Science@Fiction

aus HEUREKA 1/07 vom 28.03.2007

Von Reggaemusik verstehe ich gar nichts. Dennoch habe ich einmal den betreffenden Wikipedia-Artikel umgeschrieben und zwei ehemalige Schulkollegen als die neben Bob Marley wichtigsten Reggaepioniere gewürdigt. Es dauerte drei Tage, bis die Fehlinformation bemerkt und gelöscht worden war - drei Tage, in denen wohl mancher Schüler in seinem Referat und vielleicht sogar der eine oder andere Musikjournalist sonderbare Dinge in die Welt setzte.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass der in ein paar Details fehlerhafte Wikipedia-Artikel über mich von den meisten Journalisten, die über mich und meine Bücher schreiben, als Hauptquelle genutzt wird. Um wie viel mehr wird das bei wissenschaftlichen Inhalten der Fall sein: Jene Zeilen, von denen man unmöglich wissen kann, ob sie nicht der Insasse einer Nervenheilanstalt mit Internetzugang, ein gerade von Tabletten beeinträchtigter Student, eine schläfrige Hausfrau beim Bügeln oder schlicht ein böswilliger Witzbold geschrieben hat, werden immer öfter mit einem Zutrauen verwendet, als entstammten sie der Encyclopedia Britannica.

Vor einiger Zeit machte der Fall einer Schriftstellerin Schlagzeilen, die auf der Website des deutschen Literaturarchivs erfahren konnte, dass sie regelmäßig als Rennfahrerin und Formel-1-Kommentatorin tätig sei. Die Information, verbreitet von einem hochsubventionierten Webportal, stammte natürlich aus Wikipedia.

Zugegeben: Das erstaunliche an Wikipedia ist nicht, wie fehlerhaft sie ist, sondern wie viele Informationen eben doch richtig und wie gut geschrieben und treffend viele der Artikel sind. Einen Großteil der Informationen kann der Kenner eben doch als korrekt und brauchbar einschätzen. Aber man muss eben auch ein Kenner sein, um das Richtige vom Falschen zu trennen; und wer sich bei seinen Recherchen auf den Wikipedia-Artikel verlässt, wird nie genau wissen, ob er nicht gerade eben einem albernen Menschen aufgesessen ist, der meint, einige dumme Scherze in die Geschichte der Kreuzzüge einfügen oder technische Details über das Space Shuttle erfinden zu müssen. Glauben Sie mir, es gibt solche Leute. Ich weiß es, denn ich bin einer von ihnen.

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