Vergeudete Talente

Peter Illetschko | aus HEUREKA 2/06 vom 13.12.2006

In Österreichs IT-Szene hapert es an der Grundlagenforschung. Die angewandte Forschung zieht alle Talente und Gelder an sich. Wegweisende Innovationen bleiben daher Mangelware.

Fehlende Radikalität. "In der österreichischen Informationstechnologie gibt es zu wenige Forschertalente an den Universitäten, die in der Lage sind, ihr Gebiet neu zu definieren", beklagt der Salzburger Informatikprofessor Wolfgang Pree. Sprich: Es fehlt an IT-Experten, die Grundlagenforschung betreiben, also mit Erfindungsgeist und Kreativität radikal neue Technologien entwickeln. Es würden lediglich existierende Konzepte und Methoden verbessert.

Radikal neue Technologien? Ein Beispiel hat der international anerkannte Softwareexperte gleich parat: Das Time Triggered Protocol (TTP), das heute im Automobil-und Flugzeugbau Verwendung findet und elektronische Systeme in bestimmte Zeitfenster dirigiert, um ein Durcheinander und damit einen Crash des Verkehrsmittels zu verhindern. Zuletzt wurde das TTP unter anderem im Kabinendrucksystem des neuen Airbus 380 eingebaut.

Das TTP wird bei Bestandsaufnahmen der heimischen IKT-Forschungsszene gern als Erfolgsbeispiel genannt - für Pree das einzige, an das er sich erinnern kann: Entwickelt wurde es in den Neunzigerjahren an der TU Wien von Hermann Kopetz und seinem Team. Der Informatikprofessor gründete 1998 ein Unternehmen namens TTTech, um die Technologie auch vermarkten zu können. Seine Firma war zuletzt beständig in der Liste der 500 am schnellsten wachsenden europäischen Unternehmen.

Einsame Leuchten. Fragt man nach weiteren Protagonisten relevanter österreichischer IKT-Forschung, wird wieder die TU Wien genannt. Dort wird an der Verbesserung der dritten Mobilfunkgeneration UMTS gearbeitet, die von der vierten Mobilfunkgeneration OFDM abgelöst werden soll, die ein Vielfaches der Bandbreite von UMTS haben wird. Gottfried Magerl, Leiter des Instituts für Elektrische Mess-und Schaltungstechnik, koordiniert dieses internationale, vom sechsten EU-Rahmenprogramm mit acht Millionen Euro geförderte Netzwerkprojekt namens Target (Top Amplifier Groups in a European Team). Er gilt wie Kopetz in seinem Gebiet als Ausnahmeerscheinung der heimischen Szene.

Noch ein dritter TU-Professor, diesmal aus Graz, wird von internationalen Experten genannt, wenn man nach heimischen IT-Leuchten fragt. Reinhard Posch, Leiter des Instituts für Angewandte Informationsverarbeitung und wissenschaftlicher Kopf der österreichischen E-Government-Initiative, erarbeitet Verschlüsselungssysteme. Mit Vincent Rijmen hat er zudem einen Spitzenforscher nach Österreich geholt, der daran arbeitet, Technik sicherer zu machen. Der Kryptograf aus Belgien entwickelte vor einigen Jahren den Advanced Encryption Standard (AES), einen der modernsten Verschlüsselungsalgorithmen.

Dann gibt es noch den mittlerweile nach Oxford berufenen Wissenschaftler Georg Gottlob, Wittgenstein-Preisträger, früher ebenfalls TU Wien, der im Bereich der semantischen Systeme forscht, die genauer als jede Google-Suchmaschine aus großen Datenmengen bestimmte Informationen filtern.

Sorgen um den Nachwuchs. Damit seien aber auch alle "großen IKT-Forschertalente in Österreich" genannt, so Kenner der Szene - zumindest was die Grundlagenforschung an den Universitäten betrifft. Und diese rare Spezies zieht auch nur wenige qualifizierte Nachwuchswissenschaftler heran, sagt Erich Prem, Chef der IT-Strategieberatungs-und Förderagentur eutema. Manch ein Professor müsse sogar nach Rumänien gehen, um Nachwuchs zu akquirieren, weil hierzulande wesentlich mehr Studenten Geschichte oder Medienwissenschaften studieren als Informatik.

Mitschuld am Personalproblem dürften die fehlenden Perspektiven für junge Mitarbeiter an Unis sein. Man habe es an vielen Hochschulen verabsäumt, Strukturen für grundlagenorientiert arbeitende Forschergruppen aufzubauen, sagt Posch, der seine Grazer Arbeitssituation explizit ausnimmt. Er spricht von "Startfinanzierung", das heißt: "Kein Druck, ein für die Industrie verwertbares Ergebnis erzielen zu müssen." Für Posch darf Grundlagenforschung auch scheitern oder in interessante Papers münden. "Es muss nicht immer ein Nutzen für die Industrie rausschauen." Da es das aber in den seltensten Fällen gibt, arbeite man in der heimischen IKT-Grundlagenforschung zwangsläufig projektorientiert, vor allem seit die ersten großen EU-Fördertöpfe bereitstehen.

Um eine schlagkräftige Forschergruppe brauche es fünf bis zehn Jahre, sagen Experten. Meist ist es aufgrund der schwierigen Rahmenbedingungen allein dem Engagement des Gruppenleiters zu verdanken, wenn es gelingt. "Wenn dieser an eine andere Universität berufen wird, wird gleich der gesamte Forschungsschwerpunkt infrage gestellt", analysiert Prem. Auch ein Zeichen dafür, dass es an Strukturen fehlt, die IKT-Grundlagenarbeit voranzutreiben.

Erfolgreich angewandt. Im Umfeld der angewandten, industrienahen Forschung bringt man in Österreich auch international anerkannte Entwicklungen zustande: Tourismus-Buchungssysteme zum Beispiel, wie sie vom Wiener E-Commerce Competence Center (EC3) kommen, oder die Arbeit in den Labors von Philips am RFID-Chips (Radio Frequency Identification), der zur automatischen und berührungslosen Identifikation und Lokalisation von Gütern dient. Oder das Forschungszentrum Telekommunikation in Wien, Projektpartner von TU-Professor Magerl bei der Entwicklung des nächsten Mobilfunkstandards. Eine neues Förderprogramm zwingt die Kompetenzzentren mehr noch als bisher, sich der Anwendung, also der Auftragsforschung, zu widmen, um auf eigenen Füßen zu stehen - zum Teil machen sie das auch schon mit eigenen Verwertungsgesellschaften.

Am Geld könne es nicht liegen, glaubt Posch. Es komme auf eine bessere Verteilung des Kuchens an. Finanzielle Unterstützung komme derzeit von EU-Projekten (im kommenden siebten EU-Rahmenprogramm sollen insgesamt 9,1 Millionen Euro für IKT ausgeschöpft werden) oder von Firmenkooperationen. Wenn man aber mit einem börsenabhängigen Unternehmen kooperiere, könne man nur Verträge mit einer Laufzeit von maximal zwei bis drei Jahren erwarten, so Posch. "Wie soll man da hochqualifizierte Forscher an ein Institut binden?"

Softwareexperte Pree kritisiert hingegen die geringe Gründertätigkeit an den Universitäten. Um aber Patente in Unternehmen zu verwerten, wird dann vonseiten der Universität eingewandt, muss man diesen das "intellektuelle Eigentum" überlassen. Wer macht das schon gerne? Kritiker wiederum monieren den fehlenden Mut, mit guten Ideen in den Markt zu gehen. Förder-und Beratungsinstrumente gebe es ja.

Die Talentschlucker. Dass es an den Unis meist nur schlechtbezahlte Stellen gebe, verschärft für Prem das Problem. Der Weg ins Ausland oder in die anwendungsorientierte Forschung der heimischen Kompetenzzentren oder in den Österreich-Zweigstellen der Elektronik-Weltkonzerne Infineon, Philips oder Siemens (in der in Wien ansässigen Abteilung für Programm-und Softwareentwicklung, kurz PSE) sei daher vorgezeichnet. Alle drei Konzerne werben Uniabsolventen und Institutsmitarbeiter auf der Suche nach den besten Talenten ab. Zum Teil auf Basis von Kooperationsprogrammen mit den Universitäten. PSE beschäftigt immerhin 200 Mitarbeiter in der Technologieentwicklung, Infineon etwa 900.

Wer glaubt, dort langfristige Projekte umsetzen zu können, wird von hochfliegenden Forscherträumen aber schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Hier geht es um das Alltagsgeschäft, um rasche Ergebnisse. Schon manch ein Technologieentwickler hat in diesen Job trotz hoher Patentzahlen, die etwa von Infineon alljährlich gemeldet werden, falsche Erwartungen gesetzt.

Kaum eine Karriere illustriert die Misere der österreichischen IT-Szene besser als die des Programmierers Chrilly Donninger. Eine Unilaufbahn verfolgte Donninger aufgrund der verkrusteten Strukturen nicht. Nach dem Studium war er einige Jahre bei Siemens, wo seine Ideen ebenfalls keinen Widerhall fanden. Kreativität werde einem dort systematisch ausgetrieben, so Donninger. Seit 1999 lebt er nun im abgeschiedenen Waldviertler Hochland in einer 1000-Seelen-Gemeinde, wo er mit Hydra das derzeit wohl spielstärkste Schachprogramm weltweit entwickelt hat. Sein Geldgeber ist ein Scheich aus den Vereinigten Arabischen Emiraten.

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