Preisgeldes Nachwuchswissenschaftlern zur Verfügung zu stellen. Ein entsprechendes Forschungsprojekt war schnell ersonnen: Es wird um die wenig untersuchte Gattung der Triosonate gehen, die zwischen 1650 und 1750 en vogue war. Für die beiden Nachwuchsstellen musste Finscher, seit 1995 emeritiert, auf Institutssuche gehen. Fündig wurde er an der Universität Zürich. "Wenn das klappt, werde ich den für mich revolutionären Schritt tun, mir E-Mail zuzulegen", kündigt Finscher an. Und lacht.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige