Ready for Take-off

Peter Baumgartner | aus HEUREKA 2/06 vom 13.12.2006

E-Learning hat an den österreichischen Universitäten in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Zum Alltag ist es aber längst noch nicht geworden. Eine Zwischenbilanz.

Radikaler Wandel. Vor der Jahrtausendwende kam E-Learning an den österreichischen Hochschulen nur in vereinzelten Pilotprojekten zum Einsatz. Das Bild hat sich seit dem Jahr 2000 radikal gewandelt, als durch den Einsatz von vergleichsweise bescheidenen elf Millionen Euro an E-Learning-Forschungsmitteln, die das Wissenschaftsministerium in 25 Content-und elf Strategieprojekte investierte, ein erster Schritt gesetzt wurde. Mittlerweile haben fast alle Universitäten eigene Organisationseinheiten für E-Learning gegründet und sie mit fachkompetenten Personen besetzt. Meist handelt es sich um Stabstellen, die als Supporteinrichtungen für die Lehre eingerichtet wurden und direkt der Hochschulleitung (z.B. dem Vizerektorat für Lehre) unterstehen.

Außerdem wurden in fast allen Zielvereinbarungen der 21 österreichischen Universitäten mit dem Ministerium auch Leistungen in Sachen "Blended Learning" (eine Kombination von E-Learning und Präsenzunterricht) vereinbart. Ein österreichisches Spezifikum stellt die Gründung eines eigenen Vereins, Forum Neue Medien - Austria (fnm-a), dar. Darin sind - mit Ausnahme der Montanuniversität Leoben - alle österreichischen Universitäten und sehr viele Träger von Fachhochschulen organisiert. Der Verein führt zwei Mal im Jahr facheinschlägige öffentliche Veranstaltungen und Pilotprojekte im Auftrag des Wissenschaftsministeriums durch.

So positiv sich diese Entwicklungen auch aus der Insiderperspektive ausnehmen, so stellt sich doch die Frage, ob die Auswirkungen auch bis zu den Studierenden durchgedrungen sind? Ist E-Learning bereits so weit in den Studienalltag integriert, dass sich eine spürbare Erleichterung in der Administration und eine Verbesserung in der Qualität der Lehre erkennen lässt? Kann man bereits von einer Trendwende im Hochschulalltag sprechen?

Ich glaube, dass dies noch nicht der Fall ist: Bezogen auf das Modell von Everett Rogers, das die Stadien der Durchsetzung von technologischen Neuerungen beschreibt, haben wir sicherlich bereits die Phase der Innovatoren (2,5 Prozent der Hochschullehrer) und vielleicht auch schon die Phase der "Frühen Anwender " (weitere 13,5 Prozent) überschritten. Wir befinden uns daher bestenfalls immer noch im Take-off, d.h. einer starken Zunahme und Verbreitung von E-Learning an Hochschulen.

Fehlende Mehrheit. Keinesfalls ist jedoch die nächste Phase der "frühen Mehrheit" (weitere 34 Prozent) abgeschlossen. Man kann also noch nicht davon sprechen, dass damit bereits die Hälfte des sozialen Systems mit der Innovation unumkehrbar "infiziert" wäre. Damit haben wir auch noch keine Trendwende, kein "Umkippen" der Innovation in den Alltag erreicht: E-Learning wird immer noch als Innovation gesehen und hat sich noch nicht in Routine und Gewohnheit aufgelöst.

Für die weitere Entwicklung müssen meiner Ansicht nach die folgenden vier Punkte berücksichtigt werden. Erstens hängt eine qualitativ sinnvolle Weiterentwicklung mit der strategischen Positionierung der Bildungsinstitution im internationalen (europäischen) und nationalen Kontext ab. Welche Rolle soll E-Learning im (inter-)nationalen Bildungskontext der jeweiligen Hochschule spielen. Zweitens: Statt sich ausschließlich auf die Produktion qualitativ hochstehenden Inhalts ("Content") zu konzentrieren, besteht die eigentliche Herausforderung in der Entwicklung neuer didaktischer Arrangements, damit Lehrende wie Studierende die Vorteile - den sogenannten "didaktischen Mehrwert" - von E-Learning voll nutzen können.

Drittens müssen die Hochschulen durch ein noch zu entwickelndes Anreizsystem für Lehrende für eine eigenständige Weiterentwicklung im Sinne einer organisationsinternen Stabilisierung Sorge tragen. Die "späte Mehrheit" (weitere 34 Prozent der Hochschullehrer) kann nicht alleine durch Appelle an die Innovationsbereitschaft motiviert werden. Und viertens: Erst wenn es keine Medienbrüche mehr zwischen Lehre und Administration gibt und beide Prozesse durch ein integriertes Softwaresys?tem ("Campusmanagement") abgebildet sind, kann E-Learning auch im administrativen Bereich seine volle Wirkung für Hochschulmitarbeiter und Studierende entfalten.

Mit den bisherigen Förderprogrammen zu E-Learning wurde eine wichtige Entwicklung im Hochschulbereich eingeleitet. Das eigentliche Ziel - eine flächendeckende Verbesserung in Qualität und Administration der Lehre - wurde aber noch nicht erreicht. Dazu bedarf es weiterer konzentrierter Anstrengungen, vom Bund und von den Hochschulen.

ZUR PERSON

Peter Baumgartner, 53, ist Universitätsprofessor an der Donau-Universität Krems und leitet das Department für Interaktive Medien und Bildungstechnologien. Zuvor lehrte er als Professor für Bildungstechnologie an der Fernuniversität Hagen. Baumgartner war Sprecher der Steuerungsgruppe bei den vom bm:bwk geförderten "Content"-Projekten (erste Runde der Ausschreibung) und Jurymitglied bei den "Strategie"-Projekten (2. Runde).

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