Der Geist in der Maschine

aus HEUREKA 2/06 vom 13.12.2006

Wie die neuen Medien auch die Soft Sciences verändern

Dank der Datenbank. Das Pergament P.Vindob. G 3082 ist nur ein dünner Streifen, gerade mal zwei Zentimeter breit und 15 Zentimeter lang. Da sind pro Zeile jeweils nur ein paar griechische Buchstaben zu erkennen, nicht mal ganze Worte. Die Schreibweise deutet darauf hin, dass es sich um einen literarischen und nicht um einen Alltagstext handelt. Noch vor einigen Jahren wäre dieser antike Papierschnipsel ein hoffnungsloser Fall gewesen, heute ist er in wenigen Minuten identifiziert. Die Abfolge der Buchstaben wird in die Datenbank Thesaurus Linguae Graecae eingegeben, in der die literarischen Werke der griechischen Antike versammelt sind.

Und Bingo! Es ist ein Bruchstück aus einer Homilie von Amphilochios von Ikonion. Das bisher einzige bekannte antike Textzeugnis des griechischen Kirchenvaters wurde in Wien "entdeckt". "Die neuen Medien haben unsere Disziplin in den letzten zwei Jahrzehnten revolutioniert", sagt der Wiener Papyrologe Bernhard Palme. Die mühsame Suche nach Parallelstellen - wo wurde der Name eines Statthalters schon einmal genannt? -, also das wochenlange Wälzen von Büchern samt Indexen gehört der Vergangenheit an.

Durch die Digitalisierung lassen sich ganz andere Fragen stellen, sagt die Lexikografin Eveline Wandl-Vogt, Mitarbeiterin an "Wörterbuch und Datenbank der bairischen Mundarten in Österreich" der Akademie der Wissenschaften. Quantitative Fragen etwa: So kann man in der Datenbank die Belegzahlen für einen bestimmten Ausdruck erheben, um zu sehen, ob dieser im Aussterben begriffen ist. Oder wortgeografische Fragen: Wo sagt man zur Ziehharmonika "Aukenbalg", wo "Puden" und wo "Tätschker"? Die Datenbank soll in Zukunft auch gleich noch die entsprechende Sprachkarte mit dazu erstellen.

Das Archiv im Rechner. Freilich, Geisteswissenschaft reimt sich in der öffentlichen Wahrnehmung nicht mit Hightech und neuen Medien. Bei einem Historiker oder einer Germanistin denkt man immer noch an Gelehrte, die im staubigen Archiv oder in der schummrigen Bibliothek ihr papierfixiertes Dasein fristen. Dabei verbringen längst auch viele Geisteswissenschaftler die meiste Zeit vor dem Rechner. Bei ihnen läuft vieles analog zu den Naturwissenschaften: Die Kommunikation beschleunigt sich, und es entstehen neue, vermehrt interdisziplinäre und international vernetzte Communities. Die Gegenstände werden digitalisiert, wobei sich zu den Volltexteditionen zunehmend auch Bilddatenbanken gesellen. Gerade die Objektwissenschaften wie die Kunstgeschichte haben längst deren Potenzial erkannt. Ein bestimmter Typus eines Gefäßes oder Statuen römischer Kaiser - immer häufiger auch in 3-D - sind nur einen Mausklick entfernt.

Feldwissenschaften wie die Archäologie sind ohnehin schon längst zu einer stark technikgestützten Wissenschaft geworden. An den Grabungsstellen werden Funde mittels Laser millimetergenau "eingemessen". Scherben und Knochen kommen ins Plastiksackerl, das mit Barcodes etikettiert wird. Spezielle Archäologiesoftware setzt diese Positionsdaten in dreidimensionale Profile um und lässt neue Rückschlüsse auf die Bedeutung der Feuerstelle oder die Konstruktion des römischen Tempels zu.

Nachholbedarf. Trotz aller digitalen Aufrüs?tung in einigen Disziplinen gibt es aber im Vergleich zu den Naturwissenschaften doch noch einen erheblichen Nachholbedarf, etwa was das Publizieren in E-Journals angeht (siehe hierzu S. 14-16). Es braucht wohl noch mehr Missionare wie Wolfgang Schmale, der sich vor allem im Bereich des E-Learnings Meriten erworben hat. "Auf ins Netz!", ruft der Wiener Historiker seinen Kollegen schon seit Jahren zu.

Von den zahllosen Websites mit historischen Inhalten stamme nämlich nur ein kleiner Teil von professionellen Historikern und viele seien mitunter grausig schlecht oder ideologisch jenseitig. Hier müsse man aber virtuell Flagge zeigen, so Schmale. Einzelne Disziplinen lancieren über ihre Mailinglisten Aufrufe, die Wikipedia-Artikel aus dem eigenen Bereich selbst zu schreiben bzw. zu überarbeiten.

Transparenzeffekt. Die starke Präsenz vieler Hobbyhistoriker im Netz mag man als Demokratisierung des Wissens begrüßen oder als Bedrohung der Qualität monieren. Jedenfalls bietet sich im virtuellen Raum eine noch wenig wahrgenommene Chance für die Geisteswissenschaften, ein breites Publikum zu erreichen. Zugriffsraten auf Online-Dialektwörterbücher etwa sind, wenig überraschend, ungleich höher als die Nachfrage nach den gedruckten Versionen, weiß Eveline Wandl-Vogt.

Die wissenschaftliche Arbeit werde auch transparenter, so die Dialektforscherin: "Wir haben insgesamt vier Millionen Belege. Die werden natürlich nicht alle im Dialektwörterbuch publiziert, aber in unsere Datenbank eingegeben." Dadurch werde das Auswahlverfahren, also welche Belege ins Wörterbuch kommen, welche nicht, nachvollziehbar und damit auch kritisierbar.

Diese Verbreiterung wirkt auch in die Wissenschaft hinein. Selbstgefällige Direktoren von Papyrossammlungen können sich nicht länger als alleinige Herrscher über ihren papiernen Schatz aufführen und nur nach Gutdünken anderen Forschern Zutritt gewähren. Der Druck wächst, und mehr und mehr werden auch die Papyri selbst eingescannt und auf CDs gepresst oder ins Netz gestellt. Dann muss man sie nur noch lesen können.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige