Der globale Stadl

Sabina Auckenthaler | aus HEUREKA 1/06 vom 02.11.2006

Ein internationales Team von Kulturwissenschaftlern hat das Phänomen "Musikantenstadl" erforscht und einige Vorurteile gegenüber der Sendung abgelegt.

Volkstümliche Volksverdummung? All jene, die gehofft hatten, mit dem Abschied Karl Moiks vom "Musikantenstadl" hätte das große Schunkeln ein Ende, sind bitter enttäuscht worden. Der erste "Stadl" mit dem neuen Moderator Andy Borg im September war ein voller Erfolg: Moiks Nachfolger konnte 6,6 Millionen Deutsche, eine Million Österreicher und eine halbe Million Schweizer vor die Mattscheibe locken. Ein Quotenhit ist die Sendung bereits seit der ersten Ausstrahlung im Jahr 1981. Und selbst wer den "Musikantenstadl" noch nie gesehen hat, weiß, wovon die Rede ist.

Was ist das Erfolgsgeheimnis dieses Phänomens? Zwei Jahre lang hat ein Team unter der Leitung des Wiener Sozial-und Kulturanthropologen Andre Gingrich hinter die Kulissen der Sendung geblickt, die Fernsehaufzeichnungen teilnehmend beobachtet und das Publikum analysiert. Ihre gerade erschienene Studie "Der Musikantenstadl. Alpine Populärkultur im fremden Blick" versucht einige Antworten zu geben. Dabei wurden auch eigene Vorurteile relativiert.

Gegensätzliche Globalisierung. Am meisten überraschte Gingrich, dass der "Stadl" keineswegs von Chauvinismus und Nationalismus dominiert sei. Im Gegenteil: "Nationale und Staatsgrenzen wurden in der zentral-und ostalpinen Großregion tendenziell ignoriert." Zudem habe durch die "Auslandsstadln" in den Achtziger-und Neunzigerjahren das vorwiegend konservative Publikum auch eine internationale Öffnung erfahren, weshalb Gingrich dem "Musikantenstadl" sogar eine globale Dimension attestiert. Susanne Binder und Gebhard Fartacek wiederum, die Herausgeber der Studie, sehen im Auftritt von Karl Moik beim Auslandsstadl in Dubai 2001 "in Ölscheichkleidung" eine Überschreitung österreichischer Stereotype.

An anderer Stelle wiederum argumentieren die Autoren, dass sich der "Stadl" gerade als abwehrende Reaktion auf die Globalisierung lesen lässt. Im "Musikantenstadl" würden genau jene Werte hochgehalten, die häufig als gefährdet gelten: Sicherheit, Hilfsbereitschaft, Gemütlichkeit, Geborgenheit, Heimatverbundenheit und nicht zuletzt Pflichterfüllung. Dem ritualisierten Ablauf der Show vor dem Fernseher zu folgen, bedeute somit für viele eine "Auszeit".

Dass die Autoren dem "Stadl" eine gesellschaftlich "konservierende" Funktion zuschreiben, überrascht demnach nicht, genauso wenig wie die Analyse der Publikumsstruktur. Vor allem die ländliche Bevölkerung, die bürgerliche Mitte und jene Gruppen, die an traditionellen Werten hängen, verfolgen das Musikspektakel. Mit über siebzig Prozent Publikumsanteil sind es vor allem die über Fünfzigjährigen und mit einem Verhältnis von sechzig zu vierzig eindeutig mehr Frauen als Männer.

Ethnologische Entdämonisierung. Im Rahmen des Forschungsprojekts versuchte man aber auch, einen buchstäblich "fremden Blick" auf den "Stadl" zu werfen. Man spannte Forscher aus unterschiedlichen Fachrichtungen zusammen und gewann mit der in der Türkei aufgewachsenen Soziologin Zeynep Baraz und der rumänischen Kunstphilosophin Madalina Diaconu zwei fremde Beobachterinnen, die sich Moik und Co wie einem eingeborenen Stamm näherten.

Aus dieser Perspektive der Distanz konnte Diaconu nur schwer nachvollziehen, warum der "Stadl" derart polarisiert und gerade für Intellektuelle "das Böse" schlechthin verkörpere. Die heftigen Reaktionen der "Stadl"-Gegner interpretiert sie polemisch als "provinzialistischen Narzissmus" und spricht sich dafür aus, den "Stadl" zu "entdämonisieren".

Und wer befürchtet, es sei ein völlig falsches Bild von den Österreichern in die Welt getragen worden, den kann Diaconu beruhigen: "In Rumänien kennt den ,Musikantenstadl' bis auf die dort lebende deutsche Minderheit eigentlich niemand."

Literatur

Susanne Binder und Gebhard Fartacek (Hg.): Der Musikantenstadl: Alpine Populärkultur im fremden Blick. Münster u.a. 2006 (LIT-Verlag). 288 S., E 30,40

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