Visite mit Laptop

Edda Grabar | aus HEUREKA 2/06 vom 13.12.2006

Diagnosen via Handy, radiologische Diagnosen quer über den Globus und OPs als Videokonferenzen - die Digitalisierung der Medizin ist in vollem Gange. Das Herzstück eines vernetzten Gesundheitssystems aber soll die unscheinbare e-Card werden.

Nachtfalken. Die Zukunft der Medizin ist multimedial, sagt man. Falsch: Die Zukunft ist längst Gegenwart. Was noch vor Jahren als futuristisches Szenario ausgemalt wurde, ist vielerorts bereits medizinischer Alltag. So schicken viele kleinere und mittlere US-Spitäler ihre Computertomografie-Bilder am Abend per E-Mail nach Indien und Australien. Dort analysieren Experten, die man in den USA "Nachtfalken" nennt, die Aufnahmen - bei sich, am Tage. Wenn die Ärzte in den USA am nächsten Morgen ihren Computer anschalten, sind die Befunde bereits in ihrer Mailbox. Globale Arbeitsteilung in Reinkultur.

Das aber funktioniert nicht nur im Land der unbegrenzten Möglichkeiten: Wem hierzulande ein Pigmentfleck auf der Haut verdächtig vorkommt, der kann sich mit einem Handyfoto dieses Pigmentflecks an die Ärzte der Uniklinik Graz wenden. "Die Dermatologie ist geradezu prädestiniert für bildgebende Diagnostikverfahren", sagt der verantwortliche Hautarzt Peter Soyer. Die Treffsicherheit der Ferndiagnosen liege den Studien zufolge bei über neunzig Prozent.

In der Mund-, Kiefer-und Gesichtschirurgie des Kölner Uniklinikums in Deutschland heißt die Zukunft Julius. Dort hängt im OP-Saal längst kein Röntgenbild mehr am Leuchtkasten - stattdessen sieht man Hochleistungscomputer, wohin das Auge blickt. Über dem Operationstisch ist ein Schwenkarm samt transparentem Monitor angebracht, der über das Gesicht des Patienten geschoben wird. Die Software Julius zerlegt die Röntgen-und Kernspinaufnahmen in Bits und Bytes und verwandelt sie in Sekundenschnelle in dreidimensionale Bilder des Schädels. "Mithilfe der 3-D-Darstellungen lässt sich der Kiefer exakt modellieren und passgenau konstruieren", erklärt Jörg Neugebauer, Kieferchirurg aus Köln. Ein GPS für Chirurgen liefert virtuelle Schnittvorlagen.

Alles in einer. Telemedizin und Navigationshilfen für die OP sind in der Medizin nur die sichtbare Spitze des "digitalen Eisbergs". Weniger spektakulär, aber umso grundlegender ist das, was sich unterhalb der Oberfläche tut. Alles, was zur Krankengeschichte gehört, soll digital erfasst und elektronisch gespeichert werden. Krankenhäuser kommunizieren per Datenaustausch mit den niedergelassenen Kollegen, und die wiederum mit den Versicherungsträgern und den Apotheken.

"Bei einem so sensiblen Bereich wie der Gesundheit geht das freilich nicht von heute auf morgen. Schon im Vorhinein müssen alle denkbaren Fehler und Sicherheitslücken ausgeschlossen werden", sagt Karl Peter Pfeiffer, Spezialist für Gesundheits-wie IT-Fragen am Institut für Medizinische Statistik und Informatik der Uniklinik Innsbruck und Leiter der staatlichen Arbeitsgruppe ehealth.

"Die Grundlage für ein vernetztes Gesundheitssystem ist die e-Card", erklärt Pfeiffer. Die Krankenversicherungskarte, die seit zwei Jahren bereits den Eintritt ins Behandlungszimmer gewährt, soll zum universellen Speicher aller relevanten medizinischen Daten ihrer Inhaber werden.

Selbstbestimmung. "Sobald der Patient die e-Card in ein Lesegerät steckt, hat er über eine Internetseite auf alle Daten Zugriff", erklärt Thomas Schabetsberger von der privaten Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik (UMIT) in Hall in Tirol. Er ist der Leiter von health@net, nach Ansicht von Pfeiffer eines der "ambitioniertesten Projekte" im digitalen Gesundheitswesen. Alle Daten werden weiter am Ort ihrer Erstellung abgespeichert: Das Röntgenbild in der Radiologie, der Entlassungsbrief im Krankenhaus, die Diagnosen des Hausarztes auf dem Rechner seiner Praxis. Das stelle nicht nur die Beteiligten zufrieden, auch der Datenschutz sei gewährleistet.

Denn die e-Card soll im Internet jene Dokumente identifizieren, die zum Patienten gehören - gleich aus welchem Krankenhaus, von welchem Arzt oder welcher Krankenkasse sie stammen. So kann der Patient einzelne Dokumente ausblenden oder gar den Zugang komplett sperren. "Verschweigt er den Besuch beim Psychologen, wird der Arzt ihn auch nicht finden", so Thomas Schabetsberger. Bis die e-Card all das kann, müssen noch einige technologische Nüsse geknackt werden.

Schneller und billiger. Die Spitäler sind auf ihrem Weg in die technologische Zukunft bereits ein ganzes Stück weiter. Nahezu jede Klinik legt inzwischen die Daten in einem elektronischen Informationssystem ab. Und das zahlt sich aus: Röntgen-oder Computertomografie-Bilder sind unmittelbar nach der Aufnahme elektronisch für die behandelnden Ärzte verfügbar", sagt Georg Lechleitner, IT-Leiter der Tiroler Landeskrankenanstalten in Innsbruck. Jeder Arzt im Krankenhaus kann nach der Eingabe seiner Identifikationsdaten den elektronischen Patientenakt einsehen. Jeder Aufruf wird jedoch im Hintergrund dokumentiert. "Falls kein Behandlungsverhältnis der jeweiligen Abteilung zum Patienten besteht", erklärt Lechleitner, wird automatisch der Datenschutzbeauftragte benachrichtigt.

Die Vernetzung soll nicht nur die Behandlung der Patienten beschleunigen, sondern auch eine Menge Papier und Porto sparen. Für Österreich gibt es keine seriösen Schätzungen, ob und wie sehr sich die Kos?ten im Gesundheitswesen durch die elektronische Datenübertragung reduzieren lassen. Einer Studie der OECD zufolge gibt Österreich 9,6 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Krankenversorgung aus - weit weniger als Deutschland, die Schweiz und die USA. Es sei jedoch bezeichnend, "dass gerade die privat geführten Krankenhäuser in den USA, dem mit Abstand teuersten und auf maximalen Profit ausgelegten Gesundheitssystem, auf eine vernetzte Infrastruktur setzen", sagt Karl Peter Pfeiffer.

So rüstet das Childrens Hospital of Pittsburgh ganz auf den elektronischen Krankenakt um. Statt eines Aktenwägelchens nehmen die Ärzte nun einen Laptop mit zur Visite. Über den drahtlosen Intranetanschluss sind sie immer mit dem Krankenhausinformationssystem verbunden und können alle wichtigen Daten und Behandlungsergebnisse der kleinen Patienten abrufen - vom Alter bis hin zu Röntgen-und Labortests. Neun Millionen Dollar hat die Umwandlung zum Hightechcenter mit angeschlossener Kinderklinik gekos?tet. Doch das Management rechnet in den ersten fünf Jahren mit Einsparungen von fünfzig Millionen Dollar, danach sollen es sogar hundert Millionen Dollar jährlich werden.

Schwachstelle OP. Die neue E-Medizin soll neben Beschleunigung und Kostensenkung aber noch etwas Drittes leisten: mehr Sicherheit für die Patienten. "Der schwächste Punkt eines Krankenhauses ist der Operationssaal", sagt Lechleitner. Dort kommen alle kritischen Momente zusammen: geschwächte Patienten, Pfleger, die am besten überall zugleich sein sollten, Ärzte, die unter Umständen schon seit Stunden operieren.

Das US-amerikanische Institute of Medicine schätzt, dass etwa 95.000 Amerikaner nicht an ihren Krankheiten, sondern durch Fehler der Ärzte sterben. Das ist eine der acht häufigsten Todesursachen - noch vor Autounfällen, Brustkrebs oder Aids. In Europa sieht es nicht viel anders aus. Dabei stehen die Ärzte vor einem Dilemma: Sie müssen immer kompetenter und gleichzeitig effizienter arbeiten.

So führten Michael Nogler, der stellvertretende Direktor der Orthopädischen Klinik der Uniklinik Innsbruck, und Franz Mannsberger, der OP-Koordinator und Herr über 25 Operationssäle, das neue Identifikationssystem "Proact" ein. Die in einigen Kaufhäusern eingesetzten RFID-Chips liefern den Schlüssel dazu. Patienten bekommen sie bei ihrer Einlieferung um das Handgelenk gebunden. Lesegeräte an den OP-Sälen registrieren jeden Patienten, der auf der Trage hineingeschoben wird, und geben die Informationen an das OP-Management-System weiter. Stimmen die Daten des Patienten nicht mit denen im System überein, wird Alarm geschlagen - sowohl auf den Bildschirmen wie auch an den Telefonen der OP-Koordinatoren.

Liegt der richtige Patient zur richtigen Zeit am richtigen Ort, öffnet Proact am Wandmonitor des PC ein Fenster, das die Ärzte noch einmal mit den wichtigsten Informationen versieht: dem Befund und was - auf welcher Seite! - operiert werden soll. Horrormeldungen, dass der falsche Lungenflügel oder das gesunde Bein entfernt wurden, sollen der Vergangenheit angehören. Das System leistet allerdings noch mehr: Es blendet mögliche Allergien und auch die Instrumente ein, für die sich das Team bei der Planung entschieden hat. "Bei den Ärzten ist dieser zusätzliche Sicherungspuffer mit großer Zustimmung angenommen worden", sagt Mannsberger. Und auch die Patienten fühlen sich sicherer.

Aus sicherer Distanz. Noch einen Schritt weiter ist man beim Riverside Hospital im US-Bundesstaat Ohio, berichtet das Magazin ehealthcom. Das Krankenhaus setzt auf Remote-ICU, die telematische Intensivstation. Neben dem üblichen Arzt-und Pflegepersonal beobachtet ein Intensivmediziner von einem weit vom eigentlichen Ort des Geschehens befindlichen Büro aus die Patienten. Eine Kamera gegenüber dem Bett klärt ihn über deren Allgemeinzustand auf, Datenleitungen spielen ihm die lebenserhaltenden Parameter, wie Blutdruck, Herzschlag oder Temperatur, aber auch Behandlungspläne und Befunde in seine Überwachungszentrale zu.

Die Distanz soll dem fernen Beobachter helfen, den Überblick zu bewahren. Wie viel Menschenleben das Konzept bislang rettete, lässt sich nicht genau abschätzen. Doch aus einer US-Studie mit mehr als 2100 Patienten aus dem Jahr 2004 geht hervor, dass die Sterblichkeit auf der Intensivstation von 23 auf 17 Prozent und die durchschnittlichen Liegezeiten der Patienten um fast einen Tag gesunken ist. Ältere Studien besagen, dass auf Intensivstationen, in denen die Kranken rund um die Uhr überwacht werden, die Sterblichkeit um zwanzig bis dreißig Prozent sinkt. Inzwischen nehmen bereits mehrere Hundert Intensivstationen an dem Remote-System teil.

Die vernetzte Zukunft hat also längst begonnen, aber es gibt noch vereinzelt Inseln. "Es ist wie mit jeder Technik - der Mensch braucht Zeit, um sich an die neuen Strukturen zu gewöhnen", sagt Siegbert Faiss. Er muss es wissen, schließlich arbeitet er an der Asklepios Klinik Barmbek in Hamburg, dem sogenannten Future Hospital, dem Referenzkrankenhaus von Microsoft und Intel. Dort haben sich einige Anwendungen als untauglich herausgestellt, andere als unerwartet praktisch. Heute aber will der Gastroenterologe Faiss nicht mehr auf die moderne Technik verzichten. Auch er geht mit seinem Laptop auf Visite und trägt dort seine Anordnungen ein. Jeden Morgen, noch bevor er seine Station betritt, wirft er einen Blick in den Computer, der ihm sagt, welche Neuzugänge es gibt und welche Probleme über Nacht aufgetreten sind. "Man ist einfach besser vorbereitet", sagt er.

LINKTIPPS

Hier wird das österreichische Gesundheits?wesen vernetzt:

www.healthatnet.at

Die Zeitschrift für den Gesundheitsnetzwerker:

www.e-health-com.eu/ehealth_neues_ design.html

Zur Teledermatologie an der Uniklinik Graz:

www.meduni-graz.at/aktuelles/akt_081106a .html

Mehr Links und Literatur unter www.falter.at/heureka

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