"Ich bin fast immer online"

aus HEUREKA 2/06 vom 13.12.2006

Und wie halten Sie es mit E-Mails, Voice over IP, Spams und E-Learning? "heureka!" hat fünf Wissenschaftler gefragt, wie die neuen Kommunikationstechnologien ihren Alltag, ihre Lehre und ihre Forschung verändert haben.

Die Informatikerin. Ich befinde mich gerade am Hauptbahnhof in Linz und warte auf meinen Zug nach Innsbruck. Dank der Linzer Hotspot Initiative und meines kleinen genialen Notebooks habe ich eben meine neuen Mails abgerufen. Ich bin fast immer online, nachts liegt mein Notebook sogar neben dem Bett. Pro Tag erhalte ich über 300 E-Mails, davon wird der Großteil als Spam aussortiert, sodass im Schnitt dreißig bis vierzig übrigbleiben, die ich lesen muss. Über den Tag verteilt dauert ihre Lektüre und Beantwortung rund zwei Stunden.

Schon vor rund zehn Jahren habe ich meinen Papierkalender auf einen elektronischen Organizer umgestellt - ein wundervoller Psion, der heute noch lebt - und bin seit dem Tag der Umstellung nie mehr zur Papierversion zurückgekehrt. Daneben nütze ich natürlich auch die Vorzüge des Mobiltelefons, von Internettelefonie, Videokonferenzen und Instant Messaging. Und mein Papier-Zeitungsabo beziehe ich auch schon seit geraumer Zeit elektronisch.

Die neuen Informations-und Kommunikationstechnologien erlauben mir auch, meine familiären Bande besser zu pflegen. Und so manche Freundschaften kann ich wenigstens digital weiterführen. Meine beruflichen Aufgaben könnte ich ohne die digitale Verbundenheit ohnehin nicht erfüllen, die mich viel effizienter gemacht hat. So habe ich gerade die Wartezeit auf den Zug dafür genützt, diesen Text zu schreiben.

Die Wirtschaftspsychologin. Ich bin durch die neuen Technologien in meinem wissenschaftlichen Arbeiten zwar nicht unbedingt produktiver, aber sicher effizienter geworden. Informationen werden einfach schneller ausgetauscht, was sowohl die Lehre wie auch die Forschung tagesaktueller macht. Andererseits geht durch die häufigen Updates und Archivierungen einiges an Produktivität verloren.

Wissenschaftliche Nachrichten empfange ich über Newsletter oder den SAGE RSS Feeder. Wenn ich selbst Beiträge für Konferenzen oder Fachzeitschriften einreiche, dann passiert das entweder per E-Mail oder gleich als upload direkt ins Internet. Der Vorteil dabei ist, dass ich bei solchen Zeitschriften auch über den Stand des Peer-Review-Prozesses informiert bin.

Im Alltag verwende ich das Übliche: Voice over IP (Skype) zur Pflege internationaler Kontakte, SMS am Handy, auf dem ich meine E-Mails auch außerhalb des Arbeitsplatzes abrufen kann. An der Universität nütze ich Community-Plattformen bzw. Methoden des E-Learnings, denn im Unterricht geht es kaum mehr ohne "Live"-Internet.

Die Digitalisierung hat natürlich auch einen Einfluss auf die wissenschaftliche Produktion, sowohl bei mir als auch bei den Studierenden. Sie führt zum einen dazu, dass einfach erhältliches Material aus dem Internet anstelle der klassischen Medien bevorzugt wird, was zu gewissen Verzerrungen führt. Dadurch steigt auch die Wahrscheinlichkeit von Plagiaten bei Seminar-und Diplomarbeiten.

Der Prähistoriker.Wieder einmal ist es zwei Uhr früh geworden. Aber das Kapitel ist fertig und der kurze Beitrag für science.orf.at online gestellt. Aber oje, da sind ja fünf neue Mails. Uff, hab ich doch erst um 20 Uhr alle meine Mails gelesen, mehr als fünfzig oder sechzig. Naja, ich war halt zwei Tage nicht am Institut bzw. in meinem Büro, und mit meinem Handy kann ich die Mails nicht gut öffnen. Früher waren auch noch die vielen Spams, das hat die Uni ja zum Glück in den Griff bekommen. Ja, was mache ich jetzt? Soll ich die fünf Mails noch öffnen oder nicht? Ja, nein, das verflixte Pflichtgefühl - oder ist es nicht doch die Neugier?

Wer ist denn auch noch so ein Narr und um die Zeit an der Uni? In zwei E-Mails von Kollegen geht es um ein Treffen im Dekanat, an dem beide nicht teilnehmen können. Wunderbar für mich, weil ich wegen des kurzfristig einberufenen und nun wohl wieder abgesagten Termins die vier Referenten und rund vierzig Studenten meiner Übung nicht versetzen muss. Wie war das doch noch vor zehn Jahren, als es nur briefliche Einladungen zwei Wochen vor allen Sitzungen gab. Man konnte die Studierenden in der Woche davor noch von den Absagen verständigen. Ja, es bleibt doch nicht alles gleich ...

Die nächsten beiden Mails - oh wie schön - sind Spams. Selten, aber doch, es gibt sie doch noch. Wunderbar, ruckzuck gelöscht. Ich kann abschalten und schlafen gehen (wo ist eigentlich das fünfte Mail geblieben?) Eine wahre Geschichte? Nicht ganz, es ist fast fünf Uhr früh. Bin ich froh, dass ich erst um neun Uhr einen Termin habe.

Die Lexikografin. Kein Sound zum Bürofrühstück. Die Lautsprecher sind nur online, wenn ich bewusst Töne hören möchte: Töne für Fehlermeldungen meiner Programmierschleifen und für Tonbeispiele verschiedener Dialekte. Ich arbeite nämlich am digitalisierten Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich (WBÖ) mit.

Während ich eine Tasse Tee trinke, gehe ich meine E-Post durch. Gibt es Anfragen?

Organisatorisches? Termine? Fragen zu unserer Wiki-Initiative? Kommunikation findet statt, und zwar ständig und über nationale und institutionelle Grenzen hinweg. Das ist vorteilhaft für eine (Jung-)Wissenschaftlerin und bei begrenztem Budget.

Der Spamfilter wurde nur zu Beginn kontrolliert; heute nur noch bei Fehlermeldungen. Ich selbst filtere beim Überfliegen der elektronischen Newsletter die konkretesten und spannendsten Nachrichten heraus. Bieten sie Ideen für neue Projekte? Informationen über relevante Entwicklungen, Tagungen, Publikationsmöglichkeiten? Links für unsere Homepage?

Ich mache ein paar Schritte, öffne das Fenster, atme durch, gieße die Pflanzen. Dann öffne ich auf dem rechten Bildschirm meine aktuelle Tustep-Belegdatei, auf der linken meine aktuelle für das WBÖ konfigurierte Word-Artikeldatei sowie eine Java-Benutzerleiste, krame die großteils handgeschriebenen, teilweise unleserlichen Unikate unseres vergilbten Zettelkatalogs und des Belegarchivs hervor und versinke einen weiteren Arbeitstag lang zwischen Buchstaben diesseits und Zahlen jenseits meiner Computerbildschirme.

Der Molekularbiologe. Der größte Teil der rund zwanzig bis dreißig E-Mails, die ich täglich erhalte, sind Newsletter. Ich schätze, ich habe so um die dreißig davon abonniert. Sie versorgen mich mit Inhaltsverzeichnissen gerade erschienener Fachzeitschriften, mit Neuigkeiten in Sachen Forschungsfinanzierung, aber auch mit Resultaten von Suchrobotern, die neue Fachliteratur elektronisch nach für meine Arbeit relevanten Informationen durchstöbern.

Mittlerweile sind viele andere Informationen in extrem leistungsstarken unentgeltlichen Datenbanken organisiert - vor allem für Organismen, deren Genom entschlüsselt worden ist. Unsere elektronische Bibel heißt FlyBase ( www.flybase.org), in der alle erdenklichen Daten zu den Genen der Fruchtfliege Drosophila zusammengestellt sind.

E-Mails ermöglichen mir auch, schnell an Versuchsmaterial zu kommen, konkret: Drosophila-Stämme mit spezifischen Genmutationen auszutauschen. Ich mag aber nicht immer mit der Geschwindigkeit des Mediums Schritt halten und verschiebe manchmal das Beantworten von E-Mails, die nicht dringend sind, bewusst auf einen späteren Zeitpunkt. Mit Anrufen auf meiner Handy-Mailbox halte ich es ähnlich.

Seitdem wir Computer an den Fliegenstationen haben, bin ich eigentlich konstant online. Damit können wir direkt die Daten aus den Onlinedatenbanken benutzen, was wiederum bedeutet, dass man heute auch als Molekularbiologe ziemlich viel am Computer sitzt. Und wenn man Daten auswertet, einen Artikel oder einen Projektantrag schreibt, dann verbringt man Wochen ausschließlich vor dem Computer.

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