Öffentliches Veröffentlichen

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 2/06 vom 13.12.2006

Die digitale Revolution verändert auch den wissenschaftlichen Publikationsmarkt. Immer mehr Wissenschaftler publizieren öffentlich zugänglich im Internet - und rütteln damit am Monopol der großen Wissenschaftsverlage.

Gewinne in Millionenhöhe. Soll noch einer sagen, die Verlage befänden sich in einer Krise. Zumindest den Branchenriesen im Bereich Wissenschaft geht es nach wie vor prächtig. Einer der größten von ihnen, Elsevier, machte im Jahr 2005 mit seinen 7300 Mitarbeitern einen Reingewinn von 655 Millionen Euro. Bei einem Umsatz von 2,1 Milliarden Euro entspricht das einer Rendite von 31 Prozent. "Solche Gewinne gibt es sonst nur im Drogen-und im Waffenhandel", meint Gerhard Fröhlich etwas sarkastisch. Der Wissenschaftsforscher von der Universität Linz ist einer der schärfsten österreichischen Kritiker des derzeitigen Publikationswesens.

Den fetten Kuchen dieses Markts, dessen Volumen die OECD auf rund zehn Milliarden US-Dollar schätzt, teilen sich einige wenige Monopolisten wie Elsevier oder Springer. Sieben von ihnen besitzen rund dreißig Prozent aller Zeitschriften und erzielen damit sechzig Prozent der Erlöse des gesamten wissenschaftlichen Zeitschriftenmarktes. Elsevier ist mit seinen mehr als 1700 Titeln - darunter so renommierte Journale wie Lancet oder Cell - im Bereich Naturwissenschaft, Technologie und Medizin überhaupt der Weltmarktführer.

Dieser gewaltige Markt ist in den vergangenen Jahren in den letzten Jahren in Bewegung geraten. Denn auf der einen Seite nahm die Kritik an der monopolartigen Stellung der Marktführer zu, unter anderem auch auf EU-Ebene durch eine vor wenigen Monaten veröffentlichte Studie. Auf der anderen Seite nahm ein David namens Open Access den Kampf mit den Goliaths der Branche auf.

Ökonomie des Zeitschriftenmarkts. Doch der Reihe nach. Wie kann es sein, dass die großen Wissenschaftsverlage so viel Geld machen? Dazu hilft ein Blick auf die Ökonomie des wissenschaftlichen Publikationswesens (siehe Grafik) - und auf seine fünf zentralen Akteure. Ganz oben stehen die wissenschaftlichen Verlage, die Zeitschriften verlegen und sich die von Universitäts-und Institutsbibliotheken (sie stellen über siebzig Prozent der Kundschaft) um meist teures Geld abkaufen lassen.

Der Inhalt der Zeitschriften, aber auch ihre Qualitätskontrolle durch Peer-Review kommt von den Forschern, die dafür im Normalfall kein oder nur ganz wenig Geld kriegen. Doch nicht nur das: Obwohl sie als Autoren, Herausgeber oder Begutachter den Hauptteil der Arbeit leisten, müssen sie alle Rechte an die Verlage abtreten. Die Zeitschriften beziehen die Forscher wiederum aus den Bibliotheken ihrer Institute bzw. Universitäten, die aufgrund der steigenden Kosten meist nur mehr einen Teil davon abonnieren können.

Die Mittel wiederum, aus denen sich Bibliotheken und die Wissenschaftler an den Universitäten finanzieren, kommen von der öffentlichen Hand und damit letztlich vom Steuerzahler. Doch zu den Erkenntnissen, die wir alle miteinander bezahlen, haben wir nur einen beschränkten Zugang - ähnlich wie die Wissenschaftler, die sie durch ihre Forschungen und ihr Peer-Review eigentlich erbracht haben. Im Grunde gibt es also eine doppelte "Verlagssubvention": Die Bibliotheken als öffentliche Einrichtungen müssen Veröffentlichungen einer bereits durch öffentliche Mittel finanzierten Forschung zu immer weiter steigenden Kosten von Verlagen "zurückkaufen".

Wie alles begann. Kein Wunder also, dass sich deshalb eine Gegenbewegung formiert hat, die in ihren Anfängen noch belächelt wurde, mittlerweile aber doch über so viel Potenzial verfügt, dass sie das Publikationssystem nachhaltig verändern könnte: Open Access. Ihre Anfänge gehen auf den Beginn des Internet zurück. Und sowohl sein Vorläufer, das ARPANET, wie auch das World Wide Web selbst, das 1989 an der europäischen Kernforschungsorganisation CERN begann, hatten im Grunde das Ziel, den wissenschaftlichen Datenaustausch innerhalb der Scientific Community und darüber hinaus zu vereinfachen.

Es dauerte nicht allzu lang, ehe einige Wissenschaftler begannen, ihre Publikationen im Netz frei zugänglich zu machen - zum Teil auf fachspezifischen Plattformen und unter Umgehung der etablierten Zeitschriften. Rund um das Jahr 2000 wurden dann erste gemeinnützige Verlage gegründet, die ganz auf offenen Zugang im Netz setzen wie BioMed Central (BMC) mit mittlerweile über hundert Zeitschriften oder die Public Library of Science (PLoS), die 2001 ins Leben gerufen wurde und seit Ende 2003 mehrere Fachpublikationen wie PLoS Biology, PLoS Medicine oder PLoS Genetics betreibt.

Die Open-Access-Bewegung verfügt mittlerweile aber auch über den Rückhalt bei den großen Forschungsfonds. Der Wellcome Trust in Großbritannien zum Beispiel, einer der wichtigsten Geldgeber für biomedizinische Grundlagenforschung weltweit, verlangt seit Ende 2005 von allen von ihm geförderten Wissenschaftlern, ihre Publikationen öffentlich zugänglich zu machen. Viele andere Forschungsförderer - so auch der österreichische Wissenschaftsfonds FWF - unterstützen ebenfalls Open-Access-Publikationen.

Zu guter Letzt liegen einige öffentliche Bekenntnisse vor wie die Budapest Open Access Initiative oder die Berliner Erklärung vom Oktober 2003. In Letzterer bekundeten nahezu alle wichtigen deutschen Forschungsinstitutionen - von der Deutschen Forschungsgemeinschaft bis zur Max-Planck-Gesellschaft - ihre Absicht, "das Internet als Instrument für eine globale Basis wissenschaftlicher Kenntnisse und geistiger Reflexion zu fördern". Und damit also auch den offenen Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen.

Drei offene Publikationsformen. Open Access ist aber nicht gleich Open Access. Grundsätzlich kann man zwischen drei verschiedenen Modellen unterscheiden, die unterschiedlich radikal die herkömmliche wissenschaftliche Veröffentlichungspraxis infrage stellen. Die auch für die großen wissenschaftlichen Verlage harmloseste, ja sogar: gewinnbringende Version ist es, wenn sich Autoren ihre Beiträge von den Zeitschriften nach Veröffentlichung "freikaufen" und als "Post-Prints" auf der eigenen Homepage oder auf anderen Portalen öffentlich zugänglich machen. Der Nachteil: bei den meisten Verlagen kostet die Freigabe Geld - pro Artikel zwischen 1500 und 3000 US-Dollar.

Dennoch haben viele Forscher auch in Österreich all ihre wissenschaftlichen Texte online gestellt, wie auch der Präsident des FWF, der Strukturbiologe und Chemiker Christoph Kratky oder der Linzer Wissenschaftsforscher Gerhard Fröhlich, der aber nur in solchen Zeitschriften publiziert, wo der "digitale Nachdruck" im Internet nichts kostet. An etlichen angloamerikanischen Universitäten hat diesen Job die Universitätsbibliothek übernommen, die die Publikationen der Uni-Mitarbeiter "freikauft" und auf einen Server stellt. An Österreichs Universitäten gibt es das noch nicht. Auch deshalb, weil es einfach keine zusätzlichen Mittel gibt, wie Bruno Bauer sagt, Leiter der Bibliothek der Medizinuniversität Wien und Open-Access-Experte unter den heimischen Universitätsbibliothekaren.

Die zweite Variante sind sogenannte Pre-Print-Server wie www.arxiv.net, auf die Wissenschaftler ihre "Working Papers" zur öffentlichen Diskussion stellen können. Meist tun sie das, bevor sie die Arbeit regulär bei einer Zeitschrift einreichen, um im Idealfall vorab noch Kommentare zu erhalten. Oder sie veröffentlichen die Arbeit dort gleich endgültig, wie das der russische Mathematiker Grigori Perelman 2002 mit seiner Lösung der sogenannten Poincaré-Hypothese getan hat. Diese Arbeit brachte ihm heuer die Fields-Medaille ein, den wichtigsten Mathematikpreis überhaupt, die Perelman, als erster Preisträger überhaupt, ablehnte.

Die dritte Form von Open Access sind schließlich Publikationen in frei zugänglichen Zeitschriften wie den bereits genannten Journale der Public Library of Science (PLoS), von denen wohl die größte Gefahr für die kommerziellen Verlage ausgeht. Frei zugänglich heißt dabei aber noch lange nicht, dass bei diesen Zeitschriften alles gratis wäre, denn schließlich kostet es ja auch etwas, für ein Begutachtungsverfahren zu sorgen, die Artikel zu layouten und sie ins Netz zu stellen. Die Kosten übernimmt dabei freilich zumeist direkt der Autor - oder eben die Universität oder der Fonds, der seine Arbeit finanziert. Und sie betragen im Normalfall etwa so viel wie der Freikauf eines Artikel für die Selbstarchivierung - bei PLoS zurzeit 2500 US-Dollar.

Best Practice. Wie aber funktioniert so eine Open-Access-Zeitschrift wirklich? Eines der erfolgreichsten Beispiele ist das Journal Atmospheric Chemistry and Physics (ACP), das seit 2001 von rund fünfzig Experten - unter anderem dem Chemienobelpreisträger Paul Crutzen - herausgegeben wird. Das Besondere daran lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Das ACP nützt das Internet für den Begutachtungsprozess, an dem deshalb die gesamte Scientific Community dieses Forschungsbereichs teilnehmen kann (siehe Grafik).

Nach dem Einreichen einer Publikation geht der Text an den Herausgeber, der ihn an zwei Reviewer weiterschickt, die den Text erstbegutachten. Mit ihren Kommentaren versehen, steht der Text dann als Diskussionspapier acht Wochen lang im öffentlichen Begutachtungsforum, in dem sich alle Interessierten einschließlich des Autors selbst äußern können. Am Ende überarbeitet er den Artikel nach den eingegangenen Vorschlägen, ehe der Text zur Publikation endgültig freigegeben wird.

Dieser neue Publikationsprozess unter Ausschluss etablierter Verlage hat - zumindest in den Augen der Herausgeber - nur Vorteile: Erstens werden nur gute Beiträge eingereicht, weil sie vor den Augen der gesamten Fachöffentlichkeit bestehen müssen, zweitens ist der Begutachtungsprozess völlig transparent, drittens werden nur zehn Prozent der Beiträge abgelehnt, viertens ist der Impact-Factor der Zeitschrift trotzdem sehr hoch. Und fünftens schließlich hat die Zeitschrift mit ihren neuen Schwesterjournalen in der Zwischenzeit sogar zehn Arbeitsplätze geschaffen.

Und die Zukunft? Trotz dieses erfolgreichen Modells sind die Open-Access-Zeitschriften noch eindeutig in der Minderheit und stellen noch keine echte Gefahr für die Verlagsriesen dar. Gleichwohl beobachten die großen Verlage und die wichtigen Wissenschaftszeitschriften alle einschlägigen Entwicklungen mit Argusaugen - und beginnen selbst damit zu experimentieren. So stellte das Wissenschaftsmagazin Nature im Sommer eingereichte Arbeiten vor Veröffentlichung ins Netz, wenn die Autoren damit einverstanden waren. Die eigentliche Begutachtung verblieb gleichwohl bei anonymen Experten.

Aus österreichischer Bibliotheksperspektive ist man - vor allem aus finanziellen Gründen - pragmatisch. "Es ist klar, dass wir uns in einer Übergangsphase befinden", sagt Bruno Bauer, Bibliothekar der Medizinuniversität Wien. Aber noch sei Open Access noch nicht so weit, um zu einem Systemwechsel zu führen. "Diese neuen Zeitschriften kosten eben auch Geld und belasten die Bibliotheksbudgets zusätzlich. Und je mehr die Wissenschaftler darin publizieren, desto teurer wird es." So teuer, dass einzelne Forschungseinrichtungen wie die Charité in Berlin in der Zwischenzeit schon wieder aus den Verträgen mit Open-Access-Verlagen ausgestiegen sind.

Linktipps

Das beste Open-Access-Weblog:

www.earlham.edu/~peters/fos/fosblog.html

Wie viel Journale kosten:

www.journalprices.com

www.econ.ucsb.edu/%7Etedb/Journals/jpricing.html

LINKTipps

Das beste Open-Access-Weblog:

www.earlham.edu/~peters/fos/fosblog.html

Wie viel Journale kosten:

www.journalprices.com

www.econ.ucsb.edu/%7Etedb/Journals/jpricing.html

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